Von Holger Dambeck
2004 beginnt eine neue Ära im europäischen Fernsehen - zumindest nach Meinung der belgischen Produktionsfirma Alfacam. Sie startete gestern ihren Satellitenkanal Euro1080 und übertrug das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Nicht in der mickrigen Standardauflösung von 576 Bildzeilen wie das ZDF, sondern mit fast doppelt so viel Zeilen - nämlich 1080. Dieser Zahl verdankt der Sender auch seinen Namen Euro1080.
Die gesendete Auflösung von 1920 mal 1080 Pixeln ist fünf mal so hoch wie beim Fernsehstandard PAL, der sich mit 720 mal 576 Pixeln begnügt. Das brillante, detailreiche Bild begeistert Zuschauer und kann es tatsächlich mit der Qualität im Kinosaal aufnehmen. Andy King, Techniker bei der BBC, geriet bei einer HD-Vorführung in Amsterdem in Verzückung: "Ich bin total von den Socken." Die Anzeige auf einem 30-Zoll LCD-Fernseher sei absolut beeindruckend gewesen, sagte er der "Financial Times".
Schon einige Wochen vor dem offiziellen Start übertrug Euro1080 täglich mehrere Stunden einen Werbetrailer in High Definition als Schleife. Größter Schwachpunkt des Angebots waren und sind fehlende Empfangsgeräte - der Sendebetrieb findet weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Zuschauer gesucht
"Wir wissen, dass die Zahl der Haushalte, die unser Programm überhaupt empfangen können, anfangs sehr beschränkt ist", gestand Rob de Vogel, Vizechef von Euro1080, dem Branchendienst "Broadcasting & Cable". Immerhin gibt es inzwischen einen ersten Digitalreceiver der Firma Zinwell zu kaufen, der das digitale Signal aus dem All verarbeitet und an Beamer, Plasma-Bildschirm oder LCD-Monitor weiterleitet. Kosten: rund 600 Euro. "Ein Preis von 400 Euro wäre uns natürlich lieber", sagte der Alfacam-Manager für Deutschland, Imre Sereg. Bastler können Euro1080 jedoch auch mit einem leistungsstarken PC und Satellitenkarte empfangen - mitunter ruckelt dabei jedoch das Bild.
Euro1080 ist bereits der zweite Versuch, Europas Zuschauern HDTV schmackhaft zu machen. Ende der achtziger Jahren flossen mehr als eine Milliarde Mark Fördermittel in das "Fernsehen der Zukunft" namens D2-Mac. Doch die Hersteller hatten auf eine falsche Technik gesetzt. Sie wollten HDTV analog übertragen. Die aufkommende Digitaltechnik machte das Projekt obsolet, es verschwand in der Versenkung. Fortan wollte sich in Europa niemand mehr die Finger mit HDTV verbrennen.
In Japan, den USA und Australien senden schon seit Jahren mehrere Stationen ganz oder teilweise in High Definition. Mark Cuban, Gründer des US-Anbieters "HD Net", sieht gute Chancen für das superscharfe Fernsehen: "Die Leute wollen keine zusätzlichen Kanäle 41, 42 und 43, die genauso sind wie die bisherigen Sender. Wir haben mit großen Kabelnetzbetreibern gesprochen. Das Interesse ist groß."
Beim belgischen Sender Euro1080 will man ein HDTV-Desaster wie vor zehn Jahren unbedingt vermeiden und fährt eine zweigleisige Strategie. An Technik-Freaks, im Marketing-Slang "Early Adopters" genannt, richtet sich der "Main Channel" mit täglich vier Stunden Programm. Er zeigt Konzerte, Opern und zweitklassige Sportevents - vorerst unverschlüsselt.
Ein verschlüsselter "Event Channel" soll HDTV in Kinosäle mit hochauflösenden Projektoren und 5.1-Kinoton-Anlage bringen. Geplant sind Live-Übertragungen von der Fußball-EM 2004 aus Portugal und der Olympiade 2004 aus Athen, aber auch Rockkonzerte und Opernaufführungen. Die Eintrittsgelder will sich Euro1080 mit den Kinobetreibern teilen. Drei deutsche Kinos in Mönchengladbach, Marburg und Paderborn rüsten sich bereits mit der erforderlichen Technik aus.
Fast wie auf dem Rasen
Mit dem ultrascharfen Fernsehbild wollen die Belgier das Publikum regelrecht anfüttern. Motto: einmal HDTV, immer HDTV. Tatsächlich wirkt jede noch so tolle DVD fad, wenn man erst einmal HD-Fernsehen in Aktion gesehen hat. Die erste HDTV-Übertragung im Juni 2003 war jedenfalls ein voller Erfolg. Für das Fußballspiel Norwegen gegen Schweden gab es schon seit Monaten keine Karten mehr. Alfacam zeigte das Spiel live im Kopenhagener Kino "Imperial" - die rund tausend Zuschauer fühlten sich fast wie auf dem Rasen.
Doch es ist längst nicht sicher, ob die Verbraucher das neue HDTV tatsächlich goutieren. Murat Kunt, Professor für Signaltechnik an der École Polytechnique Lausanne, meint: "HDTV ist keinesfalls die Reaktion auf Wünsche der breiten Öffentlichkeit." Wenn man heute über High Definition spreche, dann zweifellos deshalb, weil es Druck von der Industrie gebe, sagte er der französischen Zeitung "Les Echos".
Nicht nur die Verbraucher müssten sich neue Fernsehgeräte kaufen. Auch die Aufnahmestudios, Übertragungskanäle und Kompressionsverfahren müssten angepasst werden - für Kunt ein zu teures Unterfangen. Zudem werde es auf den Satelliten immer enger: "Ein HD-Kanal benötigt viermal so viel Übertragungskapazität wie ein normaler Sender."
Tatsächlich erscheint Euro1080 wie ein Konjunkturprogramm der Gerätehersteller, aufgelegt von ihnen selbst. Die belgische Produktionsfirma Alfacam wuppt den HD-Kanal keinesfalls allein. Panasonic, Thomson, Pioneer und weitere Unternehmen aus der Unterhaltungselektronik unterstützten das Projekt - mit Geld und Technik. Auch für Werbekunden ist gesorgt. "Eine Handvoll bekannter Firmen, die sich im High-End-Segment positionieren möchten, werden Werbespots schalten", sagte Euro1080-Vizechef Rob de Vogel. Sie alle hoffen auf das große Geschäft.
Auch wenn die Mission "High Definition" in den Wohnzimmern scheitert, so könnte zumindest der Weg in die Kinos zum Erfolg werden. Die Technik würde sich grundsätzlich sogar eignen, die übliche Projektion von 35-Millimeter-Filmen zu ersetzen. Verleiher müssen derzeit viel Geld für Hunderte Kopien der Blockbuster ausgeben, um diese landesweit am selben Tag in die Kinos zu bringen. Wenn Filme künftig nur noch digital übertragen werden, sinken die Kosten und auch das Risiko der Verleiher dramatisch - High Definition könnte sich tatsächlich rechnen.
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