ThemaAngefasstRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.10.2005
 

Palm Z 22

Angriff auf die Papierkalender

Von Michael Kröger

Der neue Z 22 vom PDA-Erfinder Palm soll neue Kundenkreise erschließen. Zielgruppe sind wenig Technik-affine Nutzer von Papierkalendern. SPIEGEL ONLINE hat getestet, ob die mit dem Einsteigermodell zurecht kommen.

Ich gebe es zu: Ich bin ein Nokianer. Wer einmal die Menüs des kleinen Communicator 9300 durchstöbert hat, weiß, wovon ich rede. Terminkalender, Adressverwaltung - sogar das mitgelieferte Golfspiel lässt sich praktisch ohne Anleitung intuitiv erfassen. Für diejenigen, die sich nur ungern in die Denkweise von Technik-verliebten Ingenieuren hineinversetzen wollen, dürfte dieser Apparat zu den Referenzmodellen zählen.

Palm Z 22: Design von Apple inspiriert
Zur Großansicht

Palm Z 22: Design von Apple inspiriert

Damit dürfte ich mich in den Augen der passionierten Palm-Benutzer bereits disqualifiziert haben. Auf dem Gebiet der elektronischen Helferlein ist die Wahl der Marke inzwischen genauso eine Frage des persönlichen Stils wie in der automobilen Welt. Und welchem Golf-Fahrer würde man schon zutrauen, dass er einen Opel Astra mit der gebotenen Objektivität testet?

Der neue Palm muss sich das Urteil trotzdem gefallen lassen. Schließlich will der PDA-Vorreiter mit seinem neuen Einsteiger-Modell Z 22 nach eigenem Bekunden ganz neue Kundenkreise erschließen. Schon deshalb ist der Blick aus der Perspektive von potentiellen Skeptikern angesagt.

Preiswerter Einstieg in die PDA-Welt

Besonders auf die Nutzer klassischer Papierkalender haben es die Marketingstrategen abgesehen, die Nicht-Elektroniker unter den Adressverwaltern sozusagen. Ihnen erleichtert Palm den Umstieg gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist der Z 22 mit dem Verkaufspreis von knapp 120 Euro vergleichsweise preiswert, zum anderen brauchen sie nicht auf ihren geliebten, repräsentativen Stift zu verzichten - statt mit dem mitgelieferten Plastikstick lässt sich der Palm auch mit einem Montblanc bedienen.

Kleine Randbemerkung für Anfänger: Die Eingabe von Textchen mit dem Stift funktioniert nach dem hauseigenen "Graffiti"-Prinzip. Das Schreiben der sehr einfachen, auf die Schrifterkennung zugeschnittenen Type will zwar geübt sein, doch lang braucht man dafür nicht. Nach kurzer Zeit ist der Rückgriff auf die mitgelieferte Erinnerungsfolie zum Aufkleben, auf der die einzelnen Buchstaben abgebildet sind, kaum noch erforderlich. Das Programm arbeitet mit erstaunlicher Präzision. Kein Scherz - selbst ein befreundeter Arzt war nach kurzer Zeit in der Lage, Textchen einzugeben. Nach einem Blick auf die von ihm ausgestellten Rezepte hätte man das nie für möglich gehalten.

Die ersten Sympathien weckt der kleine Assistent - er ist kaum größer als ein Etui für Visitenkarten und nur etwas dicker - bereits beim Anfassen. Knistergeräusche sind dem soliden Gehäuse fremd, die abgerundeten Kanten an der Unterseite machen ihn zum Handschmeichler. Der weiße Rahmen mit den sparsam angeordneten Funktionstasten sieht ein wenig aus, wie von Apple inspiriert. Das durchsichtige Plastik auf der Rückseite gibt es auch schon anderswo. Doch das bedeutet nicht, dass man sich jetzt genieren müsste, mit dem guten Stück gesehen zu werden. Wieso allerdings ausgerechnet Weiß inzwischen zur Modefarbe der Designer mutiert ist, konnte mir bis jetzt noch niemand so recht erklären.

20 MB nutzbarer Speicherplatz

Das mitgelieferte Ladegerät ist wahrscheinlich von einem Deutschen entwickelt. Wer würde sich sonst mit solcher Hingabe der Konstruktion eines Steckeraufsatzes verschreiben, der auf der ganzen Welt passt und trotzdem so aussieht, als sei er allein für die jeweilige Steckdose gemacht. Man braucht es nicht oft: Der Akku des Z 22 hält bei durchschnittlicher Nutzung knapp eine Woche.

