Aus Los Angeles berichtet Christian Stöcker
Im Graumanns Chinese Theater gleich nebenan stürzte Microsoft die Besucher gleich im Anschluss in die finstere Welt von "Gears of War", beeindruckend in Animation und Grafik. Auch wenn Details wie üppig spritzendes Blut, herumliegende Gliedmaßen und Schusswaffen mit eingebauter Kettensäge nicht jedermanns Sache sein dürften. In jedem Fall sah das bereits bei der letzten E3 angekündigte Spiel besser aus als "Resistance" für Sonys PS3 - und das, obwohl der Cell-Prozessor in der nagelneuen Konsole eigentlich der schnellste und beste aller in Konsolen eingesetzten Chips sein soll.
Xbox-Chef Peter Moore hatte ein paar mäßig beeindruckende Ankündigungen im Gepäck - etwa, dass man künftig auch Klassiker wie "Frogger" von der Plattform Xbox Live Arcade werde herunterladen können - ein paar Peripheriegeräte - ein drahtloses Lenkrad, ein neues Headset und das bereits angekündigte HD-DVD-Laufwerk - und ein paar echte Knaller.
Irgendwann enthüllte er das "Halo 2"-Tatoo, das er sich vor zwei Jahren in den rechten Oberarm hatte stechen lassen. "Manche bringen Gummienten mit, manche Tätowierungen", stichelte er in Richtung von Sonys Phil Harrison, der auch am Montag wieder, wie bei Sony üblich, technische Demonstrationen mit virtuellen Badeentchen vorgeführt hatte. Dann zog Moore seinen zweiten Ärmel hoch, dort fand sich aber nicht wie erwartet ein "Halo 3"-Tatoo - sondern der aufgemalte Schriftzug "Grand Theft Auto IV".
Dass der nächste Teil der so umstrittenen wie erfolgreichen Serie ab Oktober 2007 für die Xbox 360 verfügbar sein wird, ist für Sony ein schwerer Schlag. Bislang erschienen die "Grand Theft Auto"-Spiele (GTA) stets zuerst auf der Sony-Plattform - ein exklusives GTA zum Start der PS3 wäre für viele Fans ein Kaufargument gewesen.
Eine Breitseite, die Sony kaum toppen kann
Als nächstes war von Windows als Spieleplattform die Rede, ein paar Spiele wurden vorgeführt, und dann bat Moore - für die E3 eine Premiere - Bill Gates auf die Bühne. Der Microsoft-Gründer schwärmte ein bisschen von dem immer wieder verschobenen Betriebssystem Windows Vista, erklärte Windows zur erfolgreichsten Spieleplattform aller Zeiten - und ließ dann die Katze aus dem Sack.
"Live Anywhere" soll ein Dienst heißen, der künftig alle mit Microsoft-Systemen ausgestatteten Produkte miteinander verknüpfen soll. Xbox-Spieler und PC-Spieler könnten sich damit online verabreden - und gegeneinander spielen, wenn sie entsprechende Versionen des gleichen Spiels besitzen. "Microsoft ist vermutlich die einzige Firma, die das schaffen kann", sagte Gates. Bei Sony dürfte der eine oder andere geschluckt haben.
Insgesamt soll das neue Angebot eine Art windowsbasierte Online-Community sein, bei der jeder stets sehen kann, ob die eigenen Freunde und Bekannten online sind - ob mit einem Mobiltelefon, der Xbox 360 oder einem PC. Inhalte sollen von einer Plattform auf die andere verschoben werden können, so dass man etwa sein Rennauto am PC neu bemalen, unterwegs per Telefon das Fahrwerk verstellen und dann mit der Konsole über die Piste jagen könnte. Vor allem aber soll verkauft werden - vom digitalen Song über Musikvideos bis hin zu Spiele-Upgrades. Für die Vermarkter digitaler Waren dürfte dieser allgegenwärtige digitale Marktplatz eine Traumvorstellung sein. Ach ja: Und ein neues Halo gibt es auch irgendwann.
Nun liegen die Karten auf dem Tisch - und der Konsolenkrieg kann beginnen. Sony hat ein auf dem Papier mächtiges Produkt und einen neuartigen Controller, dessen Möglichkeiten noch auszuloten sind - aber die PS3 ist vergleichsweise teuer, und wirklich eindrucksvolle Software ist bislang zu wenig in Sicht. Microsoft will seine Xbox 360 bis zum Start der Konkurrenz 10 Millionen mal verkauft haben, bis Weihnachten soll es 160 Spiele dafür geben - und nun wird die Marktmacht von Windows mit in die Waagschale geworfen. Nintendo dagegen geht seinen eigenen Weg, auf der Suche nach neuen Märkten. Das Rennen ist offen - aber es ist gut möglich, dass einer der Wettbewerber diese Runde nicht übersteht.
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