Von Rudolf Wagner
Am Anfang war die Forschung. Nehmen wir ganz vorsichtig eine frisch ausgezogene, Nachtmarsch-geschädigte Bundeswehr-Socke zwischen die zangenförmig geschlossenen Daumen und Zeigefinger. Da haben wir ein Kleidungsstück, das zweifelsohne vergangene Anstrengungen sichtbar macht. Wir könnten auch, als Mutprobe, die Nase an den halbnassen Stoff halten. Dann erkennen wir, dass die sockengebundene, emotionale Eindrucksvielfalt stark ist, aber langsam nachlässt. Die in der Kleidung gespeicherten Erinnerungen sind also vergänglich. Noch.
"Warum sollte uns ein Mantel nicht helfen, frühere Erfahrungen noch einmal zu erleben?", fragt Walter Van de Velde, der das belgische Forschungsinstitut Starlab wissenschaftlich leitet. Als weltweit bekannter Fachmann für künstliche Intelligenz spricht er natürlich nicht von Militärsocken. "Kleidung könnte beispielsweise Ferienstimmung speichern", sagt er, "Sie müsste den herben Seewind aufbewahren können oder Hintergrundgeräusche aus einem Lokal, in dem wir uns besonders wohl gefühlt haben."
Der Mann ist kein Spinner. Er ist nur der Entwicklung weit voraus. Das nutzen Unternehmen wie Adidas, Levi Strauss, Samsonite, Siemens oder Gore, die neue Produkte herstellen und verkaufen wollen. "Wir greifen Anregungen aus Brüssel auf und versuchen dann, die besten Ideen mit unseren Geschäftspartnern zur Marktreife zu führen", erläutert Richard Leckenwalter von Gore im bayerischen Putzbrunn. "Eine eigene Denkfabrik, einen 'Think-Tank' zu unterhalten, lohnt sich für uns nicht."
Keine Zukunftsmusik: Der Anfang ist gemacht
Natürlich ist die Idee mit der frischen Luft im Anzug auch noch nicht geschäftsreif. Aber die Industrie hat bereits nach Starlab-Vorgaben Kleidung entwickelt, die sich nach der Außentemperatur richten und dann mal mehr, mal weniger wärmen kann. Bei der Herrenmodewoche in Köln sollen Anfang Februar die ersten "intelligenten" Kleidungsstücke mit anpassbarer Isolation von großen Fashionmarken vorgestellt werden. Starlab hat das möglich gemacht.
Die rund 70 Wissenschaftler aus 28 Ländern, darunter auch aus Deutschland, tauschen jede Woche einmal in einem alten Schloss im Brüsseler Vorort Uccle fachübergreifend ihre Pläne und Forschungsergebnisse aus. Sie dürfen alles wollen, an alles denken, nur nicht ans Wolkenkuckucksheim. Es gehört zu ihrer Philosophie, dass die Projekte, an denen sie arbeiten, Chancen auf dem Markt haben müssen.
Die Mixtur von Kommerz und Forscherfreiheit verdankt Starlab dem 42-jährigen Walter De Brower, der sich mit Geld aus Verlagsunternehmungen seinen Traum erfüllt. Er will wichtigen, aber risikoreichen Ideen aus Europa eine Chance geben. Er möchte in Belgien das Gegenstück zum Media Lab am Massachusetts Institute of Technology schaffen.
Walter Van der Velde leitet das "i-Wear"-Projekt von Starlab
Warum also nicht ein Handy in eine Jacke einarbeiten? Das Mikrofon hätte vorn am Kragen Platz, ein Lautsprecher am Kragen hinten. Glasfaserverbindungen könnten bereits in der Weberei in Kleidungsstoffe eingearbeitet werden. Bei Starlab wird schon nach speziellem "Waschpulver" gesucht, das sich auf diesen Leitungen ablagert und möglicherweise durch Sonneneinstrahlung Strom erzeugt.
Es gibt tatsächlich Unternehmen, die ein paar Jahre lang zwischen 200.000 und einer Million Mark lockermachen, damit solche Pläne bis zu Ende durchdacht werden. Selbst wenn nur eine Handymütze für Technikfreaks oder der Datenpulli für die Netgeneration dabei herauskommt. Mit beiden Kundengruppen kann man Geschäfte machen. Vielleicht kommt ja auch einmal der Anzug mit dem integrierten Seewind. Oder das Kleid, das eine fröhliche Farbe annimmt, wenn die Trägerin geküsst wird.
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