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13.08.2001
 

Dot.com-Junkies

Programmieren im Vollrausch

Von Christian Radler

Bei den US-Dot.coms wird gearbeitet bis zum Umfallen. Um die 80-Stunden-Woche halbwegs zu überstehen, greifen viele Mitarbeiter zu illegalen Glückspillen - teilweise mit Billigung der Chefs.

San Francisco an einem lauen Juli-Abend, Ecke Mission und 16. Straße. Der Drogen-Dealer Carlos* hängt hier immer rum. Meist ist er wortkarg, aber er hat gerade einen dicken Fang gemacht und ist entsprechend in Erzähllaune: Sein gesamtes Speed sei er los geworden, an ein paar junge Typen im Volvo. "Die brauchten das Zeug, um die Nacht durchprogrammieren zu können", sagt Carlos und dampft ab, Nachschub holen.

"Das Zeug schickte der Himmel"

Chemische Keule: Ohne bunte Pillen läuft bei vielen Dot.commies gar nichts
DPA

Chemische Keule: Ohne bunte Pillen läuft bei vielen Dot.commies gar nichts

Michael* hatte als Account-Manager in der Marketingabteilung eines Internet-Werbers angefangen, als der Boom auf dem Höhepunkt war. Der damals 23-Jährige kam frisch vom College und genoss die neue Rolle als Firmenrepräsentant, der ständig zwischen Ost- und Westküste hin- und hergeflogen wurde.

Auf einer Internet-Messe sei er mit Kokain in Berührung gekommen, schildert er den Beginn seines neuen Hobbys: "Das Zeug schickte der Himmel. Um die Arbeit zu schaffen und trotzdem keine Partys zu verpassen, reichte Espresso einfach nicht aus." In den folgenden 18 Monaten zog Michael alles, was die Kreditkarte hergab, durch die Nase - und gerade einen Deal für seinen Arbeitgeber an Land. "Ich hatte Spaß", sagt Michael heute knapp.

Als die Firma im März 90 Prozent ihrer Mitarbeiter vor die Tür setzte, war Michael dabei. Jetzt macht er Entzug und die Eltern zahlen die Kredite ab. Bei der harschen US-Rechtsprechung in Sachen Drogenkonsum kann er sich glücklich schätzen, dass er nie mit Koks in der Tasche erwischt wurde.

Sozialkontrolle zum Wohl der Firma

"Ich hatte wochenlang denselben Rhythmus", sagt ein Programmierer in Leena Pendharkars Dot.com-Dokumentarfilm "Dreaming in Code". "20 Stunden Code schreiben, dann die paar Meter zum Schlafzimmer und nach dem Aufstehen direkt wieder vor den Bildschirm." Er habe nicht einmal die Energie gehabt, aus der Abstellkammer des Büros in ein WG-Zimmer zu ziehen. "Mit der Zeit kann so eine Situation ganz schön depressiv machen."

Seine Lösung: Am Wochenende schmiss er ein paar Ecstasy-Pillen ein und feierte mit den Kollegen im leer geräumten Büro. Sein Chef - auch ein Twen - ermunterte ihn dazu und klinkte selbst ein paar Pillen: "Wenn man so intensiv zusammenarbeitet, muss man sich auch ordentlich entspannen." Ob das nicht ohne Droge ginge, fragt die Filmerin Pendharkar. "Dafür haben wir keine Zeit." Andererseits habe jeder der zwölf Angestellten auf seine Kollegen aufgepasst - Sozialkontrolle zum Wohl von Firma und Buddys. Was aus diesem speziellen Dot.com letztlich wurde, verschweigt der Film wohlweislich.

"Ich halte das noch eine Weile durch"

Koks, um durch den Alltag zu kommen, Ecstasy zum Glücklichsein am Wochenende. Doch auch Dot.commies sind keine Übermenschen. So dauert es meist nicht lange, bis diese Lebensart auf das Wohlbefinden drückt. Und manche zu noch härteren Drogen bringt: "Ich brauchte exakt drei Monate, um von Ecstasy zu Heroin zu kommen. Seit über einem Jahr laufe ich in der Firma nur noch mit langärmeligen T-Shirts herum, damit keiner meine Ellenbogen sieht. Meine Kollegen sind völlig ahnungslos", erzählt John*.

Der 32-Jährige verdient als Projektleiter bei einem E-Commerce-Anbieter genug, um sich seine Sucht leisten zu können. Und bislang hat er mit der Gesundheit Glück. "Ich halte das noch eine Weile durch. Auch wenn ich inzwischen direkt ins Muskelfleisch spritzen muss, weil ich keine guten Venen mehr habe."

