Von Frank Patalong
Symbolfigur: Der Pinguin steht für das Konzept Linux
Es soll einfach alles können, leicht zu bedienen und dabei billig sein, Umsteigern kaum Umgewöhnung zumuten, vertraut wirken und dabei noch auf die wichtigste Software verschiedener Plattformen zugreifen können: Kein Zweifel, Michael Robertson und sein gerade einmal 20 Köpfe starkes Entwicklerteam arbeiten an der Eierlegenden Wollmilchsau. Und die heißt natürlich Lindows: "Lin" wie in Linux, "indows" wie in Windows.
Das Beste aller Welten soll die Software bieten und Windows-Nutzern eine ihnen vertraute Oberfläche, während tief im Rechner ein modifiziertes Pinguin-Programm werkelt.
Das - Linux nämlich - steht nach wie vor im Ruf, in Sachen Installation und Handhabung vergleichsweise kompliziert zu sein. Eigentlich ist das Unsinn: Komplizierter als eine Windows-Installation ist Linux heute vor allem noch deshalb, weil man es in aller Regel halt selber tun muss, während Windows als "OEM" vorinstalliert fertig auf jedem Aldi-Rechner auf den Einsatz wartet.
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Lindows: Nicht Fisch, nicht Fleisch
Michael Robertson jedoch, Gründer und einst Chef von MP3.com, trat vor zwei Jahren mit dem Anspruch an, ein Linux schaffen zu wollen, dass einfach alles können sollte: Linux- wie Windows-Programme zum laufen bringen, vertraut aussehen und so weiter: siehe oben. Inzwischen hat er da kräftig abspecken müssen: Word, Excel und Co sollen zwar laufen, doch den Rest der Windows-Welt bedient auch Lindows nicht.
Wozu auch?, fragen da eingefleischte Linux-Fans, auch das Pinguin-OS biete doch alles, was man brauche, und dazu noch billig, wenn nicht gar kostenlos. Doch die Antwort ist einfach: Was Windows am Markt als Quasi-Monopol in Sachen Betriebssystem zementiert, ist die Abhängigkeit der User von den Standard-Büroanwendungen. Da können OpenOffice und Sun (StarOffice) noch so sehr trommeln für ihre
Linux-Office-Suiten: Für den Durchschnitts-Nutzer bleibt "Word" das Synonym für "Textverarbeitung".Linux kann weit mehr, als die meisten denken
Nicht nur Lindows setzt darum auf Cross-Plattform-Kompatibilität: Auch Linux-Distributoren wie SuSe und andere setzen auf immer Windows-ähnlichere Benutzerführung - und bekommen die Bedienung von Windows-Programmen teils besser auf die Reihe als Lindows. SuSe etwa taufte ihre letzte, auf der Linux-Distribution 8.1 beruhende Version, keck "Linux Office Desktop" und garantiert Kunden die Lauffähigkeit von Microsoft Office 97 und 2000 (Access allerdings mit Einschränkungen), von MS Visio 2000, Internet Explorer 5.0 und 5.5, von Lotus Notes R5 und Intuits Quicken.
Das ist deutlich mehr, als unter dem mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Lindows möglich ist - was Robertson nicht hindert, sein Programm als die bequeme Profi-Alternative zu den angeblichen Frickel-Programmen im Zeichen des Pinguins zu verkaufen.
Auch darum sind Linux-Fans auf Lindows nicht gut zu sprechen: Robertsons Linux-Distribution ist "geschlossen", was den Open-Source-Grundgedanken von Linux ad absurdum führt. Zudem bietet er - zugegebenermaßen bequem - über seine Software-Abos Produkte an, die andere Linux-Distributoren umsonst ausliefern.
Alles, was Lindows dafür zum Ausgleich bietet, ist Chic und Bequemlichkeit. Bekannten Erfolgsrezepten folgend setzt Robertson auf die Partnerschaft mit Hardware-Herstellern. Mit Idot bietet er nun speziell auf Multimedia-Anwendungen zugeschnittene Lindows-PCs an, bei denen Look and Feel kaufentscheidende Faktoren zu sein scheinen. Von der Linux-"Bastelszene" setzt sich das Idot/Lindows-Konzept ab, indem es PCs schafft, die zu Schreibtischen in Edelstahl und Glas kompatibel scheinen - glänzend wie polierte Äpfel, so zu sagen.
Drin werkelt zu einem Kampfpreis ab 249 Dollar ein Via-Prozessor (933 MhZ), der Rest der Konfiguration ist ansehnlich, das Äußere sowieso. Ja, so könnte das gehen.
Roher Rechner plus Billig-Os = preiwerter PC-Spaß
Die Bastelfans aus Pinguinkreisen wissen natürlich, dass sie in Deutschland für 300 Euro deutlich mehr PC bekommen können, auch wenn der dann nicht so gut aussieht: siehe den Artikelblock zum Thema in der aktuellen "c't", Ausgabe 3/03. Und das Rad haben Lindows und Idot letztlich nochmal neu erfunden: Selbst Kaufhausketten wie Wal-Mart bieten längst Linux-Konfigurationen zu echten Schnäppchenpreisen.
Gerade in solchen Preiswert-Angeboten werden sich in den nächsten Monaten zunehmend Linux-Betriebssysteme finden: Das Jahr 2003 schickt sich an, zum Testballon für Normalkunden-reife Linux-Konfigurationen zu werden.
Triebfeder hinter dieser kommenden Entwicklung ist nicht der Idealismus der Pinguin-Gemeinde, sondern die magere bis Existenz-bedrohende Erlössituation der Hardware-Hersteller. Die Gewinnmargen im PC-Geschäft tendieren gen Unmessbar, und so mancher alter Platzhirsch steht vor dem Platzen: Selbst optimistischste Prognosen der Marke Pfeifen im Wald sagen dem PC-Geschäft für 2003 kaum Erholung voraus.
Da heißt es straffen, rationalisieren, effektivieren, Kosten senken. Neben dem beliebten Ansatz, Arbeitnehmer zu Arbeitslosen zu machen, Werke zu schließen, mit Ex-Konkurrenten zu fusionieren oder gleich ganz die Segel zu streichen sehen immer mehr Hersteller, Assembler und Handelsketten einen Hoffnungsschimmer darin, die Kosten für die vorinstallierte Software zu senken und die Kunden trotzdem mit ungewöhnlich prallen Software-Paketen zu locken: Low-cost Open-Source-Software macht's möglich.
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