Clearplay, argumentierte "USA Today" verhalten jubilant, eröffne auch Eltern von Achtjährigen die Möglichkeit, endlich "Gladiator" mit Russell Crowe gemeinsam mit den Kindern genießen zu können. Treffsicher rasiere die Soft-/Hardwarelösung jede Szene aus dem Film, in der Gliedmaßen verstümmelt werden, Leiber durchbohrt, geflucht wird oder es in Bild oder Sprache gewaltsam, sexuell anzüglich oder in der Ausdrucksweise bedenklich zugehe. Wie viel dann von der Metzelorgie noch übrig bleibt, erwähnt der Bericht nicht - aber allzu spät sollten Achtjährige ja sowieso nicht ins Bett gehen.
Die Argumentation folgt der Werbung der US-Handelskette Wal-Mart, die im Clearplay-DVD-Player die Chance für jedermann entdeckt, "Filme zu sehen, ohne sich dabei unwohl zu fühlen".
Nicht dass die technische Innovation der gleichnamigen Firma aus Utah kritiklos angenommen würde. Im gleichen Artikel merkt die "USA Today"-Autorin an, dass etwa "Harry und Sally" (mit Billy Crystal und Meg Ryan) einiges verlieren würde, wenn die bekannteste Szene des Filmes im digitalen Orkus verschwände: der Orgasmus, den Sally im Restaurant zu Demonstrationszwecken imitiert.
Für konservative Amerikaner scheint das jedoch kein Verlust zu sein. Wal-Mart freut sich in Presseerklärungen über das überraschend hohe Interesse und Clearplay behauptet, in zahlreichen Kunden-Dankschreiben versicherten diese, dass man sich dank der neuen Technik künftig "mehr Filme" ansehen könne. Klar, die sind jetzt ja auch kürzer.
Zwischen 500 und 600 Filme haben sich die Zensoren von Clearplay schon vorgenommen (die Angaben schwanken). Ihre Filterlisten mit den Einstellungen, welche Szenen ganz verschwinden und in welchen einfach die Tonspur weg bleibt oder an relevanten Stellen unterbrochen wird, abonniert man entweder (4,95 Dollar/Monat, 49 Dollar/Jahr) oder kauft sie im Pack: Dann kostet der Filtersatz pauschal 40 Dollar und wird drei Jahre lang "kostenlos", aber weniger häufig upgedated: Man bekommt nur Filter, die mindestens 90 Tage alt sind.
Mitunter führt Clearplay offenbar zu seltsamen Effekten: Weil die Entwicklerfirma aus der Mormonenhauptstadt Salt Lake City in Utah natürlich einen Filter für "unangemessene Verweise auf Gott" vorgesehen hat, wird ein Film wie "Bruce Almighty", eine überdrehte, aber harmlose Komödie, die in Deutschland ab 6 Jahre freigegeben ist (GB: ab 12, USA: ab 13), zum Rap-Event. Schließlich spielt Jim Carrey darin einen Looser, der vom (schwarzen!) Allmächtigen persönlich vorübergehend Gottesmacht verliehen bekommt. Kraft seiner heiligen Macht lässt er erst einmal Röcke fliegen und die Brüste seiner Freundin anschwellen: Warum Clearplay da nicht gleich den gesamten Film versenkt, bleibt ungeklärt.
Hollywood wehrt sich
So richtet sich viel Kritik, die Clearplay bei Filmfans und "Liberalen" erntet, vor allem gegen die Ungenauigkeit und Grobheit, mit der das System Filme verhackstückt. Clearplay selbst fährt dagegen die so beliebten "Testimonials" von zufriedenen Kunden auf, die sich endlich gemeinsam Filme ansehen könnten, obwohl sie normalerweise "von unterschiedlichen Dingen irritiert" würden.
Der Blick in die Liste der bereits vorzensierten Filme lässt grübeln: "A Beautiful Mind", "Billy Elliot" oder "Bridget Jones" sind ja nicht gerade Gewalt-überladene Pornoschocker.
Wen das alles über alle Maßen erregen kann, ist die DGA, der Verband der Regisseure Hollywoods.
Die sehen durch die automatisierte Zensur ihr Copyright und ihre künstlerische Ausdrucksfreiheit verletzt und reichten schon 2002, als Clearplay nicht mehr war als ein Software-Ansatz, Klage gegen das Unternehmen ein.
Und nicht nur gegen Clearplay. Bereits seit mehreren Jahren sind am amerikanischen Markt eine ganze Reihe von Unternehmen aktiv, die mittels Software Filme "filtern" wollen. Die DGA-Klage richtet sich auch gegen die Entwickler der Filterlösungen CleanFlicks, MovieMask, Clean Cut, FamilyFlix und Family Safe.
Klageführend sind die Promi-Regisseure Robert Altman, Michael Apted, Taylor Hackford, Curtis Hanson, Norman Jewison, John Landis, Michael Mann, Phillip Noyce, Sydney Pollack, Robert Redford, Martin Scorsese, Brad Silberling, Steven Soderbergh, Steven Spielberg, Betty Thomas und Irwin Winkler. Anhand ihrer Filme macht die DGA klar, was Filter aus einem Film machen können: So verschwindet aus Spielbergs "Schindlers Liste" alle Nacktheit - und damit die harten Szenen der "Selektion" von KZ-Häftlingen durch die SS. Dabei geht es in dem Film ja gerade um diese Themen: Was also, fragt die DGA, hat der Film dann noch für eine Botschaft?
Der Prozess dauert an und sorgt für Unruhe: Seit letztem Monat soll ein Kongress-Ausschuss unter der Leitung von James Sensenbrenner zwischen den streitenden Parteien vermitteln. Sollte es zu keiner Einigung kommen, drohte Sensenbrenner am letzten Donnerstag, werde der Kongress das Thema per Gesetz regeln.
Das aber könnte aus Sicht der DGA durchaus ins Auge gehen: Amerikas religiöse Rechte sieht viele Dinge sehr anders als andere Menschen in der westlichen Welt und ist auch im Kongress einflussreich vertreten. Auch SPIEGEL ONLINE hat es in einigen amerikanischen Unternehmen schon auf die Zensurliste gebracht: Nicht etwa mit kritischen Berichten oder wegen der Abbildung von Janet Jackson, die ja USA-weit zensiert wurde, sondern wegen "heavy kissing". Warum, weiß allein Bruce Almighty.
Frank Patalong
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