Ans Aufhören denkt er nicht, weder in Bezug auf das Arbeiten noch in Bezug auf das Heroin. "Programmieren ist das Einzige, was ich richtig kann. Im Grunde ist es aber eine lange Serie von Wiederholungen. Das ist zu 99 Prozent stumpfsinnige Fließbandarbeit. Heroin ist ideal, um das 80 Stunden die Woche zu machen."

"Es erlaubt mir, meinem Körper zu entfliehen, während er vor der Kiste sitzt. Es hält mich im Lot." Wie viel er am Tag für dieses Lot ausgibt, sagt John nicht. In seiner Abteilung bei einem großen IT-Konzern im Silicon Valley ist er der einzige Junkie, glaubt er. "Du kannst aber davon ausgehen, dass es in jedem größeren Laden Dot.com-Junkies wie mich gibt."

Zum Beispiel Aaron Bunnell, der Redaktionschef bei Upside.com war. Am 17. Juli 2000 wurde der 26-Jährige leblos in einem Hotelzimmer gefunden. Offenbar starb Bunnell an einer Überdosis Heroin.

Aktienoptionen und Urinprobe

Joint-Raucher: "Die Drogenkultur ist hier eine andere"
DPA

Joint-Raucher: "Die Drogenkultur ist hier eine andere"

Dass manche Hightech-Worker ein Drogenproblem mit sich herumschleppen, davon bekam im November 2000 schließlich auch die kalifornische Regierung Wind. Sie schaltete Fernsehspots, in denen unter anderem Heroinraucher in typischer Dot.com-Kluft - Nerd-Shirt, Jeans und Bowlingschuhe - gezeigt wurden. Der Sprecher ermunterte die Zielgruppe zum kontrollierten Entzug. Wie viele Menschen sich auf die Kampagne hin meldeten, ist nicht bekannt.

Eigentlich sind in den meisten US-Betrieben zumindest bei Neueinstellungen Drogentests normal. IBM etwa führte diese 1984 ein, Intel folgte 1988, als der Kongress ein entsprechendes Gesetz verabschiedete. Doch dann kam der Arbeitskräftemangel des Dot.com-Booms. Viele Arbeitgeber trauten sich einfach nicht, mit den frischen Aktienoptionen einen Becher für die Urinprobe in die Postfächer ihrer wertvollen Angestellten zu legen. Der Test kostet stattliche 800 Dollar. Noch ein Grund, warum er bei den chronisch klammen Dot.coms nicht zu finden ist.

Agilent und Hewlett-Packard schafften 1999 den obligatorischen Drogentest bei der Einstellung neuer Mitarbeiter wieder ab. AMD testet zwar in seinen Niederlassungen in Texas, nicht aber in Kalifornien, "weil hier die Drogenkultur eine andere ist", so das Unternehmen.

"Wie die Schafe"

"Das ist eine völlig widersprüchliche Vorgehensweise. Aber das kann man über so gut wie jeden Aspekt sagen, der mit Drogentests am Arbeitsplatz zu tun hat", meint Lewis Maltby vom unabhängigen National Workrights Institute. Die IT-Firmen seien "wie die Schafe. Sie laufen einander hinterher. Selbst wenn es total unsinnig ist."

Für den Moment sieht es nicht danach aus, dass IT-Firmen den Drogenmissbrauch gezielt bekämpfen wollen oder können. Microsoft, Cisco und das Internet-Portal Yahoo! hatten den Test, der vor allem nach Rückständen von Kokain sucht, nie eingeführt. Im Falle Yahoos! kann man das fast verstehen - was repräsentiert schließlich die "alte Ordnung" in Corporate America, gegen die die Dot.coms rebellierten, besser als Drogentests?

Sicher, der Arbeitsmarkt nach dem Dot.com-Crash ist ein anderer. Doch warum die Öffentlichkeit auf ein mögliches Drogenproblem hinweisen, indem man den Test nach Koks & Co. jetzt einführt? Das könnte schlecht fürs Image sein. In einer Quasi-Rezession wollen die Unternehmen ohnehin nicht darüber reden, welche "persönlichen Probleme" ihre Mitarbeiter haben.

Der Dealer Carlos steht wieder unauffällig an der Straßenecke und wartet auf Kundschaft. "Rezession?" Kurzer Blick nach links und rechts. "Bei mir nicht."

*Namen von der Redaktion geändert

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