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27.10.2005
 

Telefonzellen

Die Rückkehr der Münzer

Von Sebastian Knauer

Telefonanbieter haben neue Kunden für einen Klassiker entdeckt. In den Großstädten werden wieder öffentliche Telefonzellen aufgebaut. Sie sparen teure Handykosten und nehmen bisweilen sogar die alte D-Mark an.

Der Standort ist eine Goldgrube für die Betreiber. Gleich neben dem Berliner Bahnhof Zoo gegenüber dem Taxistand steht das ertragsstärkste Telefonhäuschen der privaten Bonner Firma Tele-Ruf. Unter einem stahlblauen Halbdach kann nach dem Einwurf von mindestens 5 Cent lostelefoniert werden.

Münze rein: Öffentliche Fernsprecher erleben ein unerwartetes Revival
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Tele-Ruf

Münze rein: Öffentliche Fernsprecher erleben ein unerwartetes Revival

Und das ganz klassisch: Hörer abnehmen, Geld einwerfen, Tasten drücken. "Zu uns kommen immer mehr die ganz Jungen mit den Handys", sagt Tele-Ruf-Sprecherin Christina Haberland, "die wollen nicht ihre teuren Prepaid-Karten verballern."

So wird ein Ortsgespräch für die nächste Verabredung schnell von der Telefonsäule aus geführt. Demnächst bietet Tele-Ruf über seine Häuschen sogar Klingeltöne an, die ohne die teuren Abogebühren gegen einen einmaligen Obolus auf das Mobiltelefon übertragen werden können.

Nicht nur bei Jugendlichen, die in der Schuldenfalle hoher Mobilfunkabrechnungen stecken, erfreuen sich die klassischen Telefonzellen wieder neuer Beliebtheit. Die Vorteile des Festnetzes und der "direkten Kostenkontrolle über den Münzeinwurf" (Tele-Ruf) lassen die Nachfrage nach den bereits um die Jahrhundertwende als "Fernsprechkiosk" oder "Straßensprechzelle" eingeführten Telefonen wieder wachsen.

Ohne die Kultur des Telefonhäuschens sind ganze Generationen von Drehbuchschreibern für Psycho-Thriller, Krimis und Polizeifunkserien aufgeschmissen. Wie urbane Leuchtfeuer haben einsam gelegene, beleuchtete Telefonzellen Eingang in die moderne Kunst gefunden. Der überdachte Quadratmeter Fernsprech-Häuslichkeit hatte seine Liebhaber mit vielerlei Vorlieben gefunden - in manchen Telefonzellen wurde gelitten, genächtigt, gevögelt, gekotzt oder gezündelt.

"Fasse Dich kurz", lautete noch in den siebziger Jahren ein pädagogisch meist ins Leere gehender Aufkleber gegen dauerquasselnde Telefonbenutzer. Schlangen von wartenden Kunden vor den klappbaren Türen der Telefonzellen gehören zu den kuriosen Selbstverständlichkeiten der Vor-Handy-Ära.

Jetzt kehren die Münzer zurück. Die Deutsche Telekom kündigte an, weitere 10.000 Münz- und Kartentelefone an frequentierten Lagen der deutschen Großstädte bis 2006 aufzubauen. Seit der Liberalisierung der europäischen Telekommunikationsmärkte drängen zudem verstärkt private Anbieter ins Geschäft mit der schnellen Münze.

Auf die ältere "handykritische Kundschaft" und Touristen setzt der britisch-deutsche Telefonanbieter New World Payphones-Spektrum GmbH. An zahlreichen U-Bahn Stationen in Frankfurt und Berlin sowie am Hamburger Flughafen hat der Newcomer mit robusten Wandgeräten zum Münzeinwurf und einem Exklusivvertrag mit den Nahverkehrsunternehmen die Telekom verdrängt.

Zusätzlich stehen inzwischen allein in Hamburg 30 rot-graue NWP-Telefonzellen mit schwenkbarer Tür, davon teilweise an prominenter Stelle wie dem Jungfernstieg und an der Außenalster.

"Öffentliches Telefonieren mit Münzeinwurf ist ein interessanter Markt", sagt NWP-Manager Henner Menz.

Aus einem Existenzgründer-Wettbewerb an der Dresdner Hochschule für Wirtschaft und Technik ist 1999 die Firma "GeKarTel" entstanden. Heute betreiben die 10 festangestellten Mitarbeiter an bundesweit 200 Standorten Münztelefone, 20 davon alleine in Dresden. "Wir wollen weiter ausbauen", sagt GeKarTel-Prokurist Fleis Trägner, 30, der derzeit mit Baden-Württemberg über die Aufstellung neuer Telefonzellen verhandelt.

