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24.04.2001
 

Digitales Wohnzimmer

Schatz, endlich bebt das Sofa!

Wie hätten sie ihr Sofa denn gern: Gerüttelt oder geschüttelt? Das ist eine - im Vergleich zu Martinis - zwar eingeschränkte Auswahl, aber immer noch mehr, als Sofas bisher boten. Schon bald könnte es im Multimedia-Wohnzimmer heißen: Anschnallen, der Film fängt an.

Kein Stoßdämpfer: "Odyssee" macht den langweiligsten Action-Kracher zur Abenteuerreise
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Kein Stoßdämpfer: "Odyssee" macht den langweiligsten Action-Kracher zur Abenteuerreise

Seit kurzem bietet das kanadische Unternehmen D-Box die Aufrüstung von Wohnzimmermöbeln zu erdbebenfähigen Mehr-oder-weniger-Sitzgelegenheiten an.

Das muss man sich so vorstellen: Synchron zum Geschehen des Films - das Genre der Wahl heißt natürlich "Action" - bewegt sich die Couch mehr oder minder heftig auf und ab, vor und zurück, hin und her. Alles, was man dafür braucht ist ein Sofa, eine Stereoanlage, einen möglichst großen Fernseher (sieht man besser, wenn's mal stärker wackelt), einen DVD-Player und rund 16.000 Dollar.

Dafür bekommt man bei D-Box zum einen das Lesegerät für spezielle "Bewegungs-DVDs", die quasi die Schüttel-Choreografie für einen bestimmten Film enthalten, sowie die Aufrüstung des Sofas mit einer hydraulischen Apparatur, die dafür sorgt, dass einen selbst der dämlichste Stallone-Streifen noch irgendwie bewegt.

D-Box ist sich über das Risiko durchaus im Klaren: Indem das Unternehmen die Installation nur durch kooperierende Servicefirmen zulässt, wollen die Kanadier verhindern, dass Film-Fans von einem unsachgemäß getunten Sofa durch die Decke gedrückt werden. Was das im Nachbarland USA, dem Mutterland der Sammelklage, bedeuten würde, kann man sich vorstellen. Die Gefahr besteht durchaus: Die aufgemotzten Sofas sollen mit Filmfans bis zu einem Gesamtgewicht von 800 Kilogramm fertig werden.

Technisch soll die Geschichte so laufen, dass die Hardware-Schnittstelle des D-Box-Systems mit dem DVD-Soundtrack des Films synchronisiert wird: D-Box liefert dazu spezielle "Choreografie-CDs", die die Rütteldaten für bestimmte Filme enthalten. Die bezieht man im Abo und wohl kostengünstiger als die Hardware: Eine CD soll bis zu 250 Filme durchschütteln können.

Darf man das alles glauben?

Das alles klingt schon ziemlich nach Aprilscherz, kommt dafür aber etwas spät und war "Wired" am Montag immerhin eine Aufmachergeschichte wert. Trotzdem ist die Frage, ob so etwas ernst gemeint sein kann, so leicht nicht zu beantworten: Auf dem Markt ist das System bisher nicht, der Hersteller versichert (natürlich), das alles sei bierernst und keine Schnapsidee. Man kann es also glauben - muss es aber nicht: Im Multimedia-Business ist die Grenze zwischen Vision und Werbegag mitunter fließend.

Darüber hinaus sind multimediale Erfindungen mit eher zweifelhaftem Sinn so ungewöhnlich ja auch nicht: So entstand 1996 durch einen bis heute nachwirkenden PR-Gag die Legende vom Cybersex-Anzug - und, zumindest unter Trash-TV-Teams, eine rege Nachfrage nach Gummianzügen mit innenliegenden Vibratoren.

Auch Erfindungen wie das "Geruchsfernsehen" drohen uns noch immer. Für solche Anwendungen gibt es tatsächlich Finanziers gerade im Bereich der Parfüm-Werbebranche, die zwar ihren Werbespot im Blick haben, nicht aber die Tatsache, dass im Fernsehen mitunter auch Gülle ausfahrende Bauern oder brennende Kuhberge gezeigt werden. Da kann man nur hoffen, dass das Wohnzimmer gut gelüftet ist.

Ganz einfach: Warum ist da bisher bloß niemand drauf gekommen?
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Ganz einfach: Warum ist da bisher bloß niemand drauf gekommen?

Für Michel Jacques, Chef von D-Box, ist die Erfindung des Rüttel-Sofas jedenfalls eine logische Entwicklung: "Ich glaube nicht, dass das Filmerlebnis für alle Ewigkeit auf Sehen und Hören beschränkt sein wird".

Schließlich gibt es sogar ein direktes Vorbild für das hydraulische Sofa: 1974 erschütterte "Erdbeben" mit Charlton Heston, nach Meinung vieler Filmfans der Höhe- oder Tiefpunkt der Katastrophenfilm-Welle, die Zwerchfelle und Sitze wagemutiger Kinogänger.

Das damals eingesetzte Rüttelsystem für Kinostuhlreihen konnte sich jedoch nicht durchsetzen und wurde insgesamt nur bei vier Filmen eingesetzt: "Erdbeben", "Schlacht um Midway", "Achterbahn" und "Kampfstern Gallactica".

Hartnäckig hält sich bis heute die Legende, das System sei so gut gewesen, dass man seinen Einsatz in Mexiko City verboten habe - wegen Einsturzgefahr der Häuser in direkter Nachbarschaft zu großen Kinos. Lästermäuler verweisen eher darauf, dass das Publikum spätestens nach dem vierten Film keine Lust mehr hatte, tagelang nicht mehr sitzen zu können.

Eine Gefahr, die im weichen heimischen Sofa kaum besteht. Trotzdem dürfte es auf absehbare Zeit Zukunftsmusik bleiben, die Nachbarn beim abendlichen Besuch erst mal von der Zimmerdecke holen zu müssen. Dagegen spricht nicht allein der Preis, von dem sich D-Box nicht vorstellen kann, dass er sich so schnell bewegt wie die Sofas. Dazu käme - auf absehbare Zeit - der Peinlichkeitsfaktor, bei so einer Beschäftigung erwischt zu werden. In Mietwohnungen wäre der Einsatz des Systems kaum vorstellbar, in Eigentumswohnungen extrem kommunikationsfördernd - möglicherweise bis hin zu Handgreiflichkeiten.

Jacques - ganz Technik-Visionär - glaubt anscheinend fest daran, dass sein System Erfolg haben wird. Entsprechend gab er ihm einen Namen, von dem er hofft, dass er zum Omen werden möge - und seine Kunden, dass dem nicht so sein möge: "Odyssee" heißt der Sofa-Rüttler. Mal sehen, wie weit die Reise geht, wie weit die Ente schwimmt. Oder sollte all das doch ernst gemeint sein?

Frank Patalong

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