Von Hilmar Schmundt
Wie sich das Geschäft durch immer weitere technische Neuerungen anheizen lässt, haben Chiphersteller und Softwarefirmen in den neunziger Jahren vorgemacht: Immer wenn ein schnellerer Prozessor auf den Markt kam, fraß eine noch umfänglichere Software die Leistungssteigerung wieder auf. Was heute im PC-Markt ausgereizt scheint, soll jetzt bei vernetzten Kleingeräten wie Handys oder Minicomputern wiederholt werden: schnellere Chips, aufwendigere Funktionen, neue Anwendungen die wieder noch schnellere Chips ermöglichen.
Für den Kunden ist dieser technologische Aufrüstungswettlauf oft zweischneidig. Denn die immer besseren Mobilgeräte sind auch immer schneller veraltet. Die Hälfte der auf der diesjährigen Cebit vorgestellten Mobilanwendungen, schätzt das Marktforschungsinstitut Gartner, seien Ende des Jahres schon wieder von gestern.
Ohnehin haftet der diesjährigen Mode ein Beigeschmack von Déjà vu an: Es ist nicht das erste Mal, dass das mobile Internet als Allheilmittel gepriesen wird. Schon vor zwei Jahren wurde auf der Cebit der Einkaufsbummel per Handy ("Mobile Commerce") euphorisch gefeiert. Doch das zu diesem Zweck eingeführte Spar-Internet fürs Handy namens Wap hat den Ruf der Branche nachhaltig beschädigt. Denn die abgespeckte Internet-Version erwies sich als Flop: Die Wap-Angebote blieben dürftig, und die Bilder waren auf den farblosen Displays bisheriger Handys kaum zu erkennen. Die Nachfrage nach "M-Commerce" rangierte folglich nahe null. Insider frotzelten, das "M" stehe nicht für "mobil", sondern für "moribund": todgeweiht.
In der Tradition blumig angekündigter Flops könnte auch das neue Multimedia-Mobilnetz UMTS stehen. Dessen Start schiebt sich immer weiter hinaus. Und schon heute gibt es bewährte Alternativen.
"Die Mobilfunkbetreiber müssten sich selbst neu erfinden: Sie müssten schon heute wie Fernsehsender arbeiten und massenhaft Inhalte produzieren für ihre Kunden."
Wo Daten tatsächlich mobil verfügbar sein müssen, sind lokale Funknetze ("W-Lans") längst Alltag. In immer mehr Flughäfen, Hotels und Bahnhöfen bieten Funk-"Hotspots" den Reisenden die Möglichkeit, sich mit ihrem Notebook mobil ins Internet einzuklinken. Auch immer mehr Hotels, Bahnhöfe, Universitäten und Krankenhäuser bauen eigene W-Lans auf. In Aachen läuft sogar testweise in der Innenstadt ein lokales Citynetz. Gegenüber dem landesweit angestrebten UMTS haben solche Insellösungen den Vorteil, dass sie billiger, stabiler und mindestens fünfmal schneller sind.
Für die IT-Industrie hängt von dem mobilen Internet viel ab. Die Branche sieht darin die Chance, endlich zu schaffen, was Dienstanbietern im Internet kaum gelingt: Geld zu verdienen.
Denn während die Nutzer gewohnt sind, alle Angebote im Internet kostenlos zu bekommen, akzeptieren sie beim Telefonieren anstandslos auch noch die schamloseste Abzocke. Während das Versenden einer E-Mail im Internet nach wie vor gratis ist, zahlen Hand-Nutzer für jede lächerliche SMS ohne zu Murren den Gegenwert eines kleinen Schokoriegels einfach aus Gewohnheit.
Was also an verlockenden mobilen Kleinstgeräten über den Laufsteg der Cebit getragen wird, könnte auch als Disziplinierungsmaßnahme gedacht sein, um zahlungsunwillige Internet-Surfer zu zahlenden Mobil-Surfern umzuerziehen. Das Lächeln der Branchenvertreter ist die charmanteste Art, die Zähne zu zeigen: Die Verheißung von Kabelfreiheit und grenzenloser Mobilität soll die Internet-Nutzer vertraglich binden und ihnen das Schnorrertum abgewöhnen, das vielen als Hauptgrund für den Absturz der New Economy gilt.
Die große Mobilmachung hat allerdings ihre Kehrseiten. Leicht wird verdrängt, dass Funknetze viel unsicherer sind als unterirdische Kabelstränge die Daten fliegen frei durch die Luft. Oft werden dabei die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen versäumt. Junge Hacker haben daher einen neuen Volkssport namens "War Driving" entdeckt: Auf einer solchen "Kriegsfahrt" steuern sie ein Auto ziellos durch eine beliebige Bürogegend, bis sich ein mobiles Netzgerät in irgendein ungesichertes Firmennetz einloggt dann sind selbst streng vertrauliche Daten völlig frei zugänglich.
Zudem bringt der Aufbruch ins mobile Netz derzeit noch viele halbfertige Zwittergeräte hervor, die irgendwo auf halber Strecke stehen geblieben sind: die Datenübertragung zu langsam, die Bildschirme zu klein, der Speicherplatz zu spärlich, die Batterien zu kurzlebig für die Farbdisplays.
"Die meisten Neuheiten sind immer noch ziemlicher Müll", wettert Gerhard Blechinger, Prorektor der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich. "Die Farbbildschirme mögen noch so bunt sein solange die nicht größer werden, kann man darauf auch keine sinnvollen Dienste laufen lassen, für die die Leute gerne Geld ausgeben."
Der Hochschullehrer empfiehlt deshalb: "Mobile Netzgeräte müssen früher oder später mit einer Datenbrille kombiniert werden." Derartige Minimonitore werden zum Beispiel von der Firma Xybernaut entwickelt. Noch allerdings wirken die Geräte so groß, als hätten sich die Nutzer ein Handtäschchen um den Kopf gewickelt.
Im Herbst hat Blechinger einen weltweit einmaligen Aufbaustudiengang namens "Mobile Application Design" ("Mad") gegründet. Ziel dieser Fortbildung ist es, die Welt der mobilen Netzgeräte mit Leben zu erfüllen. Er selbst drückt es so aus: "Wir müssen die Gründe erfinden, warum es diese Netze überhaupt gibt."
Über die Erfindungen seiner vorerst 25 Mad-Studenten darf er noch nicht reden; denn die meisten von ihnen sind von unterschiedlichen IT-Konzernen zurück auf die Schulbank geschickt worden, um der Technikbranche zu helfen, die Veränderungen zu meistern, die sie selbst herbeiführt.
"Die Gerätehersteller und Netzbetreiber haben doch überhaupt keine Ahnung, auf was sie sich da einlassen mit der mobilen Unterhaltung", sagt Blechinger. "Die müssen nicht nur neue Geräte entwickeln, sondern auch sich selbst neu erfinden. Die Mobilfunkbetreiber müssten schon heute wie Fernsehsender arbeiten und massenweise Inhalte produzieren für ihre Kunden." Ob mit dem mobilen Internet wirklich genug Geld verdient werde, sei folglich noch völlig offen.
Zumindest der Zürcher Prorektor braucht sich darum nicht zu sorgen. Sein Studiengang macht vor, wie man an den mobilen Netzgeräten schon vor ihrer Einführung verdienen kann: Pro Semester zahlen die von den Firmen entsandten Mad-Studenten satte 2300 Euro.
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