Eine erstaunliche Kehrtwende: Noch vor wenigen Jahren schien das "Fernsprechhäuschen", so die offizielle Bezeichnung der Deutschen Reichspost seit 1927, endgültig zu einem Auslaufmodell zu werden. Insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern wurden mit wachsender Verbreitung des Mobilfunks gut 40.000 nach der Wende eilig installierte Häuschen wieder abgebaut. Die postgelben Design-Dinger aus glasfaserverstärkten Polyesterharz kamen massenhaft in den Schredder.

Angesichts der Verbreitung von inzwischen rund 75 Millionen Mobilfunktelefonen schien das Häuschen keine Zukunft zu haben. In einer Forsa-Umfrage gaben im Jahr 2003 gar 68 Prozent der Deutschen an "seit mehr als einem Jahr" gar kein öffentliches Telefon in einem der rund 110.000 Sprechzellen mehr benutzt zu haben. "Wir haben auch ganz unrentable Standorte", sagt T-Com-Sprecher Rüdiger Gräve. Bei monatlichen Betriebskosten für einen Standort von rund 200 Euro stünden mancherorts nur Einnahmen von 5 Euro dagegen.

Wer nicht will, der muss

Solche Groschengräber würde der Bonner Kommunikations-Konzern am liebsten ganz loswerden. Doch nach den gesetzlichen Vorgaben des Telekommunikationsgesetzes ist die T-COM zur einer "flächendeckenden Bereitstellung von öffentlichen Münz- und Kartentelefonen" verpflichtet. Gemäß des Versorgungsauftrags gelten als "zumutbare Entfernung" für Bürger ohne Telefonanschluss "zwei bis drei Kilometer".

In einem Pilotverfahren mit der Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post hatte sich die Telekom bis 2006 auf die Bereitstellung von 14.000 abgespeckten "Basistelefonen" verpflichtet. Die Schlichtversion erlaubt einen Notruf oder auch ein R-Gespräch, bei dem der Angerufene die Gesprächskosten übernimmt. "An dieser Grundversorgung müssen wir festhalten", sagt die Sprecherin der Bonner Regulierungsbehörde, Renate Hichert.

An den gut frequentierten Standorten will die T-COM dagegen weiter ausbauen. Über 10.000 neue sogenannte Telestationen sind in den Ballungsgebieten geplant. Das Häuschen zum Baupreis von 7500 Euro wird dann durch eine einfache, nicht überdachte 500-Euro- Telefonsäule (Branchenbezeichnung: "Marterpfahl") ersetzt. Die schlanken Stahlsäulen mit integriertem Fernsprecher für Münzen und Karten bieten zwar keinen Wetterschutz aber günstige Tarife.

Zusätzlich nahmen die 50.000 "Münzer" (Telekom-Jargon) von Juni bis Ende Oktober wieder Geldstücke der nach der Euro-Einführung für Bargeld im Jahr 2002 ausgesonderten alten D-Mark. Denn immer noch sind nach Schätzungen der Deutschen Bundesbank gut 7,5 Milliarden in Pfennig und Mark in den Haushalten vorhanden - fast die Hälfte des ursprünglichen Münzen-Bestandes. Immerhin kamen bei der Telekom-Aktion "mehrere hunderttausend Mark" durch die Rückholaktion in die Kasse.

Für den Verbraucher bot der Einwurf in den Schlitz der Fernsprechgeräte eine kostensparende Möglichkeit das alte Kleingeld loszuwerden. Das Ortsgespräch ist dann schon für 10 Pfennig zu haben.

Einen neuen Service sollen die 800 öffentlichen Telefonstationen der Bonner Tele-Ruf demnächst als Einwahlstationen in das Internet bieten. Gegen Münzeinwurf wird eine Pin-Nummer vergeben, die den drahtlosen Zugang in das Netz möglich macht. Das Telefonhäuschen dient als sogenannter "hot spot" der mobilen Kommunikation.

Eine lebensnahe Neuerung offeriert deshalb schon der Dresdner Telefonzellen-Betreiber GeKarTel. Um schlechten Geruch nach altem Zigarettenqualm oder körpereigenen Ausdünstungen des Vorgängers zu mildern, wurde ein Deckenventilator integriert. Er versprüht beim Betreten ein frisches Duftspray in dem Häuschen.

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