Von Thomas Becker
In den fünfziger Jahren vermutete man, Massenmedien manipulierten ganze Gesellschaften. In den sechziger Jahren wurde der Fernseher zum Statusobjekt. In den siebziger Jahren mehrten sich kulturkritische Befürchtungen. In den Achtzigern erwartete man die Verblödung der Jugend nach den ersten "Tutti-Frutti"-Gehversuchen der "Privaten". Und seitdem?
Vier Jahrzehnte beherrschte das Medium Fernsehen die öffentliche Diskussion - von der WM '54, über "Durbridge" und "Dallas" bis hin zur "Schwarzwaldklinik". Aber seit gut 15 Jahren ist die medien- und kulturpolitische Bedeutung durch die Verbreitung von PCs und Internet neu definiert. MP3s, Open Source, Virenangriffe, E-Mail, SMS - das sind die Themen, die heute diskutiert werden.
Wenn man findigen Managern glaubt, hat das Fernsehen nur eine Verschnaufpause eingelegt. Der Grund dafür ist die maßlos veraltete Technik, eine Technik, deren letzter größerer Innovationsschub vor zwanzig Jahren durch die Umstellung von Funkübertragung auf Kabel- und Satellitenempfang markiert ist. Das Ergebnis: Anstatt drei didaktisch wertvoller Programme mit Nachtabschaltung, bis zu 200 sehr bunte Rund-um-die-Uhr-Sender.
Also alles nur eine Frage von Technik und Innovation? Unbestritten ist, dass ein Großteil der Bevölkerung dem Fernsehen im Medienkonzert nach wie vor die meiste Zeit zur Verfügung stellt. Das ist nicht gleichbedeutend mit Aufmerksamkeit, wie der gesunde Fernsehschläfer weiß. Aber immerhin.
Doch hat das Fernsehen wirklich noch den Einfluss, den es im letzten Jahrhundert hatte? In der Studie "TV 2010" konnten wir nachweisen, dass zumindest die oft bemühte Informationselite daran begründete Zweifel hat.
Das Fernsehen: Altes Leitmedium mit schwindender Bedeutung
Der Anspruch des Mediums Fernsehen war über Jahre Information (Bildung) und Unterhaltung. Die Charakteristika des Mediums liegen in seiner Visualität (man glaubt sich anwesend und beteiligt), Aktualität (zumindest bei Live-Übertragungen) und Zentralität (ein Sender, beliebig viele Empfänger). Das Rezeptionsverhalten des Mediums ist geprägt durch seine niedrigen Verständnishürden (man muss Fernsehen nicht lernen wie Schrift oder Sprache).
Alles zusammen führte in der Konsequenz dazu, dass Fernsehen gesellschaftliche Realität vermittelt. Alle können es sehen, alle unterstellen, dass auch alle anderen es sehen, und dann kann man natürlich auch prima darüber sprechen, so als wären alle am Vorabend auf ein und derselben Veranstaltung gewesen.
Wie haben sich diese Parameter in den letzen Jahren geändert? Wer Information sucht, geht ins Internet. Wer aktuell sein will, geht ins Internet. Wer Objektivität schätzt, misstraut der zentralen Mediengewalt der Content Tycoons vom Schlage eines Berlusconi, Murdoch oder Saban. Wer schöne Bilder mag, setzt auf DVDs, Dolby Surround und Heimkino. Da bleibt für das Fernsehen eigentlich nur noch die Unterhaltung. Reicht das aus, um Leitmedium einer Gesellschaft zu sein?
Sicherlich nicht. Und deshalb gibt's ja die cleveren Manager, die sich schon eine Lösung zurechtgelegt haben: Es braucht eine Innovation, die einer Revolution gleichkommt. Und diese Innovation liegt auch schon fertig in der Schublade: Alle warten auf die Digitalisierung des Fernsehens.
Doch warten wirklich alle? Wohl kaum, denn der Nutzen der Umstellung von analoger auf digitale Übertragung ist dafür nicht greifbar genug.
Argumente für das Digi-TV: Nichts als Technik?
Selbst Experten fällt es schwer, die Vorteile des digitalen Fernsehens klar zu formulieren. Man hört etwas von besserer Bildqualität (für die man allerdings bessere Ausgabegeräte braucht). Auch der Empfang von weiteren 200 Programmen wird genannt (wobei man sich heute schon bei den ersten 100 langweilt). Der bessere Zuschnitt auf kleinere Zielgruppen sei möglich (wobei solche Expertenzirkel schon heute mit Fachzeitschriften und Internetforen sehr gut zurechtkommen). Ja, und dann noch das Argument, mit digitalem Fernsehen halte MS Windows endlich auch im Wohnzimmer Einzug.
Nein, Digitalisierung im Sinne von Übertragung digital komprimierter Programme ist sicherlich kein Nutzen an sich. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass die Digitalisierung keine Folgen haben wird.
Was wollen die "TV-Nutzer" wirklich?
Was wollen die Zuschauer, die heute bereits über Internet-Erfahrung verfügen? In der Studie "TV 2010" haben wir dazu ganz konkrete Antworten erhalten:
Werden diese Wünsche durch die Digitalisierung der Übertragung verwirklicht? Mit Sicherheit nicht!
Ähnlich wie es die Büro-Revolution gezeigt hat, folgen offensichtlich einige Schritte aufeinander, bis aus einem "technisch möglichen" ein "von der Mehrheit genutztes" Phänomen wird.
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