"Die digitale Radiozukunft beginnt", verkündete Mitte Mai der noch recht frische Wirtschaftsminister Werner Müller. Und Staatsminister Erwin Huber lobte sich selbst und Bayerns Pionierrolle. Die in Bayern praktizierte Partnerschaft von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik habe es ermöglicht: In diesen Tagen wird der digitale Hörfunk - Stichwort "Bayern Digital Radio" - erstmals in einem Teil Deutschlands in den Regeldienst überführt.

Doch DAB ist nicht ganz zukunftssicher. Das Format wurde bereits Anfang der 80er Jahre in Süddeutschland erdacht und seit 1987 im dreistelligen Millionenbereich mit europäischen und deutschen Fördergeldern bedacht. Als industriepolitisches Projekt sollte es neue Exportchancen eröffnen und den lahmenden Autoradio-Markt beleben. Zudem wurden die öffentlich-rechtlichen Anstalten ins digitale Boot gezogen. Laut Gebührenstaatsvertrag sollen aus dem allgemeinen Rundfunk-Gebührenaufkommen 180 Millionen zur flächendeckenden Versorgung mit DAB eingesetzt werden. Im letzten Jahr beschloß die alte Bundesregierung, daß 2010 bis spätestens 2015 analoge Übertragungstechniken abgeschaltet werden. Dann soll DAB zum neuen Standard im Radio-Äther werden. Verdächtig freilich ist, daß inzwischen schon Generationen von Politikern auf DAB schwören.
Noch ist die DAB-Aussendung in Deutschland auf einige Hauptverkehrsstraßen und Ballungszentren begrenzt - vor allem im Norden der Republik klaffen noch große Lücken. Soweit Empfangsgeräte derzeit arbeiten, wurden sie fast ausnahmslos im Rahmen von Pilotprojekten verteilt. Inzwischen sind sie auch käuflich zu erwerben, allerdings noch empfindlich teuer: Ab 2.500 Mark ist man dabei. Und das noch ohne Display. Wer in die DAB-Welt abtauchen will, muß neben dem üblichen Autoradio noch eine Box im Kofferraum installieren lassen.
Angesichts der wenigen Nutzer bleibt auch das Programmangebot begrenzt. Meist handelt es sich um die parallele Übertragung vorhandener UKW-Angebote. Es gebe keine attraktiven Programme, klagen die Hersteller aus der Unterhaltungselektronik und halten sich mit kostengünstiger Großserienproduktion zurück. Fehlende Empfänger schrecken wiederum die Programmanbieter ab. Das alte Henne- und Ei-Problem also?
Von Problemen sprechen Verantwortliche daher ungern. Für DAB stehen in Deutschland viel zu wenig Frequenzen zur Verfügung. Nicht einmal das bestehende Radioangebot läßt sich in vielen Teilen der Republik abbilden. Dazu schafft die digitale Ausstrahlung gänzlich neue Senderadien, die quer zu den gültigen Lizenzen liegen. Stiege beispielsweise der wattstarke Sender "Radio Hamburg" auf DAB um, er müßte zusätzliche Sendeanlagen in benachbarten Bundesländern errichten um seine bisherige Reichweite zu erhalten. Und weil DAB-Programme als Multiplex im Sechserpack ausgestrahlt werden, hätte er gleich noch die Konkurrenz im Boot. Folglich steht die privat-kommerzielle Rundfunkindustrie DAB überwiegend skeptisch bis ablehnend gegenüber.
Dazu ist DAB nicht konkurrenzlos. Anfang des Jahres stellte die Telekom ihren erfolglosen digitalen Dienst Digitales Satelliten Radio (DSR) ein. Unter wütendem Protest einiger DSR-Kunden, die nun ihre teuren Tuner verschrotten können. Der Satellitenanbieter Astra lockt mit Astra Digital Radio (ADR), das mit geringem Aufwand den Empfang von über 70 deutschsprachigen Programmen in digitaler Qualität ermöglicht. Einige nördliche Bundesländer experimentieren zudem mit der konkurrierenden Technik DVB-T, die zwar für TV entwickelt wurde, sich aber offensichtlich gut eignet, um Hörfunk Huckepack zu nehmen.
Als Handicap erweist sich zudem, daß DAB um den Bedarf von Autofahrern herum entwickelt wurde. In den 90er Jahren denken wir längst in flexiblen Datenströmen, deren Nutzung und inhaltliche Füllung erst Markt und Nachfrager entscheiden. Da bietet DAB nicht viel mehr als eine höhere Tonqualität. Dazu kommen die Display-Bildchen, das die Branche spöttisch als "Mäusekino" betitelt. Die Sinnhaftigkeit leuchtet im Straßenverkehr nicht unbedingt ein. Das Straßenverkehrsrecht gebietet zudem, daß der Fahrer sich auf die Fahrbahn konzentriert. Vorschläge, die Nutzung des Displays an die gezogene Handbremse zu koppeln, wurden von der DAB-Lobby empört abgelehnt.
Dazu erweist sich UKW als unerwartet anpassungsfähig. Die neuen Navigationsprogramme etwa können auch über herkömmliches UKW mit aktuellen Verkehrsdaten gefüttert werden. Das heißt dann Traffic Message Channel (TMC) und funktioniert bereits. Und überhaupt: Gerade einmal zwölf Prozent allen Radiohörens findet im Auto statt. Ist es wirklich sinnvoll, um diese Audio-Minderheit eine ganze Technik zu konstruieren?
Naheliegend schien, daß die DAB-Promoter die Autoindustrie überzeugen. DAB würde wohl den Durchbruch in dem Moment erzielen, da Neuwagen damit ausgerüstet werden. Danach sieht es freilich nicht aus, vielmehr beteiligt sich die Pkw-Branche demonstrativ an DVB-Pilotprojekten. Auch hier wird deutlich, daß DAB bereits veraltet ist. Die DAB-Vermarkter suchen ihr Angebot als "Radio Highway" zu verkaufen. Genau darum handelt es sich aber nicht, DAB folgt wie UKW der Logik einer Einbahnstraße. Bei Autos werden Information und Highway zukünftig aber eine Symbiose eingehen. Der computer-gesteuerte Wagen wird an die Info-Bahn angeschlossen, Pay-Audio und (auf den Rücksitzen) TV und Videospiele für die Kids werden Standard sein (was wiederum für DVB spricht). Das Auto der nächsten Generation erhält zudem eine eigene IP-Adresse und kann interaktiv kommunizieren. Zum Service der Zukunft wird zählen, daß Werkstätten den rollenden Wagen fernüberwachen, Reparaturen vorbereiten und notfalls Unfallhilfe leisten. Das ist sowieso der Trend: Nachdem wir Kontakte zwischen Menschen bereits digitalisiert haben, kommunizieren als nächstes die Maschinen untereinander.
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