Von Wolf-Dieter Roth
Die Geschichte von DAB ist ein Lehrstück einer verpatzten Markteinführung. Eigentlich verwunderlich, haben sich doch andere Digital-Produkte wie CD oder DVD am Markt fast von allein durchgesetzt. Doch hatten diese handfeste Vorteile zu bieten: kein Verkratzen, keine Abnutzung, fünf statt zwei Tonkanäle (Dolby Digital) und mehrere Sprachen bei der DVD.
Dagegen kommen die Vorteile von DAB gegenüber dem analogen FM-UKW eher den Programmanbietern als den Hörern zugute: Es wird weniger Bandbreite und deutlich weniger Leistung zur Übertragung desselben Programminhalts benötigt. Der Hörer dagegen braucht als Erstes ein weiteres teures Gerät, das man ihm wohl nur mit neuen, interessanten Programmen schmackhaft machen kann.
Doch nach über 20 Jahren Privatfunk in Deutschland - 1978 startete der letztes Jahr verstorbene Jo Lüders zusammen mit Jürgen von Wedel mit dem legendären Radio Bavaria International aus Südtirol das erste auf Deutschland gezielte Privatradio - ist da jede Illusion verflogen. Auch der beste neue Sender gehört spätestens nach zwei Jahren den großen Konzernen und sendet dieselbe Suppe aus Top-20-Musik und dümmlichen Hörer-Gewinnspielen. Dass DAB auch zum guten Ton noch Stand- und sogar Bewegtbilder liefern kann, wurde dagegen bei der jahrelang nur aufs Auto fixierten Markteinführung als eher vom Verkehr ablenkend und störend empfunden.
Ein Standard von gestern
Digitalradio - vormals DAB - wird zur Internationalen Funkausstellung 2001 wieder einmal kräftig beworben. Dabei werden durchaus interessante Geräte vorgestellt wie die DR Box 1 von Terratec, eine autoradiogroße Schachtel, die nicht nur an der Stereoanlage ihren Dienst tun kann. Am PC kann die mitgelieferte Software auch zeitgesteuert Sendungen auf Festplatte mitschneiden.
Es wird Zeit für Digitalradio, denn 2010, spätestens 2015, soll der Analogrundfunk ausgeschaltet werden. Doch der zugehörige Standard - MPEG1 Layer 2, kurz MP2, ist vor einem Jahrzehnt entwickelt worden und inzwischen bereits technisch überholt. Die MP2-Fortentwicklung MPEG 1 Layer 3 ist unter dem Kürzel MP3 mittlerweile jedem bekannt, und die Forschung ist bereits bei MPEG4, AAC (Advanced Audio Coding) und SBR (Spectral Band Replication) angekommen.
Damit ist auch MP3 bereits wieder überholt - der neue digitale Lang, Mittel- und Kurzwellenrundfunk DRM (Digital Radio Mondiale), der auf der Funkausstellung mit Testausstrahlungen auf Mittelwelle 531 kHz vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen präsentiert werden wird, soll gerade noch mit einem Viertel der Bandbreite einer gleichwertigen MP3-Ausstrahlung auskommen.
MP3-Radio gegen Feindsender
MP3-Radio gibt es ebenfalls bereits: Über Satellit strahlt WorldSpace im auch von DAB benutzten L-Band (1,4 GHz) Programme mit maximal 128 KB/s, also der vom Internet bekannten Qualität, ab. Diese sind bislang vorrangig für Gebiete der Dritten Welt gedacht, um diese mit Radio und seit neuestem auch Multimedia-Inhalten zu versorgen.
Die digitale Natur der WorldSpace-Signale führt allerdings noch zu einem ganz anderen Problem: verschlüsselte Sendungen. Damit die Chinesen zukünftig keine "Feindsender" mehr hören, werden für den dortigen Markt spezielle WorldSpace-Radios entwickelt. Diese können später einmal nur die speziell für China codierten Programme empfangen, die dann umgekehrt auch auf keinem normalen WorldSpace-Empfänger hörbar werden.
Autos mit Satellitenschüsseln klingen etwas absurd, doch mit zwei Sendekanälen, einem Fünf-Sekunden-Zwischenspeicher und terrestrischer Gleichwellenausstrahlung will das Fraunhofer-Institut auch WorldSpace-Empfang im fahrenden Auto möglich machen. WorldSpace und DAB teilen sich dabei auch noch das L-Band bei 1,4 GHz, treten also auch frequenzmäßig in Konkurrenz.
Nippon setzt auf AAC
Die japanische Industrie ist an den Entwicklungen des Fraunhofer-Instituts natürlich ebenfalls sehr interessiert. Auch dort will man nämlich im Jahre 2010 den heutigen UKW-FM-Rundfunk abschalten. Doch statt DAB/MP2 oder MP3 setzt Nippon direkt auf AAC: Es soll nicht nur dem hochauflösenden Fernsehen HDTV zum Mehrkanalton der DVD verhelfen, sondern auch dem Radio neue Impulse geben.
AAC wird mehr als doppelt so viele Sender in einem Frequenzband unterbringen wie DAB und ist auch im Radio für Mehrkanalsendungen verwendbar. Wahrscheinlich werden diese AAC-Empfänger dann auch das einfacher gestrickte europäische DAB dekodieren können - aber die europäischen Geräte nicht das "Nippon-DAB". Der von DAB einst erhoffte Aufschwung wird also an der deutschen und europäischen Unterhaltungselektronikindustrie vorbeigehen, wenn diese nicht ganz schnell reagiert und möglichst auch hier zu Lande "NIDAB" einführt oder aber zumindest multinormfähige Geräte produziert. Sonst bleibt dann nur die Chance auf den weltweiten Verkauf von DRM: Das bringt unter dem Stichwort "Mittelwelle digital" einen Mehrwert auch für den Hörer.
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