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06.04.2006
 

Nachrichtensuche

Wikio soll Online-News revolutionieren

Von Holger Dambeck

Mit "Web 2.0"-Techniken will die neue Nachrichtensuche Wikio Angeboten wie Google News oder Technorati den Rang ablaufen. Wikio setzt konsequent auf Tags, Wikis und Bewertungspunkte und indiziert neben Newssites auch Tausende Blogs. Surfer können auch selbst Nachrichten verfassen.

Google-Progammierer träumen schon seit längerem vom perfekten elektronischen Chefredakteur. Vollautomatisch soll er rund um die Uhr Tausende Nachrichtenseiten im Blick haben, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und Meldungen zum gleichen Thema erkennen können. Aus der Vielzahl der Artikel soll er eine Nachrichtenübersicht generieren, in der die wichtigsten Themen ganz oben stehen.

Google News ist zwar ein solcher elektronischer Chefredakteur - doch die Seite arbeitet längst nicht so gut wie ein erfahrener Journalist. Häufig landen Meldungen vom Vortag ganz oben. Sie verdienen die Bezeichnung News zwar kaum noch - sind aber im Web besonders häufig zu finden. Ähnliches gilt für den Newsbot aus dem Hause Microsoft.

Pierre Chappaz, der die Preisvergleichsseite Kelkoo entwickelt und 2004 für 475 Millionen Euro an Yahoo verkauft hat, geht nun neue Wege in der Nachrichtensuche. Genauer gesagt: Er kombiniert verschiedene existierende Techniken auf neue Weise.

Die Website Wikio ging am 2.April als Beta-Version online - mittlerweile haben sich bereits 7.000 Beta-Tester registriert. Chappez setzt konsequent auf das, was man gemeinhin "Web 2.0" nennt. Auf den ersten Blick wirkt Wikio - das Angebot gibt es bislang nur auf Französisch - wie eine Mischung aus Google News und der Blogsuchmaschine Technorati.

Die Seite erfasst Hunderte Nachrichtenseiten und rund 10.000 Blogs. Tags, also Artikeln oder Blogeinträgen zugeordnete Schlagworte, werden ebenso genutzt wie ein Bewertungssystem. Sucht ein Surfer beispielsweise Nachrichten zum Thema Apple, dann kann er Treffern, die er für besonders relevant hält, einen Pluspunkt geben. Eine ähnliche Technik nutzt auch die Seite Digg. Das Prinzip ist auch eBay-Usern bestens vertraut.

Bislang ist Wikio ausschließlich auf das frankophone Web fokussiert. Chappez' Firma mit Sitz in Luxemburg und Frankreich wird aber auch bald eine englische Version starten.

Bunte Themenwelt

Die von Wikio erfassten Meldungen werden automatisch in verschiedene Kategorien sortiert, etwa Kultur, Wissenschaft oder High-Tech. Diesen Kategorien haben die Programmierer auch bestimmte Farben zugeordnet: Violett steht für Kultur, Grün für Sport. "Unsere Ergonomietests haben ergeben, dass fünf bis sechs Farben das Maximum sind, was ein Surfer verarbeiten kann", heißt es es im Wikio-Blog.

Sucht man nach einem Begriff, beispielsweise Microsoft, erscheinen rechts neben dem Treffer in einem Kasten eine Reihe von Schlagworten (Tags), die zu dem gesuchten Wort gehören, etwa Bill Gates oder Windows XP. Diese Tag-Wolke kann Suchenden unter Umständen weiterhelfen, wenn sie nur ungefähr wissen, was sie eigentlich suchen.

Jede Meldung lässt sich kommentieren - die ersten Zeilen des Kommentars erscheinen, sobald man mit der Maus über die Meldung fährt (Mouse-over). Handelt es sich bei den angezeigten Nachrichten um Spam oder nicht relevante News, genügt ein Mausklick, um sie entsprechend zu markieren. Gemeinsam mit dem Punktesystem bekommt die Wikio-Software somit die Möglichkeit, besonders hilfreiche und unbrauchbare Nachrichtenquellen zu identifizieren - sehr hilfreich, um Meldungen automatisch nach Relevanz zu sortieren.

Ein solches Bewertungssystem fehlt bei Google News. Allerdings bedient man sich dort eines Tricks: Die angegebenen Nachrichtenlinks führen nicht direkt zur Nachrichtenquelle, sondern über den Umweg einer Google-URL. So erfährt Google, welche Nachrichtenlinks tatsächlich angeklickt werden und welche nicht. Dies kann wiederum dazu genutzt werden, die Gewichtung der Treffer an das Klickverhalten der Surfer anzupassen.

RSS inklusive

Natürlich unterstützt Wikio RSS-Reader - ein Muss für eine Seite, die die Blogosspähre umfassend abbilden will. Zu jeder Suchanfrage lässt sich ein RSS-Feed abonnieren. Damit dürfte News- und Blogjunkies nichts mehr durch die Lappen gehen. Wer beispielsweise immer sofort wissen will, wenn in irgendeinem Blog oder auf irgendeinder Nachrichtenseite etwas über Bill Gates geschrieben wird, kann dies per RSS sehr einfach tun. Das ist viel bequemer als der Dienst Google Alert, bei dem man per Mail über neue Meldungen informiert wird.

In Zukunft soll es auf Wikio sogar noch einen richtigen Liveticker geben. Sämtliche Meldungen, die die Wikio-Software erfasst, werden dann automatisch da hineinlaufen. An Lesestoff wird kein Mangel herrschen angesichts der Tausenden Quellseiten, die Wiko abgreift.

Die Seite soll übrigens eines Tages auch Geld abwerfen: Geplant sind bezahlte Links. Derzeit beschäftigt Wikio zehn Angestellte.

Die Möglichkeiten der neuen Suchmaschine sind gewaltig. Ob sie ihre volle Power bald entfalten kann, hängt allerdings von der Zahl der Nutzer ab. Je mehr mitmachen und fleißig Punkte vergeben und Spam aussortieren, umso zuverlässiger wird Wikio arbeiteten. Die Blogosspähre wird sicher ihre Freude an der Seite haben - auch weil die Onlinetagebücher hier gleichrangig mit klassischen Medien behandelt werden. Ob der Durchschnittsurfer den Mix aus Blogs und News mag, muss sich erst zeigen.

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