Von Markus Becker
Früher wäre es ein kleiner Palast aus Glas und Stahl gewesen, mindestens aber ein S-Klasse-Café in Hamburgs City. AOL hatte stattdessen ins "Gloria" nach Eimsbüttel eingeladen. In der schmalen Straße mit den vielen Altbauten ist es beinahe so eng wie in dem Café. An der Theke stehen Hocker mit roten, abgewetzten Kunstlederpolstern, die Journalisten drängeln sich zwischen kleinen Tischen mit vielen Laptops. In der Ecke döst ein Hund.
"Szenig" sollen die Kneipen und Cafés sein, die AOL mit seinen "Internet Stations" verziert. "Wir achten auf ein junges, Technik- und Internet-affines Publikum", sagt Pressesprecher Marc-Sven Kopka. Sein Unternehmen könne bei der Auswahl der Partner-Kneipen durchaus wählerisch sein: Im Schnitt würden sich täglich fünf Gastronomen um eine AOL-Internetstation bewerben.
Vorsichtiger Einstieg ins WLAN-Geschäft
"Enorm investiert" habe man in den Ausbau des WLAN-Netzes, erklärt AOL. Heraus gekommen sind bundesweit 150 WLAN-"Hotspots", verteilt auf 30 Städte ab 100.000 Einwohnern - ein eher vorsichtiger Einstieg in die Welt des drahtlosen Surfens. Denn auch wenn das jetzt eröffnete Netzwerk nach Unternehmensangaben das deutschlandweit größte ist: Um auf dem deutschen WLAN-Markt groß zu wirken, bedurfte es keines überdimensionalen Einsatzes. Bisher gab es lediglich vereinzelte lokale Anbieter, mit denen sich größere Unternehmen wie etwa die Mobilfunk-Firma O2 zusammentat und damit den Aufbau eines eigenen Netzes umging.
Neu am Vorstoß von AOL ist, dass der WLAN-Zugang zu Festnetzpreisen möglich ist. Prompt wirbt der Internet-Riese mit DSL-Geschwindigkeit zu Billig-Konditionen - auch wenn der WLAN-Hotspot ein "shared medium" ist, dessen Nutzer sich die maximale Download-Geschwindigkeit von einem Megabit pro Sekunde teilen müssen.
Innerhalb der Reichweite eines Hotspots, die laut AOL 50 bis 100 Meter beträgt, können mitunter eine Menge Kunden hocken. In der dicht bebauten Gegend rund um das Hamburger Café Gloria etwa dürfte AOL in mehreren hundert Wohnungen zu empfangen sein. Rein theoretisch würde das bedeuten, dass nur 15 User mit Appetit auf MP3-Dateien ausreichen, um die Daten mit ISDN-Geschwindigkeit durch den Äther kriechen zu lassen.
Hotspots liegen weitgehend brach
In der Praxis ist das eher unwahrscheinlich, wie etwa die Erfahrungen von Kneipenbesitzern mit der Initiative "Hamburg-Hotspot" erahnen lassen: Das Hamburger Netzwerk leidet an technischen Problemen, frustrierte Nutzer beschweren sich, Gäste stieren lange auf den Bildschirm und bestellen wenig. Die vielen anderen coolen, Internet-affinen und doch "szenigen" Leute schlürfen ihren Kaffee offenbar lieber gratis zu Hause, wenn sie schon surfen wollen statt mit Freunden zu quatschen. Das Resultat: Die 40 WLAN-Hotspots der Initiative werden kaum genutzt.
Hinzu kommt, dass AOL nur seinen registrierten Kunden den WLAN-Zugang eröffnet. Deren Zahl beläuft sich laut AOL auf 2,6 Millionen, doch gibt es nach aktuellen Erhebungen rund 40 Millionen Deutsche mit Internet-Zugang. 9542 Cafés und 47870 Kneipen zählt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband in Deutschland. In 150 Kneipen und Cafés stehen nun Hotspots von AOL. Die Minderheit der mit Laptop und WLAN-Karte bewaffneten 6,5 Prozent der deutschen Internet-Surfer müssten sich demnach in 0,3 Prozent der deutschen Kneipen und Cafés verirren. Grund genug, in einem solchen Fall endlich wieder mit tiefer Befriedigung "Ich bin drin" zu rufen.
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