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09.05.2006
 

Videospielmesse E3

Sonys Konsolen-Coup

Aus Los Angeles berichtet Christian Stöcker

Sony begann in diesem Jahr den Enthüllungsreigen vor Beginn der Videospielmesse E3 in Los Angeles - und geizte nicht mit Überraschungen. Man verriet den Preis der neuen Konsole, den genauen Starttermin und hatte ein verblüffendes Geheimnis im Gepäck.

Selbst Hideo Kojima musste warten. Der Schöpfer der "Metal Gear Solid"-Reihe und einer von Sonys verlässlichsten und loyalsten Hitproduzenten, stand gestern, eingezwängt zwischen Journalisten und Industrievertreten, in der Gasse zwischen zwei gewaltigen Studiogebäuden auf dem Gelände von Sony Pictures und wartete - auf den Beginn einer Pressekonferenz.

Die Präsentationen der großen Hersteller finden jedes Jahr ein bis zwei Tage vor dem Start der eigentlichen Electronic Entertainment Expo (E3) statt. Für Fans und Fachpresse sind sie Gottesdienst-ähnliche Veranstaltungen, mit Heldenverehrung, Erleuchtungsmomenten oder bitterer Enttäuschung. Der Aufwand und die Sicherheitsvorkehrungen sind gewaltig - und doch geht immer mal etwas schief. So wie bei Sony in diesem Jahr: Fast eine Stunde später als geplant trat Sony-Topmanager Kaz Hirai auf die Bühne, um, wie das eigentlich immer heißt, eine "neue Ära in der Geschichte der Videospiele" einzuläuten.

Es gab Spieletrailer zu sehen, mehrere, grafisch oft eindrucksvolle, spielbare Demonstrationen von Titeln für die neue Konsole, ein paar Powerpoint-Folien mit Verkaufszahlen für die Playstation 2, die Playstation Portable (PSP) und die dazugehörige Software - und dann, ganz am Ende, wurde ganz beiläufig die anwesende Fachwelt verblüfft. Im Vorfeld war darüber spekuliert worden, was Sony denn nun noch Überraschendes würde enthüllen können - atemberaubende Spiele, den Verkaufspreis für die für November angekündigte Playstation 3 (PS3) oder vielleicht ein endgültiges Design für den neuen Controller.

Nun trat Ken Kutaragi, Chef von Sony Computer Entertainment, auf die Bühne, zog einen silbernen scheinbar herkömmlichen Playstation-2-Controller aus der Jackett-Tasche und sagte, "das hier ist der Controller für die PS3". Ein paar vereinzelte Lacher hallten durch das Riesen-Auditorium, das Sony in einem Studiogebäude hatte einrichten lassen - Kutaragi aber meinte es ernst: Der neue Controller sieht aus wie der alte. Bei der letzten E3 hatte man noch einen bumerangförmigen Prototypen präsentiert, der bei Fans und Fachpresse auf wenig Gegenliebe gestoßen war.

Kein Bumerang zum Spielen

Die Weigerung, beim Design-Wettlauf mitzumachen und gleichzeitig auf die längst zur Game-Ikone gewordene Ur-Form zurückzugreifen ist ein kluger Schachzug - und gleichzeitig ein böser Hieb gegen Microsoft: Für die Xbox 360 wurde nicht nur ein neuer, etwas weniger klobiger Controller gestaltet, das Design des Gerätes war und ist für Microsoft ein zentrales Thema. Sogar auswechselbare Frontblenden gibt es für die Konsole aus Redmond.

Bei der Sony-Pressekonferenz fiel kein Wort darüber, wie das neue Gerät, das auf der Bühne in silberner und schwarzer Ausführung ausgestellt war, nun aussieht. Dafür enthüllte Kutaragi, gemeinsam mit Sonys oberstem Spieleentwickler Phil Harrison, am Ende ein anderes Detail, das für Verblüffung sorgte - und eine direkte Attacke auf den anderen Konkurrenten ist: Nintendo.

