Von Frank Patalong
"Hast Du die Humanoiden gesehen?", fragt Thomas und schüttelt den Kopf. "Erst trippelt der eine total langsam auf den Ball zu. Dann hebt er den Fuß zum Schuss - und fällt um. Dann kommt der Torwart an, hebt ebenfalls den Fuß und legt sich daneben."
Als echter Fußball-Spezi ist Thomas sich darüber im Klaren, wie weit die Humanoiden also noch davon entfernt sind, die berühmte Wette, die mit zur Initialzündung für die Robocup-Wettbewerbe wurde, einlösen zu können: Bis 2050 soll ein Team aus solchen Robotern den amtierenden menschlichen Weltmeister in einem Spiel schlagen.
Bisher würden sie das noch nicht einmal in der Bambini-Klasse schaffen. Der nüchterne Zuschauer sieht, dass gerade die so beliebten Humanoiden bisher eigentlich so gut wie nichts können. Sie halten sich aufrecht, sie bewegen sich ein paar Schritte, das war's. Der informierte Zuschauer weiß, was das bedeutet: Eine enorme technische Leistung, ein Quantensprung gegenüber dem, was noch vor drei, vier Jahren möglich war. "Die Besten", erklärt Hans-Arthur Marsiske, der in Bremen für das ZDF unterwegs ist, "stehen allein wieder auf, wenn sie hinfallen." Marsiske gilt spätestens seit seinem zusammen mit Hans-Dieter Burkhard herausgebrachten Buch "Endspiel 2050" als einer der bestinformierten Insider der RoboCup-Szene. Er weiß, was spannend ist - aber er weiß auch, was zieht.
Mini-Menschen mit Lächelgesichtern und Roboter-Hunde zum Beispiel, weil sie den höchsten Niedlichkeitswert besitzen. Also stürzen sich sowohl das Publikum, als auch das Fernsehen vor allem auf diese. Und wenn ersteres nicht von allein passiert, hilft eben das Zweite nach. Ein freundlicher Mensch mit Mikrofon bittet die Zuschauer, doch bitte am Rande eines Spielfeldes der Four Legged League zusammen zu kommen und einmal ordentlich zu jubeln. "Wir wollen doch zeigen, was hier für eine Stimmung ist", denn in der Halbzeit des Spieles Ecuador gegen Costa Rica sei man doch live auf Sendung vom Robocup 2006 aus Bremen...
Alles klappt prächtig. Die elektronischen Hunde wackeln niedlich dem grellbunten Bällchen hinterher, das Publikum spielt willig jubelnde Staffage, der Reporter redet Unhörbares ins Mikrofon. Cut, Liveübertragung beendet, das Jubeln kann eingestellt werden. Fernsehen macht sich die Wirklichkeit halt immer so, wie es sie gerade braucht.
Was nicht heißen soll, dass in Bremens Messehallen keine Stimmung herrschte.
Sie ist nur weder Volksfest noch Sport-Event-Stimmung: Der Robocup 2006 fühlt sich genau so an, wie man das erwarten kann. Uni-Informatikerszene trifft auf Entwickler-Messe. Das mitunter durchaus staunende Publikum bekommt eine Menge zu sehen, doch leider so gut wie nichts erklärt. Auch die Teams sind vollauf mit sich selbst beschäftigt, fallen dem Zuschauer schlimmstenfalls nur darum auf und auf den Wecker, weil sie die Sicht aufs Spielfeld versperren: Hier können die Veranstalter gern noch etwas dazulernen, wenn man den Wettbewerb schon als Publikumsevent, für den man Eintritt zahlt, anpreist. Der Trip in die Messehallen lohnt sich trotzdem, gerade am Wochenende, wenn dank der Finalspiele die Stimmung hochkocht.
Darum geht es
Hier also der Schnellüberblick für RoboCup-Anfänger: In verschiedenen Ligen konkurrieren Teams von Entwicklern miteinander und versuchen, autonom und ohne Fernsteuerung agierende Roboter dazu zu bringen, mit Erfolg Fußball zu spielen. Klinsmann weiß, wie schwer das ist, spezialisierte Individualisten mit eingeschränkter Wahrnehmung der Welt zu einem Team zu verschweißen, das dann noch etwas Sinnvolles zustande bekommt.
Darum geht es also, und die Erfolge in den verschiedenen Ligen sind sehr unterschiedlich. Die packendsten Duelle bekommt man bei den rasenden Keksdosen der Small Sized League und den rollenden Tönnchen der Middle Sized League zu sehen. Da ist inzwischen richtig Dynamik drin, man sieht echtes Stellungsspiel, gelungene Pässe und sehr gezielte Angriffe aufs Tor. Schade, dass Roboter, die aussehen wie Keksdosen, Kisten oder Tonnen, das breite Publikum nur schwer locken können.
Das tun vor allem die Hunde, die Kinder- wie Managerherzen weich werden lassen. Sie feckeln ganz herzallerliebst, und manches Team hat durchaus fussballerische Ansätze zu zeigen. Die meisten jedoch spielen wie Dreijährige, denen man ein Auge zugeklebt hat: Sie suchen den Ball, und wenn sie ihn finden, stürmen sie drauflos. Und zwar alle.
Das resultierende Kuddelmuddel hat durchaus Unterhaltungswert: "Ne, sind die süß!" prustet da ein Mädchen im Publikum, "und so dooooof!"
Das allerdings ist unfair, denn die intellektuelle und technische Leistung hinter all den Wettbewerben, den Tanzvorführungen und den Rettungsroboter-Demonstrationen, den Lego-Battles des RoboCup-Nachwuchses, ist nicht ohne.
Selbst Dinge, die wie reine Spielerei wirken, sind anspruchsvoll. Regelrecht baff verfolgen Jugendliche in der Simulation League, wie rasend schnell sich da zwei Computerprogramme gegenseitig ausspielen. Das ist alles andere als trivial, und selbst Laien spüren das und sind beeindruckt.
So wie Connor und Kevin, zwei 13-Jährige, die zum ersten mal einen Robocup erleben, so wie der 19-Jährige Tejes, der den Weg aus Indien eigentlich wegen der "echten" WM gemacht hatte, mangels Tickets aber beim Robocup landete. "Cool", findet Connor die Roboter, und Kevin pflichtet bei: "Vor allem die Hunde!"
Hängen bleiben jedoch nicht zuletzt die Eindrücke von den zahlreichen Lego-Wettbewerben, wo sich Schulklassen und Informatik-AGs aus aller Welt miteinander messen. "Der", verrät Kevins Vater Thomas beim Abschied, "will jetzt auch einen konstruieren."
Gut so, denn auch darum geht es.
Fotos: T. Quint
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