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06.02.2004
 

Privat fernsehen ade

Big Brother vor der Glotze

US-Bürger erleben gerade, dass Privatfernsehen mitunter wenig mit Privatsphäre zu tun hat. 700.000 Nutzern des Digitalen Videorecorders der Marke Tivo schauen Marktforscher beim Fernsehen über die Schulter.

Tivo-Zuschauer: "Das ist ganz schön gruselig"
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Tivo-Zuschauer: "Das ist ganz schön gruselig"

Janet Jacksons Enthüllung beim Superbowl-Finale am Sonntag hat nicht nur selbsternannte Sittenwächter auf den Plan gerufen. Die Folgen des Live-Strips beschäftigen inzwischen auch amerikanische Datenschützer.

Grund ist eine Veröffentlichung des TV-Dienstes Tivo. Das Unternehmen hat inzwischen 700.000 Abonnenten mit Digitalen Videorecordern ausgestattet, mit denen Zuschauer Sendungen Zeit-versetzt anschauen und somit auch die Werbung überspringen können.

Das Aufnehmen einer Sendung machen die Set-Top-Boxen mit eingebauter Festplatte zum Kinderspiel: Ein Knopfdruck im elektronischen Programmguide genügt. Diesen Guide liefert Tivo digital via Modem an seine Kunden.

Doch die Informationen fließen nicht nur zum Zuschauer hin, Tivo holt sich auch einiges an Daten wieder zurück. Auf die Sekunde genau erfährt das Unternehmen, welches Programm auf welcher Set-Top-Box gerade läuft, wie oft Zuschauer eine bestimmte Szene zurückspulen und noch einmal anschauen und welche Werbeblöcke sie überspringen.

Anlässlich Jacksons Brustenthüllung feierten die Tivo-Marktforscher ihr System: "Die Zuschauermessung hat noch niemals etwas vergleichbares ergeben", sagte ein Sprecher. Tivo-Abonnenten hätten sich die Szene drei Mal hintereinander angeschaut. Der Strip - ob gewollt oder ungewollt -, sei somit die am häufigsten wiederholte Szene in der dreijährigen Zuschauermessung überhaupt.

Elektronischer Programmguide: Per Modem mit dem Tivo-Server verbunden
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Elektronischer Programmguide: Per Modem mit dem Tivo-Server verbunden

Den Zuschauern schmeckte die Botschaft gar nicht: "Das ist ganz schön gruselig", schrieb eine langjährige Abonnentin in einem Forum. Ein anderer bekennender Tivo-Fan sprach von einem "Vertrauensbruch".

Tivo-Sprecher Scott Sutherland erklärte gegenüber dem Newsdienst Cnet, dass sich das Unternehmen an seine Datenschutzregeln halte. Auch wenn es denkbar wäre, das Fernsehverhalten jedes einzelnen Kunden zu analysieren, tue Tivo dies nicht. Es würden nur gelegentlich die Daten von 20.000 zufällig ausgewählten Zuschauern erfasst und statistisch ausgewertet. Der Sprecher betonte, auch beim Superbowl sei man so verfahren.

"Ich kann die Bedenken der Leute nachvollziehen", sagte Sutherland. "Aber ein Blick auf die Realität zeigt, dass sie unbegründet sind."

Bedenken unter Datenschützern hatte auch ein in dieser Woche abgeschlossener Vertrag von Tivo mit dem Marktforschungsunternehmen Nielsen Media Research geweckt. In dem Vertrag verpflichtet sich Tivo, Nielsen mit anonymisierten Daten über die Benutzung des Digitalen Videorecorders zu versorgen. Nielsen interessiert sich unter anderem für Alter und Geschlecht der Abonnenten. Diese mussten der anonymen Teilnahme an der Untersuchung allerdings zuvor zugestimmt haben.

Set-Top-Box von Tivo: Werbung überspringen wird zum Kinderspiel
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Set-Top-Box von Tivo: Werbung überspringen wird zum Kinderspiel

"Das ist ein natürlicher Schritt", erklärte Nielsen-Sprecher Jack Loftus. Vor allem das mit den Digitalen Recordern problemlose Überspringen der Werbung bereitet den TV-Stationen Kopfschmerzen, weil sie um ihre Einnahmen fürchten. Gleichzeitig lockt sie jedoch die Möglichkeit, das Verhalten ihrer Zuschauer mit bisher kaum möglicher Präzision auszuspähen.

Während der gläserne Fernsehzuschauer in Amerika teilweise schon Realität ist, bahnt sich auch in Deutschland Ähnliches an. Vor allem das Zusammenwachsen von PC, Fernseher und Videorecorder zu einem Gerät - in der IT-Branche Media Center genannt -, erleichtert die Überwachung der Zuschauer. Weil diese Media Center ihre Programmguide-Informationen aus dem Internet beziehen und permanent online sind, ist auch der Rückkanal offen. Wer wann welche Sendung sieht; können die TV-Dienste-Anbieter problemlos auf ihren Servern erfassen. Die Marktforscher reiben sich die Hände.

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