Dessen nächste Konsole, die kürzlich den offiziellen Namen Wii bekam, wird einen Controller von der Form einer Fernbedienung haben, der der Konsole mitteilen kann, wo im Raum er sich gerade befindet und in welchem Winkel er gehalten wird, so dass man ihn als virtuelles Schwert oder als Tennisschläger einsetzen kann.

Kutaragi und Harrison zeigten nun, dass der neue Sony-Controller ebenfalls Bewegungssensoren enthält. Dylan Jobe vom Entwicklerstudio Incognito führte vor, wie mit dem Gerät durch Kippen nach vorn und hinten, rechts und links ein Flugzeug im Luftkampfspiel "Warhawk" gesteuert werden kann. Harrison hatte schon im Jahr 2003 einmal in einem Interview darüber spekuliert, dass die PS3 möglicherweise Bewegungssensoren verwenden werde - dennoch kam die Enthüllung nun völlig überraschend. Fan-Foren sprudeln bereits über vor teils entzückten, teils erbosten Reaktionen - viele sind der Meinung, Sony habe Nintendo eine gute Idee geklaut.

My Space für die Playstation 3 

Harrison hatte zuvor schon ein umfassendes Online-Konzept vorgestellt, inklusive Download-Möglichkeiten für Spiele-Erweiterungen oder neue Karaoke-Stücke für die "SingStar"-Reihe, Videochat und natürlich Onlinespiel-Funktionalität. Videochat, das Anlegen von Profilen und Freundeslisten und andere Community-Funktionen sollen kostenlos sein. Sogar das Reizwort "MySpace" ließ Harrison zwischendurch fallen und sprach von einer "virtuellen Gesellschaft", die um die PS3 herum wachsen solle. Sony will ein Stück vom ständig wachsenden Online-Kuchen - und greift damit klar Microsoft und das erfolgreiche Onlineangebot Xbox Live an.

So hatte man am Ende der Präsentation beide Konkurrenten mit großzügigen Anleihen bei deren Produktideen düpiert - und legte dann auch noch die letzten Geheimnisse offen: Am 11. November kommt die PS3 in Japan auf den Markt, am 17. November soll der Markstart in Europa und den USA folgen. Anfangs wird es weltweit zwei, gestaffelt dann bis Ende März 2007 sechs Millionen Konsolen für den Weltmarkt geben - für Sony eine gewaltige, riskante Investition, denn jede Konsole bringt Verlust. Verdient wird erst mit dem Verkauf von Spielen. Die Zukunft des in letzter Zeit gebeutelten Unternehmens hängt an der PS3.

Eine Version mit 20 Gigabyte Festplattenspeicher wird Kutaragi zufolge in Europa 499 Euro kosten, eine weitere mit 60-Gigabyte-Festplatte 100 Euro mehr. Auch der Preis ist ein Piekser Richtung Microsoft - die teurere Variante der Xbox 360, die 400 Euro kostet, enthält ein Festplattenlaufwerk mit 20 Gigabyte Speicher. Sonys Konkurrenzprodukt mit gleicher Festplattenkapazität kostet zwar immer noch 100 Euro mehr - enthält aber ein Blu-ray-Laufwerk, mit dem man hochauflösende DVDs wird abspielen können.

Heute werden Nintendo und Microsoft bei ihren jeweiligen Pressekonferenzen ebenfalls versuchen, mit Enthüllungen und Demonstrationen Verblüffung auszulösen - besonders die Vorstellung von Nintendos "Wii"-Konsole wird mit Spannung erwartet. Mehr von der E3 lesen Sie in den kommenden Tagen bei SPIEGEL ONLINE.

Berichtigung: In diesem Artikel hieß es anfangs, der Preis der Xbox 360 mit 20 Gigabyte Festplatte betrage 500 Euro. Der richtige Preis lautet jedoch 400 Euro.

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