Falls der Akku mal leer läuft, besteht übrigens keine Gefahr für die gesammelten Daten. Der Z 22 verfügt über einen sogenannten nicht flüchtigen Speicher, 32 MB groß, wovon dem Nutzer 20 zur Verfügung stehen. Die übrigen 12 MB sind für die Software reserviert. Dazu gehören neben den üblichen Programmen zur Verwaltung von Adressen, Notizen und Aufgaben auch ein Bildbetrachtungsprogramm und ein E-Book-Reader. Auf Möglichkeiten zur Erweiterung des Speichers hat Palm aus Kostengründen ebenso verzichtet wie auf die Installation eines MP-3-Players. Wer mehr will, muss mehr zahlen. Aber mal ehrlich: Braucht man neben dem tragbaren MP-3-Spieler fürs Joggen und den im Handy noch einen dritten im PDA?

Im gewissen Rahmen lassen sich die Funktionen des Z 22 trotzdem noch erweitern. So bietet etwa DataViz ein Leseprogramm namens Documents To Go an, das sich über das USB-Verbindungskabel aufspielen lässt und das Lesen von Microsoft-Dokumenten ermöglicht.

Display mit Grenzen

Solche Möglichkeiten nutzt man mit dem Z 22 allerdings nur, wenn es nicht anders geht. Denn das kleine Display mit einer Auflösung von 160 x 160 Pixeln bildet Buchstaben nur gerastert ab. Es lässt sich zwar lesen, aber Spaß macht es nicht. Auch die Diashow von den Lieben verliert ihren Reiz schnell. Mit 4096 Farben sind eben keine Blütenträume zu erfüllen. Aber wie schon gesagt: Wer mehr will, muss mehr zahlen.

Ein weiterer Nachteil ist die Menüführung. Zwar lässt sich der Kalender oder das Adressverzeichnis ohne Probleme aufsuchen. Die einzelnen Menüunterpunkte erschließen sich dem Palm-Neuling jedoch nicht auf Anhieb. Wie etwa kann man einen Termin verschieben, den man versehentlich an der falschen Stelle eingetragen hat? Wie lässt sich das Bild bei den Kontakten einbauen? (Was allerdings nicht wirklich wichtig ist, denn man erkennt darauf ohnehin kaum etwas). Auch das Hilfsprogramm zur Erfassung von Reisespesen, Ausgaben für den Haushalt oder ähnliches ist arg umständlich geraten. (Dass es auch einfacher möglich ist, belegt der Nokia Communicator, der allerdings mehr als das Vierfache kostet.)

Terminplaner: "Hausfrauen-kompatibles" Design?
Zur Großansicht

Terminplaner: "Hausfrauen-kompatibles" Design?

Auf ein dem Z 22 selbst eingespeichertes Hilfeprogramm darf der Nutzer dabei nicht hoffen. Antworten findet er allenfalls im virtuellen Handbuch, dass auf der Software-CD für den Computer abgespeichert ist. Wer diese auf den PC in der Firma aufspielen will, um gegebenenfalls Adressen und Kontakte mit Outlook zu synchronisieren, sollte sich mit der hauseigenen IT-Abteilung gut stellen. Die Prozedur erfordert nämlich Administrator-Rechte. Und wenn danach nicht allein der Administrator Zugriff auf die Palm-Daten haben soll, sondern der Nutzer selbst, ist ein umständliches Hin und Her mit den Anmeldungen an dem jeweiligen PC erforderlich. Eine Prozedur, die nach Auskunft des hauseigenen IT-Supports übrigens allen Palm-PDAs eigen sein soll.

Aber es ist kaum zu erwarten, dass dies den Erfolg des Z 22 schmälern wird. Palm hofft nach eigener Aussage ohnehin auf private Nutzer. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben in erste Linie die moderne junge Mutter im Sinn, die ihren Haushalt zu organisieren versucht. Die übrigens, so die Erwartung, kauft sich den Z 22 nicht selbst. Sie bekommt ihn geschenkt - von ihrem Mann. Schöne, heile amerikanische Welt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Tech
alles zum Thema Angefasst

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP