Von Holger Dambeck
Für ehrliche Kunden, die Musik legal im Internet kaufen, müsste die Musikindustrie eigentlich den roten Teppich ausrollen. Doch in der Regel tut sie das genaue Gegenteil. Sie gängelt, bevormundet und beschränkt die scheue Kundschaft, wo sie nur kann - zurzeit in den USA, in wenigen Monaten aber auch in Europa.
Der Käufer darf seine Songs mitunter nicht mal auf CD brennen, braucht Spezialsoftware zum Anhören und für unterwegs auch noch einen Spezialplayer, falls es einen solchen überhaupt gibt.
Es ist die Angst vor dem Kopieren, die die Musikbranche erst monatelang in eine Starre versetzte und inzwischen zu immer drakonischeren Maßnahmen greifen lässt. Kopierschutz auf Musik-CDs, der die Scheiben in vielen PCs und Autoradios stumm bleiben lässt, ist das eine. Ausgeklügeltes Digitales Rechtemanagement (DRM) bei Kaufmusik aus dem Internet das andere.
Vom populären MP3-Format wollen die großen amerikanischen Online-Musikshops nichts wissen, denn normale MP3s lassen sich ohne Beschränkung kopieren und auf CD brennen. Auch das viel gelobte Ogg Vorbis, ein Open-Source-Konkurrent zu MP3, der bei Hörtests wiederholt sehr gut abschnitt, ist kein Thema.
Die Shops bieten ihre Musik in der Regel in den Formaten Windows Media Audio (WMA, von Microsoft) oder Advanced Audio Codec (AAC) an - eine Weiterentwicklung von MP3. Künftig könnte noch die Sony-Kreation Atrac dazustoßen. Alle drei Formate sind wie MP3-Songs komprimiert und enthalten bis auf ganz wenige Ausnahmen ein Rechtemanagement (DRM).
Für den Kunden fangen damit die Probleme an. Zum einen braucht jedes Format seine eigene Abspielsoftware. Immerhin gibt es diese meist kostenlos im Shop zum Herunterladen. Aber wer die online gekaufte Musik dann im CD-Abspieler oder im portablen Player dudeln lassen will, spürt früher oder später die Knute der Musikindustrie.
Eingesperrt im PC
Apple zählt mit seinem Shop iTunes dabei noch zu den weniger strengen Dominas. Brennen darf der Käufer seine AAC-Musik, so oft er will, nur beim Kopieren auf andere Rechner und mobile Player (iPod) kommen vergleichsweise großzügige Schranken ins Spiel: Neben einem Original auf der Festplatte und dem iPod sind zwei weitere Kopien erlaubt - immerhin.
Mit DRM geschützte WMA-Songs können je nach Musikshop gar nicht gebrannt oder kopiert werden - sie bleiben lebenslänglich Gefangener der eigenen Festplatte. Hoffentlich raucht diese nicht unerwartet ab - sonst ist die ehrlich erworbene Musik nämlich futsch.
WMA-Musik verkaufen unter anderem der Anbieter Musicmatch und der neu gestartete Napster-Dienst - beide jedoch ausschließlich an Kunden in den USA. Napster erlaubt nur ein fünfmaliges Brennen - Musicmatch setzt wie iTunes keine Obergrenze für das Brennen. Das Kopieren auf portable Player ist bei Napster und Musicmatch unbegrenzt oft möglich.
Damit die Kunden angesichts der verschiedenen Musikformate und Kopiersperren nicht gleich das Weite suchen, locken immer mehr Anbieter mit einem Paket aus portablem Player und darauf abspielbarer Digitalmusik. Auch wenn Fesseln da sind - der Hörer soll davon möglichst wenig mitbekommen.
Apple hat es allen vorgemacht: Zuerst kam der relativ teure, aber äußerst schnuckelige MP3-Player iPod auf den Markt. Und dann startete das kalifornische Unternehmen mit iTunes einen Musikshop. Die dort verkauften AAC-Songs bringt allerdings ausschließlich der iPod zum Klingen.
Musik und Player als Set
Das Konzept scheint aufzugehen: Der iPod ging über zwei Millionen Mal über den Ladentisch. Und die amerikanischen Kunden kauften mehr als 30 Millionen Songs bei iTunes. Ein weiterer Coup gelang Apple mit dem jüngst auf der Messe "Consumer Electronics" verkündeten HP-Deal. Der PC-Hersteller nimmt demnächst einen von Apple gebauten Player in sein Programm auf und rüstet sämtliche Computer ab Werk mit der zugehörigen iTunes-Software für AAC-Songs aus. Ein HP-Manager sagte, man plane derzeit keine Unterstützung für das WMA-Format.
Microsoft schäumte. Dave Fester, Chef der Abteilung Windows Digital Media, nannte den HP-Apple-Deal "wettbewerbswidrig", weil auf allen von HP verkauften Rechnern Apples iTunes-Software installiert werden soll. Nutzer müssten ihre Soft- und Hardware frei wählen können - erstaunliche Aussagen aus dem Hause Microsoft.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Tech | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH