Von Michael Stein
Ich bin enttäuscht. Ziemlich endgültig. Mein Handy benutze ich inzwischen nur noch äußerst selten - meistens auf Messen oder im Ausland. Und dabei hatte alles so schön angefangen, denn ich war einmal ein Mobilfunk-Freak.
Mein erstes "Handy" war ein Gerät, das Kollegen damals liebevoll als "Sprechbrikett" bezeichneten: Das Mobiltelefon "Telekom Pocky" funkte im analogen C-Netz, es hatte eine Abknick-Antenne, war groß, schwer, unhandlich und die Sprachqualität war eine Katastrophe. Aber: Ich nahm das Gerät überall mit hin - das Netzteil immer im Gepäck, weil der Saft auch schon einmal plötzlich und ruckartig ausgehen konnte. Wenn ich auf der Cebit damit telefonieren wollte, hatte ich in aller Regel keinen Empfang, und die Besucher beobachteten mich dabei wie einen Außerirdischen.
Telefonzelle
Weil es praktisch unmöglich war, im Auto mit einer Hand ein Brikett zu stemmen und mit der anderen das Fahrzeug zu bedienen, tauschte ich das Pocky gegen ein mit Elektronik vollgestopftes Köfferchen vom Typ "AEG Telecar CD". Zugegeben, der Koffer mit angeflanschtem Hörer wog etwa so viel wie eine fette Hauskatze und war auch nicht eben handlich. Dafür hatte er gleich zwei Vorteile: Das Telefon ließ sich ins Auto einbauen und es gab die Verheißung, durch ein Zuatzmodul zukünftig auf das in Entwicklung befindliche, digitale D-Netz aufsteigen zu können. Dazu sollte es freilich nie kommen. Der Empfang auf der Cebit war katastrophal und die Besucher hielten mich für einen Agenten, der mit einem Telefonhörer telefonierte, der an ein Aktenköfferchen angeschlossen war.
Stückwerk
Das Motorola 3200 (der "Knochen") war mein erstes Telefon für das digitale D-Netz. Nur wenige Wochen nannte ich es mein Eigen - an die Motorola eigene Philosophie der Benutzerverführung konnte ich mich bis heute nicht gewöhnen. "Rauschfreie, digitale Sprachqualität" versprachen die Netzbetreiber damals. Zugegeben, das fürs C-Netz typische Rauschen war passé, wurde aber gegen verbalen, digitalen Hackepeter ersetzt. Auch in den ersten Monaten mit meinem neuen Nokia 2210 war das nicht anders.
Aber: Der Handy-Klassiker konnte damals, im Jahr 1994, eigentlich alles, was ich auch heute noch von meinem Handy erwarte: Wenn jemand anrief, klingelte es, und ich konnte mit meinem Anrufer sprechen. Ich konnte selber Anrufe damit einleiten und ich konnte SMS-Nachrichten verschicken und empfangen. Auf der Cebit wurde ich als "Wichtigtuer" belächelt, wenn ich im Eingang vor einer Halle versuchte, zu telefonieren. Die Kolleginnen und Kollegen der Messe-Redaktion vom NDR besuchten mich regelmäßig in meinem Büro, um sich das mobile Wundertelefon einmal anzusehen.
E-Mail per Handy
Zwölf Jahre und einige Handys später ist alles ganz anders geworden. Auf der Cebit fällt nur noch der auf, der kein Handy am Ohr hat oder plötzlich scheinbar unmotiviert zu sprechen beginnt, weil der Bluetooth-Bügel am Ohr plötzlich Gesprächsbedarf eines Mitmenschen signalisiert. Was aber tun die Menschen mit ihren Handys? Sie telefonieren, so wie 1994 auch.
Und sie schicken SMS-Nachrichten, so wie 1994. In meinem Bekanntenkreis weiß niemand, was eine MMS ist oder wie man eine E-Mail per Handy abruft. Der Bedarf dazu tendiert aber auch gegen Null. Zugegeben, vor allem auf Hightech-Messen sieht man immer mal wieder einen Zeitgenossen, der mit seinem Gerät, das fast schon wieder an ein 2210 von damals erinnert, seine E-Mails abruft. Aber sonst?
Flops in Serie
Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal im "Portal" ihres Netzbetreibers, seien es nun die "T-Zones" oder "Vodafone Live!"? Ich war dort vor ein paar Wochen - aus Versehen, weil ich beim Herausnehmen meines Handys zum wiederholten Mal an die werksseitig programmierte Taste zum Aufrufen des WAP-Portals gekommen war.
Apropos "WAP". Mit diesem vollmundig als "Internet im Handy" angekündigten Flop wollten uns Geräte-Hersteller und Netzbetreiber doch tatsächlich weismachen, man könne damit im Netz surfen, obwohl Display-Größe, Vebindungsgeschwindigkeit und Benutzerführung von Anfang an dagegen sprachen. Es sollten noch MMS, Videofilm-Download, Videotelefonie und nun Handy-TV folgen. Technisch ausgereift und wirklich sinnvoll nutzbar sind die genannten Technologien eigentlich bis heute nicht.
Ganz abgesehen davon, dass mich allmählich das Gefühl beschleicht, als würden Netzbetreiber und Gerätehersteller vor Einführung einer neuen Technik weder die Technik selbst zu Ende entwickeln, noch die Wünsche ihrer potenziellen Kunden ermitteln. Oftmals wirkt es sogar so, als würden die Unternehmen eine neue Technik gegen den Willen der Nutzer in den Markt drücken wollen. Anders ist die Flop-Serie in der Mobilfunk-Branche eigentlich kaum noch zu erklären.
Gutes Telefon
Ich benutze jetzt seit ein paar Jahren ein T610 von Sony Ericsson, obwohl ich als Technik-Interessierter immer wieder die neusten Modelle zum Testen in den Fingern habe. Ein kurzes Intermezzo verband mich zwei Wochen mit einem "Razr V3" von Motorola. Die Benutzerführung hatte sich zwar verändert, sie war aber immer noch genauso unlogisch wie damals beim Knochen.
So bin ich meinem schon ein wenig betagten Handy bis heute treu geblieben. Denn es kann eigentlich mehr, als ich von ihm je fordern würde. Ich kann damit gut telefonieren und - wenn’s denn sein muss - gut SMS-Nachrichten schreiben. Mehr brauche ich nicht. Dass ich damit auch noch schlecht Fotos machen, schlecht E-Mails abrufen und schlecht Fotos anschauen kann, stört mich nicht weiter. Denn zum Fotografieren nutze ich eine gute Kamera, zur E-Mail-Kommunikation einen guten Computer und zum Anschauen von Fotos ein gutes LC-Display an meinem guten Computer.
Und doch, trotz aller Enttäuschung: Ich informiere mich über die Produktneuheiten der Hersteller, ich sehe mir alljährlich ihre Innovationen und Multifunktionsgeräte an, die sie auf den Hightech-Messen vorstellen. Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben, denn vielleicht ist ja einmal ein Gerät dabei, gegen das ich mein T610 eintauschen würde.
P.S.: Rund 1,5 Millionen Mobilfunk-Nutzer sind inzwischen auf Discount-Anbieter umgestiegen, die ihren Kunden nicht mehr als die Kernanwendungen Telefonie und SMS bieten. E-Plus, einst ein Vorreiter in Sachen Multimedialität, verzichtet bewusst auf den Einstieg in Handy-TV und ähnliches, weil die Firma dort nicht mehr als ein Marginalgeschäft erwartet. Derweil kommen immer mehr Handys mit bewusst größeren Gesamtmaßen und Tastaturen sowie vereinfachtem Funktionsumfang und simplifizierter Bedienung auf den Markt. Zielgruppe: Senioren und alle Menschen, die vor dem ersten Telefonat keine 500 Seiten Bedienungsanleitung lesen wollen.
Also (fast) wir alle?
Auf anderen Social Networks posten:
Da die Qualität der meisten Handykameras stark zu wünschen übrig lässt, hätte das wahrscheinlich auch nix gebracht. Handy´s älteren Baujahres hätte man wenigstens noch effektiv hinterherwerfen können, um den Wagen somit zum [...] mehr...
Dann nehmen Sie doch mal Ihre LiveBands, CD-Player oder Plattenspieler mit auf eine Reise. Ich habe mir jetzt einen Ipod bestellt weil ich den ganzen Plunder nicht mehr mitschleppen will. Grüsse vom Don mehr...
Und CDs (und erst recht nicht LPs) sind keine Alternative zur live dargebrachten Musik. Nur meine 0.02$ zur Musikliebe.... mehr...
Nun bin ich ja sogar mit inzwischen 40 noch gar nicht mal soo alt. Aber auf die Kamera verzichte ich gerne. Zumal die auch nicht immer viel hilft. Als mir so eine Schweizer Schlampe an einer französischen Autobahnraststätte die [...] mehr...
Genau das meine ich. Ich persönlich bin froh über Funktionen wie Terminerinnerungen für Geburtstage z.B. oder die Weckerfunktion, sogar die Kamera nutze ich sporadisch. Nur gerade für die älteren Herrschaften wäre es [...] mehr...
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