Von Martin Paetsch
Hyperrealistische Computerwelten, in denen sich Online-Spieler aus aller Welt treffen: So wird nach dem Willen der Konsolenhersteller die Zukunft des Videospiels aussehen. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen Sony, Sega und Nintendo bis Ende 2000 neue Spielecomputer auf den Markt bringen, die den Video-Gamer in bislang ungekannte 3D-Welten entführen sollen. Als erstes Gerät der neuen Konsolen-Generation wird voraussichtlich im Herbst dieses Jahres Segas "Dreamcast" in den Handel kommen. Von dem neuen Gerät erhofft sich die von negativen Bilanzen geplagte Firma eine Neuplazierung auf dem umkämpften Konsolenmarkt. Um den erfolgreicheren Konkurrenten Nintendo und Sony Stammkunden abzujagen, wurde nicht an Rechenpower gespart: Nach Angaben von Sega wird die Grafikleistung des 128-Bit-Computers viermal besser sein als beim schnellsten Pentium-II-Prozessor. Aber nicht nur mit Geschwindigkeit will man Käufer locken. Mit einem serienmäßig eingebauten 56k-Modem sollen sich die Videospieler auch übers Internet zu einer Partie verabreden können. Dafür will der Konsolenhersteller ein eigenes Netzwerk einrichten, das außer Online-Gaming auch andere Internetfunktionen wie E-Mail, Chat und Websurfing erlauben soll. Um einen guten Markteinstieg zu erhalten, will Sega das Gerät zu einem möglichst niedrigen Preis über die Ladentheke gehen lassen: Zunächst sind 499 Mark geplant, in der Branche spekuliert man aber schon über einen um hundert Mark niedrigeren Preis.
Bei der Ankündigung des neuen Gerätes versäumte es Sega auch nicht, kräftig in Richtung Konkurrenz zu sticheln: Das Unternehmen verkündete, seine Wundermaschine verfüge über 15mal mehr Rechenleistung als die Sony PlayStation und sei 10mal schneller als die 64-Bit-Konsole von Nintendo. Allerdings haben die beiden stärker positionierten Konkurrenten auch schon eigene Nachfolgemodelle für ihre aktuellen Spielekonsolen in Arbeit. Sony etwa will mit seiner "Next Generation PlayStation" ebenfalls ein 128-Bit-Modell auf den Markt bringen. Zwar soll auch bei diesem Gerät ein Anschluß ans Internet möglich sein, in erster Linie will Sony damit aber den herkömmlichen Offline-Spieler bedienen. Dafür soll das Herzstück des Gerätes, die sogenannte "Emotion Engine", physikalische Eigenschaften wie Masse, Schwerkraft und Reibung simulierbar machen und damit in bisher unbekannte Bereiche der Virtual Reality vorstoßen. So soll beispielsweise die Bewegung von Haaren und Kleidung im Wind in Echtzeit berechnet werden können, und auch die Darstellung von so schwer simulierbaren Materialien wie Wasser und Rauch bereitet dem Spielecomputer angeblich keine Probleme mehr. Das Gerät wird voraussichtlich im kommenden Winter in Japan auf den Markt kommen, die Einführung in Europa soll ein Jahr später erfolgen.
Auch der dritte Konkurrent um die Kaufkraft der Video-Zocker hat nicht geschlafen: Nintendo arbeitet an einem Nachfolger seiner Nintendo64-Konsole mit dem Codenamen "Dolphin". Für die Entwicklung des Gerätes hat sich die japanische Firma mit IBM zusammengetan: Der Computerhersteller wird die "Dolphin"-Konsole mit einem hochgezüchteten 400-MHz-Prozessor bestücken, der Super Mario und Konsorten in Zukunft in Rekordgeschwindigkeit über den Bildschirm jagen lassen könnte. Möglich wird das durch eine kupferbasierte Prozessortechnologie, die den "Gekko"-Chip schneller machen soll als alle anderen derzeit auf dem Markt befindlichen oder geplanten Konsolenprozessoren. Um in den angekündigten Geschwindigkeitsrausch zu kommen, muß sich der Konsolen-Freak allerdings noch etwas gedulden: Die weltweite Markteinführung des rasanten Gerätes ist zum Weihnachtsgeschäft 2000 geplant.
Der Technologiewettlauf bei den Konsolenhersteller wird aber nicht von allen gerne gesehen. Erst kürzlich kam Kritik von Microsoft: Der Software-Konzern, der sich zur Zeit im Kartellverfahren seiner Haut erwehren muß, sieht sich nach Aussagen seiner Anwälte von den Spielekonsolen in seiner Marktposition bedroht. Folgt man der Argumentation des Software-Riesen, so könnten aus den schnellen, aber spezialisierten Spielekisten von heute durch den ständigen Ausbau ihrer Fähigkeiten irgendwann einmal richtige Computer werden. Konsolen-Nutzer bräuchten dann zum Internet-Surfen keinen PC mehr, sondern könnten mit ihrem Spielecomputer über den Datenstrom schippern. Doch auch diese Eventualität trifft Microsoft nicht unvorbereitet: Wie so mancher portable Kleinrechner läuft auch die "Dreamcast"-Konsole von Sega mit Microsofts Miniatur-Betriebssystem Windows CE.
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