Videospielmesse E3 Nintendo feiert jede Woche Weihnachten

Ein verfeinerter Game-Controller, ein paar neue Spiele und viele warme Worte: Nintendos Aufgebot bei der Electronic Entertainment Expo in Los Angeles fiel eher bescheiden aus. Aber der Konsolenkonzern kann sich auch auf guten Zahlen ausruhen.

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Nintendo, könnte man sagen, hat es dieser Tage einfach nicht nötig. Für den Konsolenhersteller, der sich im Gegensatz zu Microsoft und Sony aufs Kerngeschäft konzentriert, läuft es im Augenblick hervorragend. Sowohl die Wohnzimmerkonsole Wii als auch der tragbare DS verkaufen sich wie geschnitten Brot, und nebenbei hat es der Konzern auch noch geschafft, mit den Geräten in unschuldigem Weiß der Branche ein neues Image anzubieten. Eines, mit dem sich auch Kinderschützer, Eltern und Politiker anfreunden können. Man habe den Markt verändert, sagte Nintendo-Chef Satoru Iwata - jetzt sei jede Woche Weihnachtsgeschäft. Allein in Europa verkaufte sich der Nintendo DS Woche für Woche 200.000 mal. In den USA allein, sagte US-Chef Reggie Fils-Aime, habe man nur mit Wii- und DS-Hardware fünf Milliarden Dollar umgesetzt.

Shigeru Miyamoto mit virtueller Gitarre: Schauerliche Geräusche aus dem Synthesizer
REUTERS

Shigeru Miyamoto mit virtueller Gitarre: Schauerliche Geräusche aus dem Synthesizer

Entsprechend warm und freundlich war die Atmosphäre auf der Nintendo-Pressekonferenz bei der Electronic Entertainment Expo am Dienstagabend in Los Angeles. Viele warme Worte gab es noch dazu, von "bereicherten" und "enthusiasmierten" Spielern war gleich mehrmals die Rede. Nintendos Videospielwelt ist eben eine utopische.

Man wolle die Leute zum Lächeln bringen, das war denn auch das zentrale Thema der Präsentation. Dazu hatte man ein paar neue, teils aber längst angekündigte Spiele mitgebracht - und einen auch schon vorher angekündigten kleinen Steckaufsatz für den Wii-Controller, der dessen Raumlage präzise und fast ohne Latenzzeit erfassen soll. So dass die Bewegungssteuerung der Konsole besser, genauer funktioniert.

Und weil man bei Nintendo gelernt hat, dass sich Hardware am besten über Software verkaufen lässt, kommt das Aufsteckkästchen namens "MotionPlus" im Bündel mit einer Fortsetzung des populärsten Wii-Titels überhaupt: "Wii Sports". Diesmal gibt es statt Bowlingkugeln Frisbee-Scheiben, Schwert- statt Boxkampf und Jetski-Rennen statt Tennis. "Wii Sports Resort" wird ein Hit werden, daran gibt es kaum Zweifel - bis heute spielen viele Besitzer der Konsole nichts anderes als den Vorgänger.

Zum verfeinerten Controller kommt ein neues Kommunikationsgerät. Aber, und das ist programmatisch, kein Headset mit Kopfhörer, wie man das vom PC und der Konsolenkonkurrenz kennt, sondern einen Lautsprecher und ein Mikrophon, so dass "alle mit allen reden können". Wenn "Wii Speak" sich durchsetzt, dürfte die Konsolenfreisprechanlage so manchen Elternteil oder Mitbewohner in den Wahnsinn treiben.

Ansonsten hatte Nintendo wenig Neues anzukündigen. Ein neues "Animal Crossing" für die Wii, das man online gemeinsam spielen können soll, einen DS-Ableger von " Spore" und ein Spiel namens "Wii Music" das auch Menschen, die gar kein Instrument beherrschen, das Musikmachen erlauben soll. Die Demonstration durch Spiele-Gott Shigeru Miyamoto ("Super Marios" Vater, stilecht im "Mario"-T-Shirt) und ein paar Nintendo-Manager - sie versuchten sich natürlich an einem "Mario"-Thema - nährte aber heftige Zweifel am Konzept. Nicht nur, aber auch wegen der grausigen Synthesizersounds, die das Programm anstatt echter instrumentaler Klänge erzeugt.

Besitzer eines Balance Boards dürfen sich immerhin auf das freuen, wofür das Gerät von Anfang an gedacht schien: In einem Snowboard-Spiel und dem von Ubisoft beigesteuerten neuen "Rayman"-Titel wird man auf der weißen Standwaage balancierend Geschwindigkeitsräusche simulieren können.

Für den harten Kern der Spielergemeinde, die sich vom fröhlichen Familienkonzern Nintendo ein bisschen vernachlässigt fühlt, gab es auch ein bisschen anzukündigen: Einen "Grand Theft Auto"-Titel namens "China Town Wars" für den Nintendo DS und eine Version des Kriegs-Shooters "Call of Duty", die man, den Controller immer auf den Schirm gerichtet und den Finger am Abzug, auch kooperativ zu zweit wird spielen können. Außerdem gab es ein paar neue Bilder zum "Star Wars"-Spiel, in dem die Wiimote exzessiv als Lichtschwert eingesetzt werden darf - aber das war eigentlich schon bekannt.

Wie gesagt: Nintendo hat es einfach nicht nötig im Augenblick.



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