Zehn Jahre Counter-Strike Kopfschüsse und Kunstwerke

Angstobjekt, Kultspiel und Community-Projekt: "Counter-Strike" ist das wohl umstrittenste Computerspiel aller Zeiten - und gleichzeitig eines der populärsten. Bis heute lernt die Spielebranche aus dem Erfolg des Hobbyprojekts, das jetzt zehn Jahre alt ist.

Von Mathias Hamann und


Zwischen dem 19. und dem 27. Juni 1999 wurde ein Stück Software auf die Welt losgelassen, das bis heute die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen bindet: "Counter-Strike". Am Anfang stehen: sechs Karten, neun Waffen und eine Aufgabe - Geiseln zu befreien. Heute ist das einstige Hobbyprojekt zweier Studenten zur kulturellen Chiffre geworden, zum Angstobjekt von Politikern und Pädagogen, zum Fußball des E-Sport - und zur Inspiration für Pläne und Hoffnungen der Spielebranche, ihre Kunden für sich arbeiten zu lassen.

"Es wuchs von selbst," erklärte "Counter-Strike"-Schöpfer Minh Le den Erfolg des ersten echten Web-2.0-Spiels in einem Interview mit der Entwickler-Website Gamasutra. Dabei hatten die beiden Erfinder eigentlich alle Regeln gebrochen, die damals für erfolgreiche Computerspiele zu gelten schienen.

Die Geschichte von "Counter-Strike" ist auch die Geschichte einer neuen Generation von Medienkonsumenten. Der Amerikaner Jess Cliff und der Vietnam-Kanadier Minh Le lernen sich übers Internet kennen. Gemeinsam erarbeiten die Informatikstudenten "Counter-Strike" - eigentlich ein Umbau, eine sogenannte Mod, des Ego-Shooters "Half-Life". Wenig später dirigieren die beiden bereits ein ganzes Team, das immer neue Versionen entwickelt.

Gaming 2.0, Community, Mulitplayer - alles schon 1999

Die "Counter-Strike"-Macher stehen exemplarisch für eine Avantgarde, die im Netz nicht nur konsumiert, sondern organisiert und produziert. "Counter-Strike", könnte man auch sagen, ist für Computerspiele das, was Wikipedia für Lexika und Linux für Betriebssysteme ist: ein großes, erfolgreiches Community-Projekt. Bis heute entwickeln Spieler neue "Maps", Spielfelder, die "Counter-Strike"-Community ist nach zehn Jahren lebendiger als je zuvor. Für ein Computerspiel ist diese Lebensdauer unerhört, erst recht für eines, das gar nicht von Profis entwickelt wurde. Heute versuchen sich viele diesen Effekt zu Nutze zu machen - auch Titel wie Sonys "Little Big Planet" oder Will Wrights "Spore" sollen die Kreativität der Spieler anzapfen.

Cliff und Minh Le veränderten ein vorgegebenes Computerspiel nicht nur im Aussehen, sondern fundamental: "Half-Life" schickte den Spieler allein in ein unterirdisches Hightech-Labor im Kampf gegen außerirdische Monster. Die Modifikation aber lässt Teams von "Polizisten" und "Terroristen" gegeneinander antreten. Die Rechner der Spieler sind per Netzwerkkabel oder Internet miteinander verbunden. "Counter-Strike" ist bis heute eines der populärsten Multiplayer-Spiele aller Zeiten - und damit wiederum Vorbild für all das, womit Branchenriesen wie Sony, Microsoft oder Electronic Arts versuchen, Spieler an Konsolen und PC zu binden.

70 Euro im Monat für die Internet-Flatrate

Modifikationen waren 1999 bereits verbreitet - neu an "Counter-Strike" war aber, dass die Spieler nicht nur gegeneinander, sondern miteinander spielen. Auch das, "Co-op-Gaming", ist heute Branchen-Mainstream. Und Team-Shooter haben sich als eigenes Genre etabliert. "'Counter-Strike' war das erste funktionierende Team-Spiel", sagt "Counter-Strike"-Veteran David Hiltscher. Er arbeitet heute für die Computerspiele-Liga ESL in Köln und kennt den Shooter seit neuneinhalb Jahren. Ihn kostete sein Hobby damals 70 Euro im Monat - so viel bezahlte er für Telefonanschluss mit Internet-Flatrate.

Multiplayer übers Netz, das war damals ein teurer Spaß. Die ersten Nutzer kamen folglich aus den IT-Berufen oder sind Kinder bürgerlicher Eltern. Trotzdem, gemeinsam spielen bringt Menschen zusammen, "wir spielten mit Bankern und Schülern zusammen, und manchmal trafen uns auch zum Grillen," beschreibt David Hiltscher die Überwindung von Schicht- und Altersschranken.

