Frage: Heute ist Google mit Abstand die erfolgreichste Suchmaschine weltweit. Was verschafft Ihnen diesen enormen Vorsprung?
Marissa Mayer: Ich glaube, da gibt es einige Komponenten. Ganz oben steht sicherlich die Relevanz unserer Suchergebnisse. Die Frage ist ja: Wie sind die geordnet? Ist die für meine Anfrage relevanteste Seite wirklich an erster Stelle? Nach welchen Kriterien steht eine Seite weiter oben als eine andere? Das wird bei uns ständig getestet und optimiert. Vollständigkeit oder Schnelligkeit wären weitere Faktoren. Wer im Netz etwas sucht, der will am liebsten in Echtzeit eine Antwort. Und natürlich Aktualität: Wie frisch sind die Ergebnisse? Auf all diese Dinge legen wir viel Wert.
Mayer: Wie meinen Sie das?
Frage: Nun, wir alle kennen wohl inzwischen jemanden, dessen Hobby es ist, im Netz nach sich selbst zu suchen. Einen "Google-Guy".
Mayer: (lacht) Ja, dieses Krankheitsbild existiert. Wir reden in solchen Fällen allerdings nicht von Narzissten, sondern von Eitelkeits-Suchern. Daneben ist es keine Seltenheit mehr, dass Leute nach anderen Menschen aus ihrem Bekanntenkreis googeln; etwa, bevor sie mit jemandem ein Date haben.
Frage: Kommt es trotz allem vor, dass Sie persönlich zur Konkurrenz greifen?
Mayer: Nein. Höchstens zu experimentellen Zwecken. Sagen wir: Ich halte mich auf dem Laufenden, was deren Features angeht.
Frage: Aber es gibt doch durchaus Aspekte, wo Ihnen andere Suchmaschinen das Wasser abgraben. Denken Sie etwa an Teoma/Ask Jeeves, bei denen man die Ergebnisse nach inhaltlichen Kategorien einteilen kann.
Mayer: Wollen Sie meine ehrliche Meinung? Das ist interessant, aber nicht wirklich brauchbar. Teoma hilft am Ende nur Leuten, die vage Anfragen stellen, sprich: nicht genau wissen, nach was sie suchen. Etwa, wenn jemand "Jaguar" eintippt - und dann zunächst spezifizieren soll, ob er den Sportwagen oder die Raubkatze meint. Die überragende Mehrheit der Nutzer tickt aber nicht so, die will sofort eine Antwort. Ebenso gut können Sie ja einfach Ihre Anfrage zuspitzen. Bei uns sind Menschen, die wissen wonach sie suchen, den entscheidenden Schritt schneller am Ziel - nur, wer es nötig hat, grenzt in einem zweiten Schritt ein.
Frage: Sie sehen also keinen einzigen Pferdefuß oder Nachteil an Ihrem System?
Mayer: Natürlich gibt es Dinge, die noch nicht optimal laufen. Als mich Craig Silverstein damals beim Einstellungsgespräch darum bat, ihm drei Details zu nennen, die Google verbessern solle, fielen mir bloß zwei ein - ihm aber, gewissermaßen einer der Väter der Seite, Tausende! Heute geht es mir wie ihm. Vieles könnte besser sein.
Frage: Die Kritik, dass auch am Ranking-System namens "Page-Rank" selbst etwas Fragwürdiges sei, wird Ihnen sicher nicht unbekannt sein. Wie im Kapitalismus, wo Reiche automatisch noch reicher werden, schaffen es auch bei Ihnen lediglich Sites nach ganz oben, die möglichst häufig mit anderen Seiten verlinkt sind. Im schlimmsten Falle hieße das: Quantität vor Qualität. Da droht die Gefahr einer Monokultur.
Frage: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, "Page-Rank" erleichtere schwarzen Schafen die Manipulation, indem sie sich über Dummy-Sites zigmal selbst verlinken?
Mayer: (schnauft) Glauben Sie mir: Wir verwenden einen großen Teil unserer Ressourcen darauf, diese Art von Spam einzudämmen. Doch speziell gegen "Google-Bombing" ist nun einmal kein Kraut gewachsen. Natürlich untersucht unser Algorithmus, ob all diese Links von derselben oder verwandten Seiten ausgehen. Da derlei Aktionen aber unglaublich schnell per Mail kommuniziert werden und dann von überallher, aus jeder Ecke der Welt, verlinkt wird, haben wir wenig in der Hand. Es lässt sich enorm schwer differenzieren zwischen einem Akt der Manipulation und einem relevanten Ergebnis; etwa, wenn eine Firma ein neues Produkt mit einem Fantasie-Namen einführt. Aber das trifft beileibe nicht nur uns.
Frage: Mit all den neuen Diensten und Features, die Sie über die letzten Jahre eingeführt haben, hat sich Google mehr und mehr zu einem echten Web-Allrounder gemausert. Welchen Stellenwert nimmt da überhaupt noch Ihr Kerngeschäft ein?
Frage: Können Sie mir ein Beispiel für solch eine tatsächlich realisierte wilde Idee geben?
Mayer: Das bekannteste wäre sicher 'Orkut', unsere Kontaktbörse. Wissen Sie, man hört momentan viele Sachen über uns, wo wir überall unsere Finger im Spiel hätten - von "Picasa" und "Google Base" über "Google Print" und "Google Earth" bis hin zu "GMail". Aber das sind die weit entfernten Satelliten, nicht das Zentrum unserer Welt. Ich will es mal so formulieren: Es besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen externer Wahrnehmung und interner Realität. Darüber, dass unser Ranking-System beständig besser wird, schreibt keiner!
Frage: Können Sie wenigstens nachvollziehen, dass den Leuten dieser universelle Anspruch Ihrer Firma zunehmend unheimlich wird? Nicht zuletzt, da bei Ihnen eine ganze Menge privater Daten zusammenlaufen.
Mayer: Aber das lässt sich doch gar nicht verhindern in einer Welt, in der sich das Leben der Menschen mehr und mehr online vollzieht! Natürlich wächst damit auch das Bedürfnis nach Privatheit im Netz. Seien Sie versichert: Wir legen eine Menge Augenmerk auf diese Dinge, wir haben strikte Vorgaben, welche Daten unserer User wir nutzen und welche Tabu sind - und wir halten uns auch daran. Wir versuchen in diesem Punkt so transparent zu sein wie irgend möglich. Am Ende bleibt es jedem Einzelnen überlassen, ob es ihm unsere Angebote wert sind, ein Stück seiner Privatsphäre abzugeben. Ich persönlich zum Beispiel habe 'Google Desktop Search' auf meinem Computer installiert - auch wenn das bedeutet, dass ein Google-Programm theoretisch Zugriff auf alle meine Files hat und weiß, wann ich wie lange auf welcher Seite war. Einfach weil es mein Leben so viel angenehmer macht. Man sollte da nicht paranoid werden.
Frage: Meinen Sie wirklich, dass normale User sich all dessen bewusst sind?
Mayer: Das denke ich schon, ja. Die meisten haben sich den enormen Gegenwert durchaus verdeutlicht, bevor sie sich zur Installation entschließen. Und ich halte es zudem für völlig falsch, dem Nutzer als erstes seine eigene Unmündigkeit zu unterstellen.
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH