Von Frank Patalong
Abschusskandidat Nummer zwei: Real und Co.
Die Frage, wer welchen Browser für was benutzt, ist für eine ganze Reihe von Unternehmen relevant. Der Deal zwischen AOL und Microsoft beinhaltet eine Klausel, nach der man künftig bei der Entwicklung und Unterstützung von digitalen Medien wie Musik und Video im Internet zusammenarbeiten wolle. Zu diesem Zwecke erhält AOL Einsicht in die laufende Entwicklung des Windows-Nachfolgers Longhorn und ist eingeladen, bei dessen Entwicklung mitzuwirken.
Da dürften der Konkurrenz - zum Beispiel bei Realnetworks - die Ohren klingeln. Der Deal verklausuliert eine künftige Präferenz zu Gunsten des Microsoft Mediaplayers, der sich in den letzten Jahren vom Programm-Applet zum Abspielen von Bildern und Tönen zum integralen Windows-Bestandteil gemausert hat. Da hören Microsofts Pläne für das Programmchen aber nicht auf: Spätestens mit Longhorn wird Microsoft das Thema Digital-Rights-Management (DRM) mit Macht angehen.
Dann wird sich die Abspielbarkeit von Mediendateien an den ihnen zugeordneten Lizenzen bemessen - und die Medienschnittstelle wird der Mediaplayer sein. Das Rights-Management von Millionen AOL-Kunden wird dann ebenfalls über diese Schiene laufen: So gewinnt man kritische Masse, an der niemand mehr vorbeikommt.
Das sind schlechte Zeiten für das Real-eigene Dateiformat, das in Sachen Streaming-Media über lange Zeit die Standards setzte - und unter anderem durch eine Koppelung des Programms mit dem Netscape-Browser popularisiert wurde. Doch Real gerät zusehends ins Hintertreffen: Apples Quicktime bietet die weit besseren Qualitäten, Microsofts Formate sind auf dem Vormarsch. Vor wenigen Tagen verabschiedete sich die Industrie-Musikbörse MusicNet vom Real-Format, obwohl das Unternehmen zu den Finanziers der Börse gehört. Nutznießer der offenen Verstimmung: Microsoft.
Interessant und brisant ist das alles vor allem deshalb, weil es längst nicht mehr um die offene Konkurrenz von um die Nutzergunst buhlenden Techniken geht. Es geht um den direkten Weg zu den Geldtöpfen, die sich die Internet-Branche seit Jahren erträumt. Denn bisher war Web-Entwicklung vor allem ein alles andere als billiges Zuschussgeschäft. Erst mit der flächendeckenden Durchsetzung von DRM entsteht ein Markt, der stete Geldflüsse verspricht. Die Vision ist einfach zusammengefasst: Künftig soll es Mediales nur noch gegen Zahlung geben. Zwar, behaupten informierte Kreise, gäbe es in den nicht öffentlichen Einzelheiten des AOL/Microsoft-Deals keine Exklusivitätsklauseln und AOL sei so nicht ausschließlich zur Nutzung der Microsoft-Programme verpflichtet.
Doch kann man in diesem Fall wohl davon ausgehen, dass das Prinzip "wenn schon, denn schon" greift: Wer im kommenden DRM-Geschäft den Datenfluss kontrolliert, ist in der besten Position, dafür auch kräftig Maut verlangen zu können. AOL ist da ein nahe liegender Kandidat, Microsoft der logische Verbündete. Wenn Giganten tanzen, sollte man zusehen, nicht unter ihre Füße zu kommen. Manchen Microsoft-Konkurrenten mag das wohl nicht mehr gelingen.
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