Von Thomas Becker
Sehen wir uns die Schritte der Büro-Revolution kurz an.
Es gab seit Jahrzehnten die Schreibmaschine zum Erstellen von Belegen, ein funktionierendes Datenablagesystem (Papier, Lochkarte oder Magnetstreifen) zum Ablegen selbiger und Post und Telefon zur Kommunikation über Distanz. Dann kommen Mitte der achtziger Jahre die ersten Personal Computer zum Einsatz.
Sie werden zunächst zur persönlichen Effizienzsteigerung eingesetzt: Die Sekretärin verwaltet Adressen elektronisch, der Konstrukteur nutzt eine CAD-Software etc. Wir nennen diese erste Phase "Personal Productivity".
Im zweiten Schritt, ab Anfang der neunziger Jahre, werden die einzelnen Arbeitsplatzmaschinen miteinander vernetzt. Es folgt die Vernetzung über Distanz zwischen verschiedenen Rechnerverbünden durch ein standardisiertes Internet-Protokol. Die "Connectivity" steht im Fokus.
Schließlich werden die Anwendungen bedienbar und administrierbar, ohne dass es gesonderte Schulungen und Ausbildung braucht. Die "Convenience" hält Einzug in Betriebssysteme und Anwendungen.
Und schließlich - gezollt der Standardisierung - entstehen Sicherheitslücken und die miteinander vernetzten Systeme müssen geschützt werden. Diese Reihenfolge - Personal Productivity, Connectivity, Convenience, Security - sehen wir ähnlich im Bereich der Wohnzimmertechnologien, wenn auch mit anderen Ausprägungen.
Wo wir heute stehen: Phase 1
Wir stehen heute da, wo die Büros Mitte der achtziger Jahre standen: Wir haben eingeführte Systeme und Nutzungsschemata für das Fernsehen. Es gibt pro Haushalt mehrere Geräte, jeder kann sie bedienen, jeder nutzt sie individuell nach seinen Vorstellungen, um Fernsehprogramme zu konsumieren. Jetzt kommt neue Technologie. Was wird passieren?
Der erste Schub muss einfach und klar verständlich sein. Er kann daher nur lauten "Personal Experience". Diese kann im Wesentlichen nur dadurch gesteigert werden, dass die Bilder eindrücklicher werden, dass die visuelle Qualität gesteigert wird. Wer schon einmal die Präsentation einer BluRay-Disc auf einem HD-tauglichen Monitor gesehen hat, wird verstehen, was gemeint ist.
Phase 2: Die Zeit der Homeserver
Der zweite Schritt wird in der sinnvollen Vernetzung des Fernsehens mit anderen Geräten liegen. Dabei wird die Anbindung an das Internet nur eine Facette sein, da zum Surfen auch Eingabegeräte wie Tastatur und Maus gebraucht werden, die man "lean back" üblicherweise nicht bedienen möchte. Es geht also um die Vernetzung des Fernsehens mit Geräten und Diensten, die zum jeweils individuell bestimmten Lebensmittelpunkt zählen. Wir haben dafür den Begriff Central Area Network geprägt.
Geräte und Dienste im Central Area Network können Telefon, Heizung, Sicherheitssysteme, E-Mail, Message-Services, Media-Server, Stereoanlage etc. sein. Diese sollten individuell am Fernsehen darstellbar bzw. über das Fernsehgerät steuerbar sein.
Dann - und erst ab diesem Punkt können wir von Mainstream reden - werden die vernetzten Systeme mit erhöhter "Personal Experience" einfach gemacht: die "Convenience" erst macht die neue Technik fit für den Massenmarkt. Geräte müssen sich quasi automatisch ins Central Area Network einklinken können. Die Vernetzung muss kabellos funktionieren. Die Dienste müssen "dienen" und dürfen nicht "nerven".
Und schließlich, auch das darf man nicht verschweigen, führt Standardisierung und Vernetzung aufgrund offener digitaler Gerätekommunikation automatisch dazu, dass solche Systeme von außen angreifbar werden. Wir werden auch im Wohnzimmer zu einer neuen Sicherheitsdebatte kommen.
Prognose: Die Revolution kommt gewaltig, aber langsam
In welchen zeitlichen Dimensionen wird sich dies abspielen? Führen wir die Analogie weiter.
Was wir heute technisch gesehen im Wohnzimmer erreicht haben, entspricht dem Stand der Büro-Technik im Jahre 1985: Etablierte analoge Technologie ist flächendeckend vorhanden. Der erste Schritt - Einführung von Geräten zur Steigerung der "Personal Experience" - fängt mit dem Angebot digitaler Videorekorder und Multimedia-Server gerade an und wird wahrscheinlich noch mindestens fünf Jahre dauern, bis eine kritische Masse erreicht ist.
Diese wird sich dann etwa ab 2010 auf das Thema "Vernetzung" stürzen, bis vielleicht ab 2015 die Technologie soweit ist, dass sich eine "echte" Revolution à la Internet abspielen könnte. Und ab 2020 werden wir dann ein ernsthaftes Sicherheitsproblem im Wohnzimmer haben.
Schöne neue Welt? Halten wir's mit Luhmann: "Man weiß mithin, dass die künftigen Gegenwarten anderes bringen werden, als die gegenwärtige Zukunft zum Ausdruck bringt." Oder kurz: Vielleicht kommt ja doch alles ganz anders...
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