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Volkssport Counter-Strike: Chucky muss trainieren

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Das in diesen Tagen wieder verteufelte Spiel "Counter-Strike" ist in Deutschland Volkssport. Die Spielerzahlen können sich mit denen von Ballsportarten messen. Für Einige aber ist "Counter-Strike" Leistungssport - zum Beispiel die Mitglieder des Topteams "Alternate aTTaX".

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Meisterschaft, und Chucky muss trainieren. Chucky muss eigentlich jeden Tag trainieren, das ganze Jahr, so ist das nun mal bei Leistungssportlern. "Sonst kannst du nicht mithalten", sagt er.

"Counter-Strike"-Team "Alternate aTTaX"mit "Chucky" (2. v.l.): "Schnelles Verschieben, offensives Decken"
Alternate

"Counter-Strike"-Team "Alternate aTTaX"mit "Chucky" (2. v.l.): "Schnelles Verschieben, offensives Decken"

Also sitzt er im Trainingszentrum seines Teams in Gießen. In der Vitrine an der Wand glänzen Medaillen und Pokale, im Nebenraum steht der Tischkicker für die Pause, im Obergeschoss warten die Ruheräume mit der Massage-Liege. Später soll es ein Trainingsspiel geben, so haben es die fünf Mitglieder seiner Mannschaft verabredet. "Aber erst müssen wir die Taktik besprechen", sagt Chucky.

Die fünf diskutieren dann, in rascher Folge, über "schnelles Verschieben" und "offensives Decken" und andere taktische Varianten. Es klingt nach Fußball auf Klinsmann-Niveau - bis Chucky und seine Mitspieler zu der wichtigen Frage gelangen, in welchem Winkel die Granate am besten zu werfen ist.

Peter Schlosser, Künstlername Chucky, und sein Team, "Alternate attax", sind die amtierenden Deutschen Meister im "Counter-Strike" (übersetzt: Gegenschlag), dem wohl meistdiskutierten Computerspiel aller Zeiten. Es handelt vom Kampf der "Terror-Fraktion", die Bomben legt, gegen die "Anti-Terror-Fraktion", die Bomben entschärft.

Wieder einmal zum Synonym für das Böse geworden

Kaum ein Spiel ist beliebter, kein Spiel ist umstrittener: Mit dem Amoklauf von Emsdetten ist "Counterstrike" wieder einmal zum Synonym geworden für das Böse, das Jugendliche angeblich vor dem Computer treiben - bis sie dann schwerbewaffnet ihre Schule stürmen und wahlweise ihre Mitschüler oder ihre Lehrer abknallen. "Killerspiele bedrohen innere Sicherheit", meldete eine Nachrichtenagentur unter der Berufung auf das Bundesinnenministerium. Und manche Politiker haben ein solch großes Problem mit Spielen wie "Counterstrike", dass sie ein umfassendes Verbot fordern.

Chucky aber hat nur ein Problem: Er muss seinen Titel verteidigen. Am nächsten Wochenende findet das Finale der Baller-Bundesliga der "Electronic Sports League" statt. Deshalb darf heute im Training nicht mehr allzu viel schiefgehen. Konzentriert blickt Chucky auf den Bildschirm und knetet sich die Hände warm, über Kopfhörer und Mikrofon trifft er letzte Absprachen mit seinen vier Mitspielern.

Dann geht er erst mal einkaufen im Waffenlager, um sich für den Kampf zu rüsten. Das Maschinengewehr etwa, 600 Schuss pro Minute, kostet 750 Dollar. Außerdem im Angebot: Pistolen, Schrotflinten, Granaten - und zum Schutz auch eine Kevlar-Weste. Und endlich kann es losgehen. Chucky lässt seinen Kämpfer über den virtuellen Bahnhof flitzen, die rechte Hand trommelt auf die Maus, die linke Hand hackt auf die Tastatur, und auf dem Bildschirm ballert der Kämpfer. "Sauber", ruft Chucky, "schön" - dann ist wieder ein Terrorist tot, wenigstens in dieser Runde.

"Wir waren noch nicht warmgespielt"

Zur selben Zeit sitzen in Polen fünf junge Männer vor den Bildschirmen. "Pentagram" heißt der Trainingspartner an diesem Abend, eines der besten Teams der Welt. Die Polen haben gerade die World Cyber Games gewonnen, die Olympischen Spiele sozusagen, und lassen den Deutschen schließlich keine Chance mehr: Sie gewinnen 21 der dreißig Runden. "Wir waren wohl noch nicht warmgespielt", meint Chucky.

Für ihn ist "Counter-Strike" ein Sport wie jeder andere, "ohne dass die Muskulatur beansprucht wird natürlich", sagt Chucky. Für sein Studium der Wirtschaftsinformatik bleibt dem 24-Jährigen nur wenig Zeit. Regelmäßige Trainingseinheiten am Abend und am Wochenende, zahlreiche Pflichtspiele in der Bundesliga und in der Champions League, dazu internationale Wettkämpfe und als Ausgleichssport Badminton - das ist die Belastung eines Leistungssportlers und hat nichts mehr gemein mit dem Freizeitvergnügen von Millionen Daddlern.

Rund 2,6 der sechs Millionen Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren haben schon einmal "Counterstrike" gespielt, fand der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest vor zwei Jahren heraus. Hunderttausende Spieler sind in diversen Ligen organisiert. Allein die "Electronic Sports League" zählt über 600.000 Spieler; die deutschen Volleyball- oder Basketballvereine haben weniger Mitglieder. Zwei Fünftel der ESL-Spieler haben nach Angaben des Anbieters schon an einem der "Counterstrike"-Wettkämpfe teilgenommen. Dabei verfügen sehr viele Spiele über weitaus modernere Grafik, viele Spiele zeigen auch weitaus mehr Brutalität; auch von "Counter-Strike" gibt es eine neuere Version. Doch kaum ein Computerspiel ist so erfolgreich wie der sieben Jahre alte Klassiker - und kaum ein Spiel wird so professionell betrieben.

80.000 Dollar Preisgeld in einem Monat

Chucky gehört einem Werksteam an, das sich der Computerversand "alternate" hält. "Allein im Juni und Juli hat unser Team 80.000 Dollar Preisgeld reingeholt", sagt er. Die Konkurrenz ist groß, für Spitzenspieler sind oft Ablösesummen und teils vierstellige Monatsgehälter zu zahlen, und jemand wie Chucky hat eigene Autogrammkarten. "Vor kurzem bin ich sogar einmal im Supermarkt angesprochen worden", sagt er.

Das klingt nicht nach Angeberei, wie man sie manchen Spitzensportlern nachsagt. Es klingt aber erst recht nicht nach schüchterner Verklemmtheit, wie manche sie Computerspielern nachsagen. Peter Schlosser wirkt offen und aufgeschlossen und kann wortgewandt erklären, warum er die gegenwärtige Diskussion um die angeblichen "Killerspiele" für verfehlt hält. "Es muss betont werden, dass es auf die Taktik ankommt und das Schießen nicht im Vordergrund steht", sagt er dann.

Die aktuelle Diskussion kann er nicht verstehen: "Die Politiker suchen sich doch nur einen Sündenbock." Ihm selbst wäre es ohnehin am liebsten, wenn man möglichst viele Details im Spiel ausblenden könnte. "Das lenkt nur ab." Vor Jahren habe es mal diese Möglichkeit gegeben. Chucky hat dann seinen Computer so eingestellt, dass es nicht spritzte, wenn er einen Gegner getroffen hatte. "Doch solche Möglichkeiten wurde leider abgeschafft", sagt er. "Wegen Wettbewerbsverzerrung."

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