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12.03.2002
 

Multimedia

Die große Mobilmachung

Von Hilmar Schmundt

Die ganze Welt in einer Hand: Das mobile Internet soll der Multimedia-Branche aus der Krise helfen. Auf der Hightech-Messe Cebit werden neue Vielzweckgeräte vorgestellt: Mit ihnen lassen sich Fotos funken, Musikdateien abspielen oder Spiele herunterladen. Doch die Alleskönner sind noch nicht ganz ausgereift.

Handys, next Generation: Aus "Telefonen" werden intelligente kleine Kommunikationszentren, die auch den PDA ersetzen
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Handys, next Generation: Aus "Telefonen" werden intelligente kleine Kommunikationszentren, die auch den PDA ersetzen

Die Strecke ist kurvenreich und gefährlich. Die Berggipfel rechts und links der Serpentinenstraße sind verschneit. Egal, Alexander Samwer, 26, startet durch und zieht in einem gewagten Manöver rechts am Auto vor ihm vorbei.

Die nächste Kehre nimmt er einen Tick zu rasant, gerät ins Schleudern und rutscht von der Fahrbahn.

Das Spiel ist aus. Doch Samwer gibt sich voll zufrieden: "In dieser Qualität wird man bald auf fast jedem Handy spielen können", sagt er und legt das klobige Hightech-Handy "Communicator" von Nokia in seine Hand. In passabler Qualität läuft auf dem farbigen Mini-Bildschirm des Telefonknochens das Autorennspiel "Car Racer".

Für den Internet-Unternehmer ist das Daddeln am Telefon mehr als ein Spiel. Zur weltgrößten Computermesse Cebit, die am Mittwoch in Hannover beginnt, will er die ersten farbigen Spiele fürs Handy präsentieren. "Drei von vier Neugeräten haben in einem Jahr ein Farbdisplay", prophezeit Samwer. "Das ist der Startschuss für eine neue Ära der mobilen Unterhaltung."

In den internetfähigen Super-Handys sieht er eine Riesenchance für die arg gebeutelte IT-Industrie. Eine neue Gerätegeneration verspricht den Kunden das ganze Datenuniversum in einer Hand. Kommunikation, Datenverwaltung und Unterhaltung verschmelzen.

"Wir haben das Schwerste hinter uns, sagt Ericsson-Chef Kurt Hellström, früher waren wir zu optimistisch - heute sind wir eher zu pessimistisch."

Alexander Samwer gilt als wandelndes Trendbarometer. Gemeinsam mit seinen Brüdern Marc und Oliver hat er vor zwei Jahren "Jamba!" gegründet, ein Internet-Portal für Handys ­ lange bevor andere diesen Trend erkannten. Zuvor hatten sie mit perfektem Timing ihren Internet-Flohmarkt Alando an den Marktführer Ebay verkauft. Die Internet-Millionäre beschäftigen heute 75 Mitarbeiter in einem Büroloft am Rande des Berliner Multikulti-Kiezes Kreuzberg. Von ihren Servern laden sich über eine Million Mobilfunkkunden Klingeltöne, Bildchen und Spiele aufs Handy herunter.

Während vielerorts noch Massenentlassungen und Gewinnwarnungen den Alltag der IT-Branche kennzeichnen, schwärmt Samwer bereits vom Frühlingserwachen der Kommunikationsindustrie: "Im Laufe dieses Jahres geht es wieder bergauf."

Eine kühne Prognose. Doch viele Beobachter teilen seinen Optimismus. "Roadmap mobiles Internet" heißt die Studie, die Samwer auf der Cebit vorstellen will. Seine Vorhersagen basieren auf der Befragung von rund hundert Fachleuten aus dem Telekommunikationsbereich. Wichtigstes Ergebnis: Im Laufe des Jahres 2003 sollen bereits über 10 Millionen Deutsche mobile Internet-Dienste nutzen, ab dem Jahr 2004 sogar doppelt so viele. Das mobile Internet werde durch die verstärkte Nachfrage auch Chiphersteller, Ausrüster und Telefonfirmen wieder flottmachen.

Bernhard Rohleder, Geschäftsführer des Hightech-Branchenverbandes Bitkom, ist ebenfalls zuversichtlich, dass sich die IT-Unternehmen im Laufe des Jahres wieder erholen, wobei besonders der Mobilfunkmarkt "starke Triebkräfte" freisetze. "Ich bin so gespannt wie noch nie", schwärmt Rohleder, "Wir sehen eine Renaissance der Geräte, fast wie im PC-Markt der neunziger Jahre."

"Wir haben das Schwerste hinter uns", glaubt auch Ericsson-Chef Kurt Hellström, "früher waren wir zu optimistisch ­ heute sind wir eher zu pessimistisch."

Nicht nur hier zu Lande setzen sich vernetzte Mobilgeräte durch. Seit diesem Winter gibt es laut einer Studie der internationalen Fernmeldevereinigung ITU weltweit erstmals mehr Mobiltelefone als Festnetzanschlüsse. Und die Handys werden technisch immer ausgereifter.

Mobilität ist schwer in Mode, das zeigt die Frühjahrskollektion, die auf der diesjährigen Cebit gezeigt wird. PC und Notebook sind out, lieber trägt man mobile Vielzweckgeräte bei sich ­ meist in der Jackentasche, bisweilen sogar am Handgelenk.