Der "Half-Life"-Hersteller Valve bietet im Jahr 2000 auch eine Verkaufsversion der Modifikation "Counter-Strike" an und landet damit Jahr um Jahr in den Top Ten. Die Schöpfer Minh Le und Jess Cliffe stellt Valve ein. Es kommen immer neue Versionen heraus, das Spiel findet den Weg auf die Festplatten von Schüler-PC.

"Counter-Strike" ist Code und Kampfbegriff

Auch auf die von Robert Steinhäuser, der am 26. April 2002 in seinem ehemaligen Gymnasium in Erfurt 16 Menschen und anschließend sich selbst erschoss. Spätestens seitdem ist "Counter-Strike" ein Code geworden, ein Kampfbegriff.

Es gilt als das prototypische Gewaltspiel, vor dem Politiker und Pädagogen warnen. Obwohl die Untersuchungskommission, die den Massenmord aufklären soll, zwar befindet, dass Robert Steinhäuser "Tötungsroutinen aus Computerspielen" verfolgte, aber auch klarstellt, "dass Robert Steinhäuser nicht die Nächte durch "Counter-Strike" gespielt hat und "Counter-Strike" kein Dauerbrenner von Robert Steinhäuser gewesen ist." Für Spielekritiker spielt das keine Rolle: Die Tatsache, dass virtuelle Kopftreffer in "Counter-Strike" als Ausweis besonderen Könnens gelten, reicht ihnen, um es als "Killerspiel" zu verdammen.

Der Popularität des Klassikers tut das keinen Abbruch. Um "Counter-Strike" herum ist eine gewaltige Subkultur entstanden, bei YouTube allein finden sich über 120.000 Videos zum Thema. Einige Fans modifizieren sogar die Modifikation: Sie lassen statt maskierten Polizisten und Spezialeinheiten die Simpsons gegeneinander antreten.

Andere bringen das Kunstphänomen Street Art ins Spiel: In ihrer Version zieren subversive Graffiti von Künstlern wie Banksy die Wände der Kampfarenen: "Diese Map wird bald Nike-Map heißen." Dass die Szene vermeintlicher potentieller Killer durchaus über Selbstironie verfügt, zeigt sich immer wieder: Ob in Comics, wie denen die des "Counter-Strike"-Cartoonisten Bender , der inzwischen auch Zeichentrickfilme produziert, oder in den zahlreichen Realfilmen, in denen Spieler die absurderen Seiten von "Counter-Strike" persiflieren: Die abgehackten Bewegungen der Spielfiguren, immergleiche Türquietsch-Geräusche, aus dem Nichts auftauchende Gegner. Um über "Counter-Strike"-Humor lachen zu können muss man, wen wundert's, selbst Spieler sein. Gamerwitze sind Insiderwitze.

"Counter-Strike"-Film mit Hunderttausenden Zuschauern

Andere karikieren die Vorurteile. So wie Alexander Roth und Daniel Schenk; ihr Film "A Gamer's Day" überspitzt die Klischees: Ein Junge erwacht inmitten von Chipsresten und entflieht in die Welt des Spiels. Hungergefühle stillt er mit dem Alleinnahrungsmittel Pizza, Freunde und Eltern können ihn nicht vom Eskapismus abhalten, irgendwann vermischt sich Realität mit Spielewelt und er bringt im Kampfanzug mit Schusswaffe und Tarnbewegungen den Abfall zur Mülltonne.

"Das Kostüm haben wir schneidern lassen," erinnert sich Alexander Roth. Der Abiturient und sein Freund Daniel Schenk investierten 1000 Euro sowie von 2003 bis 2005 zwei Jahre ihrer Freizeit in den Streifen. Auf 323 Seiten dokumentieren sie später die Resonanz ihres Werks: Statt der erhofften zehntausend Zuschauer erreichten sie Hunderttausende. Ihre Analyse zeigt zudem die Mediennutzung der Generation "Counter-Strike": Nur dreimal berichten gedruckte Medien über den Film, außerdem Giga, der einzige Fernsehsender für Computerspieler. Sein Publikum findet "A Gamer's Day" im Internet.

Wie andere Jugendkulturen auch schafft sich auch die "Counter-Strike"-Gemeinde ihre eigenen Räume. Ihre Subkultur differenziert sich dort aus, sorgt mit ihren Zeichen und Codes für Geschlossenheit und Abgrenzung nach außen. Punks trafen sich im Park und entwickelten gedruckte Fanzines in Kleinstauflage - die Generation "Counter-Strike" ist komplett im Internet vertreten, ihre Gemeinschaft ist eine digital vernetzte.

Computerspielen ist mittlerweile Sport geworden; "Counter-Strike" mit seinen Hunderttausenden Fans ist der Fußball des E-Sport mit Weltmeisterschaften verschiedener Sponsoren und fünfstelligen Preisgeldern.

