Von Max Rauner
Manchmal hat Wilbert Hirsch einen einfachen Wunsch: "chillige" Hintergrundmusik zum Abendessen. Doch dann wird es kompliziert. Will er nicht immer dasselbe hören, muss er seine Musiksammlung auf dem Laptop durchforsten und einzelne Titel zu einer Wunschliste zusammenklicken. Wenn er fertig ist, ist das Essen kalt. "Es wäre doch genial, wenn das automatisch gehen würde", sagt Hirsch, Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens Hifind. Eine neue Software seiner Firma soll das nun möglich machen: Zu jeder Laune und Situation sucht sie die passende Musikauswahl. Außerdem fahndet sie im Internet oder auf der Festplatte nach Titeln, die den eigenen Lieblingssongs ähneln.
Unternehmen wie Hifind wurden vor kurzem noch mitleidig belächelt. Mit Musikdienstleistungen war im Internet kein Geld zu holen. Nun scheint das Geschäft mit Klangdaten seinen Rhythmus zu finden. Immer mehr Menschen laden sich Stücke aus den neuen Online-Musikläden herunter - und bezahlen brav dafür. Mit dem iTunes Music Store von Apple begann der Erfolg, inzwischen sind allein in Deutschland vier weitere große Anbieter dazugekommen.
Der Wettbewerb wird also härter, und wer ihn gewinnen will, muss die wechselhafte Kundschaft mit dem besten Service locken. Deshalb basteln Internetfirmen und Forschungsinstitute fleißig an Zusatzdiensten, in der Hoffnung auf eine Partnerschaft mit den Musikshops. Jüngster Trend: Musikempfehlungsmaschinen, die dem Kunden die Wünsche quasi von den Ohren abhören. Der Branchenverband Phononet hat jetzt einen Wettbewerb mit vier Konkurrenten initiiert. Auf der Kölner Musikmesse Popkomm soll Ende September der Sieger gekürt werden.
Mit Hifind konkurrieren die Geschmacksagenten SoundsLike, SoundProfiler und MusicLens um den Titel des besten Empfehlungssystems. Die Grundidee bei allen vieren ist gleich, die Konzepte zur Umsetzung sind radikal verschieden. Die einen setzen auf Menschen, die anderen auf Maschinen. Hifind bezahlte früher 300 und heute immerhin noch rund 50 Musikjournalisten, Komponisten und geschulte Hörer dafür, dass sie Musikstücke nach Stimmung, Tempo, Dynamik, Genre und anderen Kriterien klassifizieren. "Wir haben lange getestet, ob das mit Computern geht", sagt Wilbert Hirsch - "es geht nicht". Die Emotionen von Musik könne kein Computer erfassen. "Da ist die künstliche Intelligenz überfordert."
Das sieht die Konkurrenz vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau (IDMT) anders. Unter der Leitung von MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg wird am IDMT ein Computerprogramm entwickelt, das die Musikexperten ersetzen soll. SoundsLike heißt die Software. Sie analysiert die Frequenz der Musikstücke und berechnet Zahlenwerte für Merkmale wie Tempo, Instrumentierung und Rhythmik. Wird dem Programm später ein Stück vorgespielt, sucht es in der Datenbank nach Titeln mit ähnlichen Werten.
"Das ist unbestechlich", schwärmt Projektleiter und Hobbymusiker Markus Cremer, "das Ergebnis hängt nicht davon ab, was wir zu Mittag gegessen haben." Geschmack sei nun mal subjektiv. Ein weiterer Vorteil: Auch brandneue oder seltene Titel, die noch kein Experte katalogisiert hat, können von der Software analysiert werden.
Die computertreuen Fraunhofer-Forscher und die expertengläubigen Hifind-Entwickler bilden die Extreme - Phononet mit seinem SoundProfiler und die Hamburger Multimedia-Agentur DDD Design mit ihrer Software MusicLens liegen dazwischen.
MusicLens setzt ähnlich wie Hifind auf eine Katalogisierung der Musik durch Hörer aus Fleisch und Blut, verwendet allerdings weniger Kriterien und ermittelt Ähnlichkeiten auch mit Hilfe von unscharfer Fuzzy-Logik.
Der SoundProfiler von Phononet hat 7000 Stücke in den Kategorien Pop/Rock und Schlager ebenfalls von Kennern bewerten lassen, will aber künftig auch die Präferenzen der Nutzer zur Ermittlung von "Geschmacks-Clustern" mit heranziehen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das US-Unternehmen MoodLogic. Als Anreiz bekommen aktive Musikbewerter die Software kostenlos.
Der Erfolg der Musikempfehlungsmaschinen wird nun davon abhängen, ob sie das Geld einspielen, das sie kosten, und ob sie den Kunden einen echten Mehrwert bringen. Die Pilotversionen der Wettbewerber machen schon mal neugierig. Hifind beeindruckt durch eine erstaunliche Vielzahl an Metadaten. Wer dort die Kreuzchen bei "Stimmung: gewaltig", "Situation: Sex" und "Arrangement: Duo" macht, landet bei "Orgasm" von Prince (das Album heißt "Come"). Auch wem der Sinn nach "pastoral", "kriegerisch" oder "schmachtend" steht, bekommt passende Titel angeboten. Die Fraunhofer-Software wirft Stücke von Bryan Adams, Ace of Base und den Barenaked Ladies (einer Männerband) in einen Topf, was auch nicht so falsch ist.
Wird eines der vorgeschlagenen Stücke schließlich gekauft, so das Geschäftsmodell, erhält der Musikempfehler einen Teil des Kaufpreises. Claus Zimmermann von DDD Design nennt Beispielrechnungen mit einem Cent pro Song. Ob das reicht, um Experten und Programmierer zu bezahlen, muss sich noch zeigen. Die beteiligten Unternehmen wollen sich auf der Popkomm nach Partnern umsehen. Ihre Stimmung könnte man in Hifind-Kategorien als "aufbrechend, optimistisch und aufbauend" charakterisieren. Dazu empfiehlt die Software den Titel "Alles ist gut" von Reinhard Mey - oder auch den Grateful-Dead-Song "Dear Mr. Fantasy".
© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover
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