Die neuen Kleingeräte vereinigen immer mehr Funktionen aus dem klassischen Computer- oder Unterhaltungselektroniksektor: Terminverwaltung, Fotografie, Musikarchivierung, Navigation oder eben Spiele. Das Notebook verliert seinen Rang als Gerät der Wahl; neuerdings gelten Mobiltelefone als "Systemintegrator" ­ als Spinne in der vernetzten Welt der funkenden Kleingeräte.

Noch im vergangenen Jahr litten viele Cebit-Aussteller an manisch-depressiven Verstimmungen. Entweder herrschte Katerstimmung angesichts der Dotcom-Krise ­ oder man schwelgte in futuristischen Konzeptstudien von filmreif eleganten UMTS-Geräten made in Wolkenkuckucksheim.

Dieses Jahr ist es zwar tatsächlich so weit, dass Hersteller wie Motorola die ersten funktionsfähigen UMTS-Handys vorstellen; diese sollen angeblich Videokonferenzen von unterwegs aus ermöglichen, das jedoch frühestens Ende dieses Jahres, wenn die Hightech-Netze auf Sendung gehen.

Doch die öffentliche Begeisterung hält sich einstweilen in Grenzen. Vielmehr stehlen nun viele kleine Neuerungen der futuristischen Großvision die Show. Statt elektronischer Haute Couture ist Prêt-à-porter angesagt ­ überall ist vorsichtig innovative Stangenware zum Mitnehmen zu bestaunen:

  • Handys werden zu Multimediastationen mit Farbbildschirm, integrierter Digitalkamera sowie eingebautem MP3-Player zum Abspielen von Musikdateien.
  • Neue Software für Mobiltelefone macht das Herunterladen von Spielen oder Büroprogrammen möglich, die bislang allenfalls auf Notebooks liefen.
  • Deutschland an. Die eigens für den Dienst entwickelten Handys der Firma NEC sollen einen bequemeren Zugriff auf Bezahldienste ermöglichen. Und die quäkenden Klingeltöne werden durch einen satteren Sound ersetzt.
  • Uhren dienen als Adressbuch und Terminkalender, werden über berührungsempfindliche Displays gesteuert oder per Infrarotschnittstelle mit Daten bespielt.
  • Kleine Handheld-Rechner nehmen über spezielle "Bluetooth"-Funkchips Kontakt zu einem Handy in der Nähe auf und klinken sich über diesen Umweg ins Internet ein.
  • Walkman und Discman bekommen Konkurrenz durch Festplattenspieler im Format einer Zigarettenschachtel, die eine gesamte CD-Sammlung von 300 Alben zu MP3-Dateien schrumpfen.

Setzt auf "starke Triebkräfte": Bernhard Rohleder vom Bitkom
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Setzt auf "starke Triebkräfte": Bernhard Rohleder vom Bitkom

"PC und Notebook stehen nicht mehr im Zentrum", fasst Leopold Bonengl, Deutschland-Chef des japanischen Gerätegiganten Sony, den aktuellen Techniktrend zusammen. "Es gibt kein Zentrum mehr. Jedes Gerät wird mit jedem anderen vernetzt."

Aus diesem Grund sucht der japanische Unterhaltungskonzern, der bislang eher für Walkman, Minidisc und Playstation-Spielkonsolen bekannt war, die Kooperation mit Mobilfunk-Spezialisten. Im vorigen Oktober fusionierten Sony und der schwedische Konzern Ericsson ihre Handysparten und basteln seitdem an einer neuen Generation vernetzter Unterhaltungsgeräte unter dem Doppelnamen Sony Ericsson.

Kein Zentrum mehr, das bedeutet vor allem: Die mobilen Geräte gehen direkt, ohne Umweg über einen PC, ins weltweite Datennetz.

Wie so etwas aussieht, führt Sony mit der Videokamera DCR-IP7 vor, die so winzig ist, dass für sie eigens eine neue Videokassette im Streichholzschachtel-Format erfunden werden musste. Geduldige Frickler können Fotos oder Videos direkt vom Strand mit Hilfe eines Handys an die Lieben daheim verschicken ­ und sich zudem über den eingebauten Monitor ins Internet einklinken, um den Rückflug zu buchen.

"Für den Kunden ist der technologische Aufrüstungswettlauf zweischneidig. Denn die immer besseren Mobilgeräte aind auch immer schneller veraltet."

Solche verspielten Lösungen sollen die Gerätehersteller aus einem Dilemma heraushelfen: Ihr Problem ist ihr Erfolg, im Fachjargon "peak of perfection" genannt: Viele Geräte arbeiten inzwischen so zuverlässig, dass der Kauf eines neueren Modells für den Kunden keinen großen Unterschied machen würde. Daher bleiben viele Hersteller auf ihrer Ware sitzen. Vielerorts stagniert der Absatz von Durchschnittshandys. Und Notebooks werden bei Aldi verschleudert.

Daher kommt es der Branche nun sehr gelegen, die ganze Welt der Unterhaltung und Information in handflächenkleine Geräte zu schrumpfen und gleichzeitig zu vernetzen. Durch diesen Innovationssprung soll wieder Schwung in den Produktkreislauf kommen.

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