Von Frank Patalong
Neue Konkurrenz: Kippt Googles Machtstellung?
Macht's die Masse? Nicht allein, das wissen auch die Google-Macher. Trotzdem kann ein börsennotiertes Unternehmen, das von der Fama der unschlagbaren Suchmaschine lebt, nicht einfach still sitzen, wenn ein potenziell starker Konkurrent auftritt. Seit Donnerstag sucht Microsoft mit Google um die Wette und will beweisen, dass seine neue Suchtechnik auf dem Weg ist, die beste der Welt zu werden.
Wohl kaum zufällig trommelte darum auch Google in eigener Sache. Acht Milliarden Seiten im Web, so die Nachricht, erfasse der neue Google-Index nun, und außerdem könnten die glücklichen Besitzer eines Gmail-Accounts sich ihre E-Post künftig auf den eigenen Pop3-Account umleiten lassen. Ah, ja?
Mehr Aufmerksamkeit wird da wohl Microsoft ernten
Nach rund eineinhalb Jahren Entwicklungsarbeit ging Donnerstag früh der Betatest des MSN-Suchdienstes online, mit dem Microsoft Google kräftig Marktanteile abgraben will. Fünf Milliarden Seiten will Microsoft bereits erfasst haben - mehr als Google vor der "Aufstockung".
Doch wichtig ist, was eine Suchmaschine aus diesem Seitenwust macht, respektive herausfiltert. Wie relevant sind die Ergebnisse? Fühlt man sich informiert oder eher verwirrt? Wie sind die Ergebnisse aufbereitet?
Am ersten Tag ging erst einmal gar nichts, aber so etwas kommt vor. Am Freitagmorgen dann lief die MSN Suche mehr oder minder mackenfrei, von zeitweiligen Ausfällen abgesehen. Gegenüber der alten Suchmaske hat sich so einiges verändert.
MSN Suche kommt äußerst reduziert daher. "Web", "News" und "Bilder" sind die drei großen Vorfilter. Begriffe, die sich nur auf den ersten Blick selbst zu erklären scheinen.
Denn "Web" ist bei MSN Suche durchaus nicht weltweit zu verstehen. "Default", also als voreingestellter Standard, wühlt MSN wie schon bisher zunächst im deutschsprachigen WWW. Dieser "regionale" Ansatz ist Microsoft wichtig und soll mittelfristig weiter einzuengen sein: Irgendwann soll das durch Funktionen wie "Suche in meiner Nähe" ergänzt werden.
Zunächst aber sucht MSN in Deutschland, internationale Inhalte finden sich erst weit hinten auf den Fortlaufseiten der Ergebnisliste. Ob man das nun gut findet, ist eine Geschmacksfrage und eine Frage der Suchbedürfnisse: Für viele deutsche Websurfer ist das WWW ein zumindest bilingualer Raum, in dem die attraktiveren Angebote oftmals jenseits des Atlantik abgelegt sind. Wer wirklich "weltweit" im Web suchen will, muss aber von MSN Suche zu MSN Search wechseln.
"Regionaler" Ansatz kann punkten
Immerhin aber schafft MSN diese sicher vielen Surfern entgegen kommende "Regionalisierung" schon jetzt Klassen besser als Google. Wer dort eine Suche auf "Seiten auf Deutsch" verengt, bekommt trotzdem englische vorgelegt.
Ein anderes Feature, das im englischen MSN-Dienst angeblich bereits implementiert ist, fehlt bisher im deutschen Angebot: die Möglichkeit, echte Fragen zu stellen. MSN Search liefert auf Phrasen wie "Who was Abraham Lincoln" oder "How many inches in a mile" verblüffend gute Antworten. Eigentlich sollten die aber aus der Encarta kommen, sagt Microsoft: Der Engine nehme "echte Fragen" wahr und verweise dann auf das bekannte Microsoft-Lexikon.
Das aber passiert nicht, was diesen an "Ask Jeeves" erinnernden Such-Gimmick vorerst entzaubert. Die guten Antworten auf "echte Fragen" dokumentieren nur eine respektable Grundgüte des Searchengines. Tatsächlich ähneln die Ergebnislisten weitgehend denen von Google, der im Übrigen auch mit Ergebnislisten auf Fragen wie "Wer ist Gerhard Schröder?" zu verblüffen weiß. Anders als bei Microsoft steht dort aber an Platz 2 bereits eine Anti-Schröder-Seite - direkt nach dem Kanzleramt.
Moderne Searchengines, lernen wir, können eben schon eine ganze Menge. Aber was kann MSN, das Google nicht drauf hätte?
Nachrichtensuche: gut gemacht
Zum Beispiel zielgenau sehr aktuelle Nachrichten finden. Befüttert wird dieser Teil des Angebotes über den bereits bekannten MSN Newsbot, den Microsoft im Übrigen völlig unterverkauft: Das Ding ist "nackter" als die Konkurrenz von beispielsweise Google, Yahoo oder Altavista, aber es ist gut.
Anders als Google bedient sich der MSN Newsbot vorzugsweise bei größeren Medienmarken (was einen "Großen" wie uns egoistischerweise freut, ansonsten aber noch nichts über Qualität aussagt). Wie alle anderen auch "clustert" MSN Themen, scheint dabei aber zumindest bei der Zusammenstellung der Übersichtsseiten anders zu gewichten als die Konkurrenz.
