Videobrille Kino am Kopf

Scharf, schärfer, Cinemizer, so preist Optik-Hersteller Carl Zeiss seine neue Videobrille an. Matthias Kremp hat sich das Klapp-Kino auf die Nase gesetzt und ausprobiert, ob die Realität mit diesen Versprechungen mithalten kann.


Die Vorstellung ist verlockend: Man setzt sich eine Brille auf die Nase, stöpselt einen Videoabspieler an und genießt sein ganz persönliches Heimkino, mit virtueller Riesenleinwand und direkt ins Ohr getöntem Kinosound. Genau solche Erlebnisse verspricht das vor allem für Kameraoptiken bekannte Unternehmen Carl Zeiss für die Videobrille Cinemizer. Nicht weniger als das "mobile Kino im Brillenformat" avisiert die Firma in ihrer Werbung.

An der Verwirklichung dieser Wunschvorstellung haben sich freilich schon ganz andere versucht. In den neunziger Jahren wurde mit kürbisgroßen Helmkonstruktionen die virtuelle Realität geprobt. Um die Jahrtausendwende versuchten sich Olympus und Sony an stark verkleinerten Brillen, wurden von den Medien gefeiert. Damals allerdings war man in erster Linie von der Technologie begeistert. Schließlich standen im Wohnzimmer noch klobige Röhrenfernseher, von HDTV war keine Rede. Da störte es kaum, dass die frühen Videobrillen nur mickrige Auflösungen und flackernde Bilder lieferten.

Heute ist das anders. Längst gilt selbst die Bildqualität der DVD als locker übertrumpfbar, wird von Blu-ray, HD DVD und hochauflösenden Webvideos in den Schatten gestellt. Entsprechend höher sind die Erwartungen an eine Videobrille. Zumal, wenn sie explizit als Zubehör für Highend-Gadgets wie Apples iPods angeboten und zu einem Preis von 369 Euro verkauft wird.

Ein Heimkino zum mitnehmen?

Doch an Digital-TV und DVDs gewöhnte Augen kann der Cinemizer nicht überzeugen. Bezeichnend ist der Ausspruch eines Redakteurs, der beim Blick in die Brille fragte, ob man das Video auch in Farbe sehen kann. Denn das ist das Hauptproblem, mit dem das Gerät zu kämpfen hat: Kontrast und Farben sind flau, Details sind in dunklen Filmszenen nicht mehr zu erkennen. Die einzige Möglichkeit, daran etwas zu ändern besteht darin, eine von drei Video-Voreinstellungen auszuwählen. So lässt sich zumindest die Helligkeit ein wenig regulieren, was bei düsteren Filmen absolut empfehlenswert ist.

Ein zweiter Knackpunkt ist die Auflösung der beiden Mini-Displays, die in der Brille das Bild erzeugen. Sie liegt bei 640 mal 480 Bildpunkten, hat also ein Seitenverhältnis von 4 zu 3. In Breitbildformaten wie 16:9 oder 2,35:1 aufgenommene Filme werden daher gestaucht dargestellt. Das Versprechen, das von der Brille erzeugte Bild würde dem eines 45-Zoll großen Flachbildschirms in zwei Metern Entfernung entsprechen, wird nicht eingelöst. Wenn man denn überhaupt mit derlei Vergleichen hantieren will, entspricht der Bildeindruck eher dem eines bedeutend kleineren Fernsehers.

Bemerkenswerte Klangkulisse

Vor allem aber stören Lichtreflexe, die sowohl von außen, als auch von den Displays selbst in die Brille eingestreut werden. So kommt nie echtes Kino-Feeling auf. Stattdessen wird die Aufmerksamkeit der Augen immer wieder vom Geschehen auf dem Bildschirm abgelenkt.

Immerhin: Die vom Designstudio Frog-Design gestaltete Cinemizer-Brille lässt sich gut an den jeweiligen Nutzer anpassen. Verstellbare Ohrenbügel sorgen für festen Sitz, die Fokussierung der Brillengläser lässt sich in einem Bereich von -3,5 bis +3,5 Dioptrien einstellen. So müssen Brillenträger keine Brille unter der Brille tragen. Das zur Justierung angebotene Testbild ist für diesen Zweck freilich wenig geeignet, stellt es doch lediglich Farbbalken dar.

Bemerkenswert: Auch die Kopfhörer sind in das Brillengestell integriert, liegen von außen auf den Ohren auf. Gegenüber In-Ohr-Kopfhörern hat das verschiedene Nachteile, etwa, weil der Ton nicht direkt in den Hörkanal eingespielt wird. Den Designern ist es aber gelungen, diesen Nachteil geschickt zu relativieren, indem sie die Lautsprecher in eigene bewegliche Bügel auslagerten. Die lassen sich so justieren, dass sie direkt über den Ohren zu liegen kommen. So gelangt der Soundtrack erstaunlich fett, wenn auch prinzipbedingt etwas bassarm ins Ohr - was auch die Umgebung deutlich zu hören bekommt.

Nicht für schwache Mägen

Dem Akku traut der Hersteller eine Laufzeit von "mindestens vier Stunden" zu, ein Wert, den ich bei meinen Tests nicht bestätigen konnte. Lästig auch: Es wird keine Ladegerät, sondern nur ein USB-Kabel zum Aufladen mitgeliefert. Mindestens zweieinhalb Stunden dauert es, den Stromspeicher vom Format eines Handyakkus aufzuladen. Der Computer muss während des gesamten Ladevorgangs eingeschaltet bleiben, was der Energiebilanz nicht eben zuträglich ist.

Den Traum von Kino in der Jackentasche kann leider auch die Cinemizer-Brille nicht erfüllen. Die Auflösung ist zu niedrig, die Bildqualität zu flau und der Sound nur "in Ordnung". Zudem tritt bei empfindlichen Naturen wie mir selbst das Phänomen auf, dass sich nach etwa zehn Minuten Brillenkino ein Gefühl der Übelkeit einsetzt, die Augen ermüden. Da starre ich lieber weiterhin beim mobilen Kino-Gucken auf das zugegeben sehr kleine, dafür aber brillante Bildschirmchen von iPhone, iPod oder sonst einem mobilen Mediaplayer. Die 369 Euro, die der Cinemizer kosten soll investiere ich lieber in ein paar ordentliche Kopfhörer und ein paar DVDs.

Immerhin: Offenbar ist es auch dem Hersteller nicht entgangen, dass der Cinemizer noch mit einigen Problemen zu kämpfen hat. Nach Unternehmens-Angaben wird derzeit an Verbesserungen für die Kinobrille gearbeitet. Die sollen noch fertig werden, bevor der Cinemizer in den Handel kommt. Welcher Art die Verbesserungen sein werden, konnte man auf Anfrage allerdings nicht erläutern.

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