Zehn Jahre MP3-Player Als Digitalmusik tragbar wurde

Seit einem Jahrzehnt ist MP3-Musik mobil. Die Befreiung aus den PC-Festplatten sorgte dafür, dass das Format heute als Standard für digitale Musik gilt. Eines der ersten Abspielgeräte kam aus Deutschland.

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Revolutionen kommen meist von unten, so auch beim ersten MP3-Player. Nicht etwa eines der Hightech-Dickschiffe Sony, Philips oder Yamaha kam auf die Idee, das Ende des Jahrtausends boomende MP3-Format mobilzumachen. Es waren weithin unbekannte Unternehmen, die das Walkman-Prinzip in die digitale Welt wuchteten. Den Gewinn streichen heute ganz andere Firmen ein.

Wie so oft haben sich deutsche Entwickler die Show stehlen lassen. Bereits 1997 war die Firma Pontis aus Schwarzenfeld in der Oberpfalz soweit, hatte den funktionsfähigen Prototyp eines tragbaren MP3-Players fertiggestellt. Unterstützung kam von Siemens. Die Ingenieure des Technikkonzerns hatten gerade die MMC, die Multimedia Card, entwickelt, eine flache Speicherkarte, die damals bis zu 16 Megabyte Daten fassen konnte, den Vorgänger der heute beliebten SD-Karten.

Bis zur Markteinführung ließen sich die Deutschen aber zu viel Zeit, wurden vom südkoreanischen Saehan-Konzern überrundet. Im März 1998 präsentierte Saehan auf der Cebit stolz den MPMan F10, den ersten tragbaren MP3-Player der Welt - ein heute fast vergessenes Gerät.

Tatsächlich kam der MPMan wenig später zu einem Preis von knapp 500 Dollar in den Handel. Zunächst nur in Südkorea, später unter Lizenz auch in Großbritannien und den USA, schließlich landete er als Schneider MPMan F10 auch in Deutschland. Sei größter Vorteil: In seinen 64-Megabyte-Speicher passte mehr als eine Stunde MP3-Musik.

Speicherplatz für vier bis fünf Songs

Pontis hingegen konnte erst im Dezember 1998 Seriengeräte liefern. 430 Mark kostete das MPlayer3 genannte Gerät, als es endlich lieferbar war. Ausgerüstet mit zwei jeweils acht Megabyte großen Multimedia Cards bot er Anfangs viel weniger Platz als der Konkurrent aus Asien. MP3-Dateien brauchen in der Standardqualität mit 128 Kb/s (Kilobit pro Sekunde) rund ein Megabyte Platz pro Minute Spielzeit. Dennoch war der Enthusiasmus groß: "Damit können Sie sogar Bungeejumping machen", schwärmte der damalige Pontis-Vertriebsleiter Andreas Keul in der "Woche".

Als Argument für ihr Produkt konnten die Pfälzer verbuchen, dass ihre Player als einzige Modelle auch von Macs und Linux-PCs aus mit Musik befüllbar waren. Vor allem aber bejubelte man seinerzeit, dass die digitalen Abspieler gänzlich ohne bewegliche Teile auskamen, also vollkommen unempfindlich gegen Stöße waren.

Plattenbosse versuchten, Widerstand zu leisten

Den Plattenbossen waren die neuen MP3-Abspieler schon damals ein Dorn im Auge. Der damalige Geschäftsführer des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft, Peter Zombik, war "extrem unglücklich darüber, dass die Player einer zunehmenden Netzpiraterie Vorschub leisten".

Die US-Plattenfirmenorganisation RIAA versuchte gar, die Auslieferung des MPMan und des Rio PMP300 gerichtlich verbieten zu lassen. Man könne nicht glauben, "dass ein solches Gerät ohne Copyright-Verletzungen überhaupt existieren kann", lautete das dürftige Argument damals. Die Richter ließen sich davon nicht überzeugen.

