Mit dem deutlich gestiegenen Funktions- und Leistungsumfang von MMS gegenüber dem primitiveren SMS (Szenenjargon: "Sado-Maso-Schreiben") wachsen die Nutzungsmöglichkeiten. Günstig auch, dass für die MMS keine komplett neue Technik erfunden werden musste.
Die MMS basiert nämlich auf dem WAP-Standard. Für den Benutzer erfolgt der Versand ganz wie bei einer herkömmlichen SMS, und der Empfänger öffnet die Message mit einer eigenen Schnittstelle und nicht etwa mit dem WAP-Browser.
Der MMS-Standard schreibt keine maximale Textlänge mehr vor. Was den Dienst aber erst attraktiv macht, ist die Möglichkeit, den Meldungen Attachments anzuhängen. Als Mitteilungsanhang lässt sich so ziemlich alles mitversenden: Bilder, Sprache und Filme.
Zäher Start
Doch der Markt öffnet sich nur schleppend. Wer die MMS nicht einfach nur als Weblink empfangen möchte, der benötigt ein neues, diesmal MMS-fähiges Handy. Die Geräteauswahl ist noch recht bescheiden. Als erstes Gerät konnte das Sony-Ericsson T68i mit den multimedialen Mitteilungen etwas anfangen. Nokia zog mit den Modellen 3510, 7210 und dem flammenneuen 7610 nach. Letzteres hat auch gleich eine Kamera mit eingebaut.
Doch nicht nur den Kunden entstehen Kosten. Auch die Betreiber der Mobilfunknetze müssen für die MMS in zusätzliche Technik investieren. Man benötigt ein so genanntes "Multimedia Messaging Service Center" (MMSC) als neues Netzelement für die Speicherung von MMS-Nachrichten, bis diese an den Empfänger zugestellt werden können. Nach und nach melden die Betreiber Vollzug. In Deutschland ist Vodafone bereits MMS-fähig, bei T-Mobile und O2 will man es in einigen Wochen sein.
Top oder Flopp?
Uneins sind sich derzeit eher die Marktforscher, wenn es um die Zukunftschancen der MMS geht. Mitte Mai 2002 gab die niederländische Dependance des Marktforschungsunternehmens Forrester Research der MMS noch kaum eine Chance. Die Messaging-Umsätze, so prognostizierte man in Amsterdam, würden trotz neuer Angebote im Jahr 2004 erstmals sinken.
Denn bis zum Jahr 2007 soll ein hoher Konkurrenz- und Preisdruck die Gewinnmargen senken. “Für schnelle persönliche Mitteilungen benötigen die Kunden keine derart ausgefeilten Systeme”, glaubt die Forrester-Analystin Michelle de Lussant. Der MMS trauen die Marktforscher darum auch kaum mehr als 10 Prozent Anteil am Messaging-Markt bis 2007 zu.
Dieser Tage veröffentlichte die Unternehmensberatung Mummert + Partner in Hamburg eine neue Trendstudie zum gleichen Thema – mit teils krass unterschiedlichen Befunden. Zwar titelten die Hamburger ebenfalls mit “SMS behauptet Spitzenplatz”, doch rangiert bei den Hanseaten die MMS in ihrer Marktbedeutung unmittelbar hinter der E-Mail. Erstaunlich an den unterschiedlichen Wertungen ist vor allen Dingen, dass Forrester wie Mummert + Partner eine ähnliche Personengruppe befragt haben: In Amsterdam interviewte man Führungsmanager von 20 Mobilfunkbetreibern in Europa, in Hamburg vertraut man dem Wort von 106 Führungsmitarbeitern der Telekommunikationsbranche.
Starthilfen
Den Mangel am MMS-fähigen Endgeräten will die Firma Materna mit “MMS Anny Way” umgehen. Gerade im Geschäftskundenbereich bietet die MMS mit dem schnellen Dateiversand zusätzliche Möglichkeiten für den Außendienst. Doch wenn Firmen zuvor eine komplette Handygeneration ausmustern müssten, um in den Genuss der Vorzüge zu kommen, bliebe die MMS-Nutzung für viele wohl Wunschdenken. Maternas “Anny Way” kann hier ad hoc weiterhelfen: Das System besteht aus dem “MMS-Enabler”, das ist eine Software, die der Netzbetreiber in seinem Messaging-Center verwenden muss. Der Enabler erkennt, ob das angepeilte Handy mit einer MMS umgehen kann, oder ob es sich lediglich um ein SMS-fähiges Gerät handelt. In jedem Fall zeigt das Handy eine Mitteilung über die eingegangene MMS-Nachricht an.
Die zweite Systemkomponente ist der “MMS-Client”. Das ist eine Software, die auf einem PDA installiert werden kann. Vorausgesetzt, PDA und Handy können über die Infrarotschnittstelle miteinander kommunizieren, sorgt der MMS-Client des PDA für die MMS-Zustellung. Das Handy fungiert hierbei nur als Sende- und Empfangsgerät, hat also mit der MMS-Entschlüsselung und Darstellung nichts zu tun.
Bei Materna hofft man auf viele interessierte Netzbetreiber, die den “Anny Way MMS Enabler” ihren Kunden anbieten. Die Optik der Software wird dafür in seinem Erscheinungsbild der Netzbetreiber-Marke individuell angepasst.
Ist das Problem des MMS-Versandes und Empfangs erst einmal gelöst, stellt sich die Frage, ob es auch nützliche Anwendungen für die MMS gibt.
Eine Frage, die sich offenbar schon jetzt mit einem Ja beantworten lässt. Die Berliner Firma Gate5 präsentierte ein System, das die Nutzung von Location-Based-Services ermöglicht. Ortung, Straßenkarten, Gastro- und Sightseeing-Tipps oder der Friendfinder können damit per MMS abgerufen werden.
Ob die Multimedia-Message tatsächlich die heißgeliebte SMS ablösen kann, ist noch ungewiss. Das Etikett eines Hoffnungsträgers für die gebeutelte Mobilfunkbranche haftet dieser großzügigen Erweiterung technischer Mitteilungsmöglichkeiten aber wohl zu Recht an. Keiner der Netzbetreiber wird sich der MMS entziehen können.
Mario Gongolsky
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