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07.06.2002
 

Intelligente Kleidung

Wenn das Nachthemd Alarm schlägt

Von Kristina Debelius

Abendkleider mit Massagefunktion, dudelnde Jacken oder Strümpfe, die nie stinken: Von Hightech-Textilien erhoffen sich die Hersteller einen neuen Boom. Dass intelligente Kleidung aber mehr ist, als futuristische Cybermode zeigt ihr Einsatz in der Medizin. Sie kann vielen Allergikern oder pflegebedürftigen Personen helfen.

Musik zum Anziehen: Jacke mit MP3-Player
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Messe Frankfurt / Valentin

Musik zum Anziehen: Jacke mit MP3-Player

Das Tastenfeld im Ärmel, die Buchse für die Kopfhörer im Kragen: ein MP3-Player, der komplett in eine Hightech-Jacke verwoben ist – entwickelt von Chip-Hersteller Infineon. Das Besondere daran: die Jacke kann man waschen und bügeln, ohne dass der Player den Geist aufgibt.

Mit den so genannten "Wearable Electronics", also Elektronik zum Anziehen, wittert der krisengeschüttelte Chip-Hersteller ein Geschäft mit Zukunft. Die Palette reicht von Kleidung, die bei Unfällen über GPS Hilfe ruft oder besorgten Eltern verrät, wo sich gerade ihre Sprösslinge aufhalten bis zu elektronischen Etiketten. Dank der auf dem Chip gespeicherten Waschinformationen, schlägt die Waschmaschine beispielsweise Alarm, wenn der Kaschmir-Pullover in die Kochwäsche rutscht.

Der flimmernde Rucksack: Textile Bildschirme
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Messe Frankfurt / Valentin

Der flimmernde Rucksack: Textile Bildschirme

Während die dudelnde Jacke, das massierende Abendkleid oder der Computer zum Anziehen von Skeptikern als Spielzeug für gelangweilte Großstädter belächelt wird, schreiben die Hersteller im Geiste schon schwarze Zahlen. Mit einer großen Nachfrage rechnen die Chip-Hersteller aber erst in acht bis zehn Jahren: "Damit sich das für uns lohnt, müssen wir Millionen-Stückzahlen produzieren", sagt Werner Weber, Leiter des Labors für Anwendungstechnologien bei Infineon Technologies.

Warnsignale aus der Strampelhose

Doch Hightech-Kleidung ist mehr als ein hippes "Add on" für technikverliebte Trendsetter und modebewusste Sci-Fi-Liebhaber.

Hemd mit selbsttätig aufrollenden Ärmeln
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Messe Frankfurt / Valentin

Hemd mit selbsttätig aufrollenden Ärmeln

Das zeigt beispielsweise der Einsatz auf therapeutischem Gebiet. Insbesondere der Medizin-Bereich wird als großer Wachstumsmarkt gehandelt. "Der Vorteil am medizinisch-sportlichen Bereich ist, dass er weniger preis-sensitiv reagiert als der Consumer-Markt," so Weber.

Da die Bevölkerung immer älter wird, wächst auch der Bereich Heim- und Pflegedienst und mit ihm das so genannte Personal Health Monitoring: "Wenn wir diese Sensoren, die den Puls, die Temperatur oder andere Körperfunktionen messen, so in die Kleidung integrieren, dass man das gar nicht merkt, garantieren wir beispielsweise verwirrten Personen eine größere Bewegungsfreiheit", sagt Weber.

Sturz-Sensoren schlagen Alarm, wenn hilfsbedürftige Menschen auf der Straße oder im Haushalt verunglücken. Bei Risiko-Patienten alarmiert der unsichtbare Kleidungs-Sensor den Notarzt, wenn das Herz Probleme macht. Ein mit einem Sensor versehener Strampelanzug soll Säuglinge vor dem Plötzlichen Kindstod bewahren.

