Von Stefan Krempl
Informationsritter haben’s nicht leicht: Wer immer auf dem Laufenden und „in“ sein will, muß heute nicht nur das Handy, sondern auch den MP3-Man, den Palm Top sowie für alle Fälle noch einen Laptop mit sich rumschleppen. Ein beschwerliches Dasein, dachte sich Olin Shivers, der lange im elektronisch-närrischen Hongkong lebte, wo man sich ohne eine Handvoll Gadgets kaum noch auf die Straße wagt. Der Computerfreak, heute am Massachusetts Institute of Technology (MIT), erfand daher das „Bodynet“, um die Funktionen der einzelnen Geräte in einem gemeinsamen Interface zu integrieren.
Auffälligster Bestandteil des Körpernetzwerks ist eine „magische Brille“ mit blickregistrierenden Photodioden und durchsichtigen Gläsern, auf die farbige Zusatzbilder projiziert werden. Die Bildwelten stammen aus einem streichholzschachtelgroßen Computer am Gürtel, der Zusatzgeräte im Miniformat steuert - vom Telefon bis zum Fernseher. Gelenkt werden diese Peripheriegeräte durch „Klick“ auf einen Ring am Zeigefinger oder durch Spracheingabe über ein Mini-Mikrofon an der Brille. Die Gadgets untereinander verständigen sich in der ihnen eigenen Sprache, dem „Bodytalk“, der durch Radiofrequenzen übertragen wird und eine unsichtbare Aura rund um den Körper legt – das Bodynet. Begegnen sich Menschen, überlappen sich ihre Netzwerke wie Elektronen und tauschen freigegebene Daten aus. So wechseln nicht nur im Vorübergehen digitale Visitenkarten ihren Besitzer; auch der Lieblingshit kann in Sekundenschnelle übertragen werden.
Science Fiction? Nicht wirklich. Steve Mann, Mitbegründer des Wearable-Computing-Projekts am MIT, glaubt fest daran, daß uns in naher Zukunft die Computertechnik wie eine zweite Haut umgibt. Noch gleicht der Computerwissenschaftler an der Uni in Toronto eher dem monströsen Robocop, wenn er – seine Augen hinter einer mächtigen, dunklen Sonnenbrille verbergend – das Shirt lüftet und den Blick freigibt auf ein Hardware- und Kabelgewirr, das sich wie eine kugelsichere Weste um seinen Bauch legt. Dank dieses „Unterwäsche-Computer-Outfits“ ist der von ZDNet zum „bestvernetzten Mann“ gekürte Freak seit Jahren permanent online, surft beim Busfahren und zeichnet alles, was er von der Außenwelt festhalten möchte, mit Hilfe seiner „Kamera-Augen“ auf.
Die Träume der Wissenschaftler in den renommiertesten Forschungslabors der Welt gehen deutlich weiter: Die Visionäre haben sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt, als den Computer in seiner heutigen Form aufzulösen und die Informationstechnologie in unser gesamtes Leben einzuflechten. Nicht aufdringlich und beschwerlich, sondern selbstverständlich und wie eine sanfte Hintergrundmusik soll den Menschen die interaktive und vernetzte Rechnerkraft zur Verfügung stehen. Vordenker des „Ubiquitous Computing“ war der kürzlich verstorbene Mark Weiser, dem der normale PC bereits vor dessen eigentlichen Durchbruch Ende der 80er wie ein Museumsstück erschien. Am Xerox Palo Alto Research Center (PARC) arbeitete Weiser in den letzten Jahren an der Einbettung von Computern in alltägliche Dinge wie Buchdeckel oder Haushaltsgeräte. Ein „unbewußtes Interface“ schwebte ihm vor Augen, auf das der Mensch überall zugreifen kann. Von sich aus sollte die „Schnittstelle zum Unterbewußtsein“ allerdings höfliche Zurückhaltung üben.
Am MIT, wo das Media Lab Weisers Ideen unter dem Slogan „Things that Think“ aufgegriffen hat, schickt sich das Laboratory for Computer Science nun an, Computer endgültig zum Sauerstoff für den Homo Cyborgensis zu machen. Mit dem „Projekt Oxygen“ sollen Wände, Schränke oder Autokofferräume mit Hilfe von hochempfindlichen Sensoren-Netzwerken in verständnisvolle Agenten umgewandelt werden. Wer wissen will, ob der Kollege im anderen Gebäude gerade Zeit hat, ob der Kaffee in der Küche schon durchgelaufen ist, oder wann der Flug mit der Schwiegermutter zum Landeanflug ansetzt, spricht seine Fragen und Befehle einfach in den Raum – der nächstgelegene Sensor wird die Aufgaben an die entsprechenden Rechnernetze im Hintergrund weiterleiten.
„Wir wollen uns von der Tyrannei befreien, uns ‚an den Rechner setzen‘ zu müssen“, erklärt Michael Dertouzos, Vater des 40 Millionen Dollar schweren Projekts. Doch dazu muß den verborgenen Computerdienern, die ohne Tastatur und Maus auskommen sollen, zunächst das Verstehen beigebracht werden. Seit Jahren mühen sich Forscher und Softwareentwickler mit der Spracherkennung durch Rechnerhirne ab, doch die Ergebnisse sind bisher ähnlich kläglich wie bei Übersetzungssoftware. Die MIT-Spezialisten setzen daher auf den von Victor Zue im eigenen Hause entwickelten Ansatz, einzelne Computer nur auf bestimmte Themenfelder aus der Alltagspraxis zu „trainieren“. Im „Enviro 21“, dem allgegenwärtigen Computerumfeld des Projekts Oxygen, sollen daher die einzelnen Rechner nur immer dann ihre digitalen Lauscher aufsperren, wenn es um ihr Spezialgebiet geht.
Wearable Computers 1999
Die schöne neue Welt des Ubiquitous Computing, in der die Rechnerintelligenz zum allumfassenden Lebensfluidum wird, läßt grüßen. Unklar ist nur, ob sie dem Menschen größere Kontrolle über sein Leben gibt oder das Leben der Menschen unter Kontrolle bringt. Die Frage nach der Privatsphäre wird sich mit der allgegenwärtigen Vernetzung jedenfalls neu – oder überhaupt nicht mehr – stellen.
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