Von Stefan Schmitt
Massige schwarze Spritzgussplastik in Verweigerungshaltung: Mein VHS-Rekorder hat den Geist aufgegeben. Seit Wochen schweigt er unterm Fernseher. Nicht, dass es mir um die hässliche Kiste Leid getan hätte. Nur ab und zu vermisse ich das Teil dann ja doch, wenn auch selten. Ich sehe wenig fern, entsprechend sporadisch überkommt mich der Wunsch, etwas auf Band zu bannen. Auf Band - das wäre jetzt wohl der Moment, für den fälligen Technologiesprung zu einem Rekorder mit Festplatte oder DVD-RAM.
Doch ich wollte nicht neue, teure Hässlichkeit ins Wohnzimmer stellen. Nicht für eine Funktion, die ich so selten nutze. Es geht mir ja weniger um den Besitz einer Kiste als darum, dass ab und zu Etwas eine Aufnahme für mich macht. Warum nicht ein weit entfernter Server?
Wurde nicht zur letztjährigen Cebit beschworen, das Internet übernehme diese Arbeit bald? Meine Suche nach entsprechenden Lösungen erbrachte zwei magere Treffer: OnlineTVrecorder (OTR) und ShiftTV heißen meine virtuellen VHS-Alternativen. Beides sind Dienste, die einen Videorekorder im Internet simulieren: Im Browserfenster kann ich aus der Vorschau eines elektronischen Programmführers (EPG) Sendungen auswählen. Einmal klicken, programmiert. Wie eine Fernsteuerung für einen digitalen Videorekorder aus der Ferne. Ohne Spritzgussplastik unterm Fernseher. Ohne komplizierte Fernbedienungsakrobatik. Und ohne ein paar hundert Euro Anschaffungskosten: kostenlos im Falle des OnlineTVrecorder (OTR), für zehn Euro im Monat bei ShiftTV. Da hätte ich den Gegenwert eines neuen Festplatten- oder DVD-Rekorders frühestens nach zwei, drei Jahren regelmäßiger Nutzung ausgegeben.
Auf der Eingabeseite bin ich recht angetan: Da ich einen Link anzuklicken vermag, kann ich auch eine Sendung programmieren. Leider stellen beide Dienste nur die nächsten paar Tage im elektronischen Programmführer dar - aber immerhin, diese Sendungen lassen sich kinderleicht aufnehmen. Bei OnlineTVrecorder sogar per Handy: Ich schicke von unterwegs eine SMS mit dem Text "20.3.2006 20:00 ARD" an die Nummer 0152-04705010, wenn ich auf dem Heimweg merke, dass ich es doch nicht bis acht Uhr nach Hause schaffe. Der Server erkennt mich an meiner Handynummer. Schließe ich dann verspätet die Wohnungstür hinter mir, wartet in meinem Account die "Tagesschau" auf mich.
Warten ist das Stichwort, leider. Denn ich bin, anders als beim alten VHS-Knecht, nicht bloß einen Druck auf den Rückspulknopf vom Anfang der Aufzeichnung entfernt. Zwar bieten beide Dienste recht zügige Downloads an: Eine viertelstundenlange Datei schafft es in wenigen Minuten durch die heimische DSL-Leitung auf meinen Rechner. Ein Spielfilm von 90 Minuten Länge braucht eine knappe halbe Stunde und kommt bei ShiftTV als WMV-Video, bei OTR im selben Format nebst Verschlüsselung. Um diese zu entfernen, muss ich eine Dekodiersoftware starten, die beim OTR-Server überprüft: Habe ich die Sendung auf meiner Festplatte auch wirklich programmiert? Das soll die Videohäppchen als Tauschbörsenware unattraktiver machen - und Konflikte mit den Fernsehsendern vermeiden helfen. Für mich bedeutet es einen Arbeitsschritt mehr. Wenn ich überhaupt so weit komme. Denn sind die Server arg strapaziert, wird mir bewusst, wie weit ich von meinen Aufnahmen entfernt bin. Die liegen irgendwo im Netz und kommen nicht bis in mein Wohnzimmer. In dem Moment wünsche ich mir die altbackene Videokassette zurück.
Bei OTR wird besonders der Download populärer Sendungen wie etwas der "Simpsons" zum Geduldsspiel: Der Server vertröstet mich auf die Happy Hour zwischen ein und sechs Uhr nachts! Wolle ich vorher laden, solle ich eben per Mikrozahlsystem Paypal 20 Cent locker machen. ShiftTV bietet auch die Option, eine aufgenommene Sendung als Videostream online zu gucken, ohne Wartezeit für den Download, eine entsprechende Breitbandverbindung vorausgesetzt. Auch wenn das am PC-Bildschirm mäßig elegant aussieht.
Was die Qualität angeht, operieren beide Dienste ohnehin nicht eben im Highend-Himmel. Videoplayer im Vollbildmodus, Kabel an Laptop und Fernseher befestigt, Play:
Gut für die Vergleichsbedingungen, dass es bloß einen alten VHS-Rekorder zu schlagen gilt. Gegen jedes neuere Gerät sähen die Webvideorekorder alt aus: Mit 384 x 288 Bildpunkten liefern sie Videos von nur einem Viertel der PAL-Auflösung. Die Tonspuren unterscheiden sich marginal - aber bei beiden Diensten erreichen sie nicht das Niveau von Musik, die man in einem MP3-Spieler hören wollte. Überlegen sind diese Aufnahmen erst häufig benutzten VHS-Bändern.
Zu meiner Überraschung stelle ich nach ein paar Wochen fest: Kaum eine der Aufnahmen schaue ich im Wohnzimmer am großen Bildschirm an. Dafür zwischendurch auf dem Laptop oder entsprechend heruntergerechnet unterwegs auf meiner Playstation Portable. Da ist das leicht umformbare Digitalformat ein Plus, die mäßige Qualität springt als Minus weniger ins Auge. Generell frickele ich mehr mit und an den Aufnahmen herum, bevor ich sie mir ansehe.
Unter dem Fernseher steht immer noch der kaputte alte Rekorder herum und wartet auf den Elektromüll. Ein echter Ersatz sind die unsichtbaren Webrekorder nicht. Aber immerhin, ich sitze noch weniger vor der Röhre als früher.
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