Genauso gut können aber unsichtbare Sensoren ohne Wissen des Trägers zur Kontrolle und Überwachung missbraucht werden, beispielsweise um das Kaufverhalten oder den Gesundheitszustand auszuspionieren.

Mit Silber gegen Neurodermitis

Zu 100 Prozent versilbert: Spezial-Unterwäsche der Firma Tex-a-med
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Zu 100 Prozent versilbert: Spezial-Unterwäsche der Firma Tex-a-med

Intelligente Kleidung soll aber in erster Linie helfen, zum Beispiel bei Allergien oder anderen Hauterkrankungen. Allergische Krankheiten sind eines der großen Public Health Probleme des 21. Jahrhunderts. 30 Prozent der Deutschen leiden unter Allergien - auch ein großer Markt.

So verkauft die bayerische Firma Tex-a-med bereits mit Erfolg silber-beschichtete Fasern, die gegen Neurodermitis helfen. Selbst nach 150 Wäschen soll das Silber im Stoff noch antibakteriell und entzündungshemmend wirken und den Juckreiz lindern. Der Silberdress wirkt aber auch gegen andere Hauterkrankungen, Pilze, Schuppenflechte oder gegen Körper- und Schweißgeruch. Und die Kleidung wird laut Herstellerangaben sogar von den Krankenkassen teilweise bezahlt.

Creme zum Anziehen

Selbst für vergessliche Pillenschlucker gibt es hilfreiche Stoffe: Für sie wird bereits an Kleidung gebastelt, die dem Körper kontinuierlich Medikamente, Salben oder Vitamine zuführt. "Viele Patienten mit Hauterkrankungen beispielsweise haben das Problem, dass sie sich mehrmals am Tage eincremen müssen, das heißt sie werden therapiemüde, ein Problem, das viele Dermatologen immer wieder beklagen", erklärt Dirk Höfer, Leiter der Abteilung Hygiene und Biotechnologie/Kompetenzzentrum Medizintextilien vom Hohenstein-Institut.

Eine Heilung mit psychologischem Nebeneffekt: Wer nicht ständig mit der lästigen Therapie beschäftigt ist, wird auch nicht permanent an seine Krankheit erinnert. So ist bereits Kleidung denkbar, die Diabetiker mit Insulin oder Rheumakranke mit Schmerzmittel versorgt. Strumpfhosen, die die Beine von alleine mit Aloe Vera eincremen, warten bereits jetzt schon auf creme-müde Kundinnen in den Regalen.

Trotzdem gilt es noch ein paar Kinderkrankheiten auszubügeln: Momentan verschwindet die Creme oder der Wirkstoff noch mit dem Waschen. "Die Fragen nach der Haltbarkeit werden uns noch ein Weilchen beschäftigen", sagt Höfer. Denkbar ist, dass man die Medizin-Klamotte gegen Rezept in der Apotheke wieder aufladen lässt.

Der maßgeschneiderte Mensch

Spezielle Medizin-Textilien könnten sogar als "Ersatzteile" für kranke Körperteile dienen. Spenderorgane sind rar, und die Zahl der alten und damit kränkelnden Bevölkerung wächst. So versuchen einige Forscher bereits Körpergewebe wie Haut, Knorpel oder innere Organe aus Textilfasern nachzubauen. "Nach einem Brandunfall etwa kann flächiges Gewebe nicht nur Verbrennungen abdecken. Es kann auch Trägermaterial sein für Kulturen mit Hautzellen des Patienten, die später zerstörtes Hautgewebe ersetzen sollen," erklärt Heinrich Planck, Direktor des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik und Direktor des Deutschen Zentrums für Biomaterial und Organersatz gegenüber dem "Tagesspiegel".

Textile Schlagader-Prothesen seien bereits jetzt schon im Einsatz, künstliche Bauchspeicheldrüsen oder der Leberersatz würden in den nächsten vier bis fünf Jahren kommen. Der maßgeschneiderte Mensch – offenbar nur noch eine Frage der Zeit.

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