Prominent platziert ist nicht nur, was kreuz und quer in möglichst vielen Medien wortgleich nachgebetet wird (bekanntlich Newsgoogles größtes Problem) oder gerade eben heiß über die Leitungen tickerte. Die Nachrichtenauswahl bietet einen recht guten Kurzüberblick über die Nachrichtenlage, wobei sowohl "Aktualität" als auch "Wichtigkeit" in die Zusammenstellung einzufließen scheinen. So hält sich eine Nachricht bei MSN schon mal gut und gern 40 Stunden auf der Überblicksseite - das riecht nach Eingriffen menschlicher Hand.
MSN zensiert das Finster-Web
Die war wohl auch im Spiel, als die Vorfilterung der Bilder-Suche entworfen wurde. Die funktioniert ganz prächtig, so lange man keinen Schweinkram sucht - und genau dafür (und für Bilder-Diebstahl) werden Searchengine-Fotosuchen vornehmlich genutzt.
Doch Microsofts Angebot ist voll Kinder-kompatibel, da rutscht nichts durch oder rein. Selbst das englische Angebot, das immerhin noch eine Freigabe für "Adult Content" kennt, erlaubt zwar die Suche nach Nacktheit, liefert aber keine. Bätsch, lange Nase: Geh doch zu Google, wenn Du so was willst (sagt MSN Search zwar nicht, aber meint es wohl). Man kann das alles auch ernster sagen: Offensichtlich zensiert MSN Suche Web-Inhalte. Dass sie das mit Pornografie tut, wird vielen gefallen. Aber wo geschieht es noch?
Selbst eingreifen kann man dagegen in die Vorfilterung der allgemeinen Suche, und das ist in dieser Form ein Novum. Das bei weitem auffälligste, wirklich neue Feature ist ein Kontroll-Paneel, das sich hinter dem "Such-Assistent" verbirgt.
Ein durchaus innovativer Weg, die auch von anderen Suchmaschinen her bekannten Einengungs- und Erweiterungsmöglichkeiten für die Web-Recherche mittels eines grafischen Interfaces darzustellen: Da lassen sich Suchbegriffe erweitern; die Suche auf einzelne Domains einschränken, andere ausschließen; da lässt sich nach Links hin zu einer Seite suchen oder nach Webseiten aus bestimmten Ländern oder in bestimmten Sprachen.
Richtiges Kult- und Spaßpotenzial aber hat die Beeinflussung der "Ergebnisreihenfolge": Dabei soll man mit Hilfe dreier Schieberegler gewichten können, nach welchen Kriterien die Suchergebnisse auf der Ergebnisliste aufgeführt werden sollen. Und an Schiebereglern spielen wir doch alle gern.
Doch Spaß beiseite: Ist das nun wirklich schon der angekündigte Großangriff auf Google? Wackelt nun das quasi-Monopol des Suchmaschinen-Riesen?
Wohl noch nicht, aber das kann noch kommen. MSN Suche bringt völlig respektable Ergebnisse, die mal besser, mal schlechter scheinen als die von Google. Das ist weniger ein Fazit, als eine Binsenweisheit, denn das gilt für alle modernen Suchmaschinen auf der Höhe der Zeit. Die Fama von Googles Unschlagbarkeit ist seit langem übertrieben. Web-Rechercheure wissen, dass man zu wirklich guten Ergebnissen in aller Regel erst durch die Kombination verschiedener Suchmaschinen und -methoden kommt. In diese Liga der guten Suchmaschinen zieht Microsoft nun ohne jede Frage ein - und ja, der IT-Riese wird somit zum direkten Konkurrenten für Google.
Fazit: Die "Pros" und "Cons" von MSN Suche
Es gibt Aspekte, in denen sich die Angebote grundlegend unterscheiden: MSN erscheint dort weniger als ein Frontalangriff auf Google, als vielmehr als Besetzung einer anderen Nische im Biotop der möglichen Suchinteressen.
Völlig unverständlich ist dagegen, warum Microsoft bei seiner neuen Suchmaschine die MSN-eigenen Features hinausgekickt hat. Warum lässt sich eine Suche nicht mehr auf die Encarta begrenzen? Das wäre einfacher gewesen, als die Suchenden mit einem offenbar noch nicht funktionierenden Sprachtool auf Umwegen dorthin zu schicken.
Während Google Features wie "News" oder "Groups" ganz selbstverständlich über der Suchzeile "bewirbt", versteckt MSN vergleichbare Dienste schon fast schamhaft.
Vielleicht hat Microsoft beschlossen, in diesem Fall einmal Bescheidenheit eine Zier sein zu lassen: Zwar tönte Co-Chef Steve Ballmer schon wieder gewohnt vollmundig, mit MSN Search werde Microsoft Google nicht nur einholen, sondern überholen. Zugleich aber hat sich Microsoft noch nie einen ähnlich offenen Betatest geleistet. Nach angeblich nur 18 Monaten Entwicklungszeit geht der Softwareriese mit einer selbst nach eigenem Bekunden unfertigen Maschine online und bittet die User an jeder möglichen Stelle um Mithilfe und Feedback: Auch das ist ein Novum bei Microsoft.
Und es mag weise sein. Ob MSN Suche sich gegen Google durchsetzen kann, liegt nämlich nicht nur an seinen vorhandenen oder fehlenden Qualitäten. Google hat seit langem die Nase auch vor Konkurrenten, die in bestimmten Bereichen bessere Ergebnisse erzielen. Aber Google hat ein mörderisch starkes, bisher durch und durch positives Image.
Das müssten sich MSN und Microsoft erst einmal erkämpfen.
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