Und die Schöpfer? Die haben sich zurückgezogen, Minh Le reagiert nicht auf Nachfragen, ebenso wenig wie Jess Cliffe. Ihren Ruhm auszuschlachten, das haben die beiden ganz offenbar nie in Erwägung gezogen.

Um es mit einem "Counter-Strike"-Künstler zu sagen: "Wir können uns unterhalten, herumlaufen, ein bisschen Street Art machen und sie fotografieren. Wir können sogar den Regeln folgen und versuchen, einander umzulegen. Aber verdammt noch mal: Es macht mehr Spaß sie zu brechen."

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Seite 1
Frosty127 27.06.2009
1.
Zitat von sysopSpielen Sie selbst "Counter-Strike"? Oder würden sie ein virtuelles Räuber- und Gendarm-Spiel niemals ausprobieren? Geschmacklose Gewalt oder kreative Community? Diskutieren Sie mit!
Hab es gespielt, und ist immer wieder ganz nett, um die Zeit zu vertreiben ... ein zeitloser Klassiker.
Epistokrat 27.06.2009
2. ...
weder noch, einfach nur ein Spiel. Zum Zeitvertreib, zum Wettkampf, zur Entspannung Nur selten sind Spiele auch Meisterwerke. Braid, Portal, die alten LucasArts-Adventures, Mario 3... das sind Meisterwerke
Putzer, 27.06.2009
3. Was ist überhaupt ein "Killerspiel"?
Zitat von sysopSpielen Sie selbst "Counter-Strike"? Oder würden sie ein virtuelles Räuber- und Gendarm-Spiel niemals ausprobieren? Geschmacklose Gewalt oder kreative Community? Diskutieren Sie mit!
Die Foristen, die sich zur Frage "Geschmacklose Gewalt oder kreative Community" äußern möchten sollten sich im Vorfeld überlegen, ob sie dazu inhaltlich überhaupt etwas sagen können. Das können nämlich nur Menschen, die Counterstrike oder vergleichbare Spiele schon einmal gespielt haben. Jemand, der dieses Spiel nur aus den mehr oder weniger polemischen Presse- und TV Berichten kennt, sollte lieber vornehm zurückhalten. Ich persönlich würde es sehr begrüßen, wenn im Zusammenhang mit Counterstrike und ähnlichen Games nicht immer reflexartig der Begriff "Killerspiel" verwendet würde. Es gibt keine "Killerspiele". Jedenfalls so lange nicht, bis endlich jemand eindeutig definiert, was eigentlich ein "Killerspiel" ist - und was nicht. Im Moment wird die Bezeichnung "Killerspiel" als negativ besetzter Kampfbegriff verwendet, mit dem Stimmung gegen Computerspiele aller Art gemacht werden soll. Das ist nichts billige Propaganda, gemacht für Leute, die von der eigentliche Materie absolut keine Ahnng haben.
Epistokrat 27.06.2009
4.
Zitat von PutzerDie Foristen, die sich zur Frage "Geschmacklose Gewalt oder kreative Community" äußern möchten sollten sich im Vorfeld überlegen, ob sie dazu inhaltlich überhaupt etwas sagen können. Das können nämlich nur Menschen, die Counterstrike oder vergleichbare Spiele schon einmal gespielt haben. Jemand, der dieses Spiel nur aus den mehr oder weniger polemischen Presse- und TV Berichten kennt, sollte lieber vornehm zurückhalten. Ich persönlich würde es sehr begrüßen, wenn im Zusammenhang mit Counterstrike und ähnlichen Games nicht immer reflexartig der Begriff "Killerspiel" verwendet würde. Es gibt keine "Killerspiele". Jedenfalls so lange nicht, bis endlich jemand eindeutig definiert, was eigentlich ein "Killerspiel" ist - und was nicht. Im Moment wird die Bezeichnung "Killerspiel" als negativ besetzter Kampfbegriff verwendet, mit dem Stimmung gegen Computerspiele aller Art gemacht werden soll. Das ist nichts billige Propaganda, gemacht für Leute, die von der eigentliche Materie absolut keine Ahnng haben.
+1 Killerspiel, Kinderporno-Sperre, Terrorist, Wehrkraftzersetzung Sammeln wir doch einfach mal die politischen Buzzwords mit denen wir so beworfen werden und wurden.
LudwigN 27.06.2009
5.
Sicherlich ist das Spiel kein kunstwerk, aber es ist definitiv ein Kulturgut das Millionen von Menschen miteinander verbindet. Das lässt sich einfach nicht wegdiskutieren. Und ja, "Killerspiele" ist ein rein rein polemischer Begriff um das Medium und deren Nutzer zu diskreditieren. Steht für mich auf einer Stufe mit Begriffen wie "Negermusik" oder "entartete Kunst". In einer sachlichen Diskussion hat ein solcher Wortschatz nichts zu suchen.
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