Der Rio PMP300 von Diamond-Multimedia wurde in den USA sofort zum Erfolg. Rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft in den Handel eingeführt, verkaufte sich der Player so gut, dass es sogar zu Lieferengpässen kam.

Die Rio-Legende

Wie gut das Marketing für den Rio damals funktionierte, kann man auch daran ablesen, dass eine große Hamburger Tageszeitung seinerzeit meldete, Diamond Multimedia brächte den "ersten digitalen Walkman" auf den Markt. Tatsächlich wurde der Rio so populär, dass er bis heute vielfach als erster mobiler MP3-Player bezeichnet wird.

Auf den MP3-Zug versuchten etliche Unternehmen aufzuspringen. Sogar Chiphersteller Intel stellte ein MP3-Gerät mit der Bezeichnung Pocket Concert Audio vor. 128 Megabyte Speicher sollte der Intel-Player mitbringen. Damit wollte der Konzern Anfang 2001 eine neue Marke setzen. Schließlich galten bis dahin 64 Megabyte, wie sie etwa der Nomad von Creative Labs anbot, als üppig. Üppig war allerdings auch der Preis: 800 Mark wollte Intel für seinen MP3-Erstling haben.

1000 Mark für den 1000-Song-iPod

Daraus wurde nichts und der Player verschwand schnell wieder von der Bildfläche. Stattdessen stellte ein Computerunternehmen, mit dem niemand gerechnet hatte, im Oktober 2001 ein Gerät vor, das in den kommenden Jahren zum Inbegriff des MP3-Players werden sollte: den iPod. Mit fünf Gigabyte Speicher ließ der weiße Musikabspieler die Konkurrenz locker hinter sich.

Und das in jeder Hinsicht, auch beim Preis. Rund 1000 Mark kostete der Apple-Player bei seiner Einführung, war also ein echter Luxusartikel. Und nicht nur das: In den ersten Jahren gab es Apples iTunes-Software, unerlässlich im Umgang mit dem iPod, nur für die hauseigenen Macintosh-Computer. Da deren Marktanteil sich im kleinen einstelligen Prozentbereich bewegte, war die potentielle Zielgruppe naturgemäß recht klein.

Rosige Aussichten für die "Walkmen der Zukunft"

Trotzdem wurde der iPod schnell zur Hightech-Ikone stilisiert. Apple selbst bezeichnete ihn ganz unbescheiden als "Walkman des 21-sten Jahrhunderts", das Wirtschaftsmagazin "Fortune" verglich seinen Einfluss mit Sonys erstem tragbaren Transistorradio von 1958. Doch der echte Durchbruch kam erst, als das Unternehmen im Herbst 2003 eine iTunes-Version für Windows herausbrachte, den iPod so endlich Windows-kompatibel machte. Seither hat sich Apple zum weltweit führenden Hersteller von MP3-Playern entwickelt. Mehr als 100 Millionen iPods hat das Unternehmen seit 2001 verkauft.

Und auch die Zukunft scheint für die Hersteller von MP3-Playern rosig auszusehen. Das legt eine Studie des kalifornischen Marktforschungsunternehmens iSuppli nahe. Das hat prognostiziert, dass 2009 über 130 Millionen MP3-Player über die Ladentheken gehen werden.

Die Entwickler der ersten MP3-Player werden von diesem Boom freilich nicht mehr profitieren können. Saehan hat sich längst aus dem Geschäft mit MP3-Playern zurückgezogen. Die deutschen MP3-Pioniere von Pontis erlitten gar kompletten Schiffbruch, wurden von einem Hersteller für Highend-Audio-Produkte übernommen. Der allerdings bleibt ganz der Tradition des Unternehmens verhaftet und bietet heute unter der Domain pontis.de Audio-Server für Hifi-Fans an. Und für die gibt es sogar einen Preload-Service, der die CD-Sammlung der Kunden als Digitaldateien auf die Festplatte des Hifi-Servers überspielt - auf Wunsch auch als MP3.

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