Internetblase reloaded
Die Mär vom Geschäft mit Web 2.0
Von Helmut Merschmann
"Web 2.0" ist in aller Munde, doch nur wenige werden davon satt. Als neues Geschäftsmodell taugt es nur bedingt - am ehesten noch für Berater, die das Mitmach-Internet geschickt auf Konferenzen hochjazzen.
Fast herrscht Begeisterung wie zur Jahrtausendwende. Die gleichen Vokabeln werden gezückt. Mit dem Schlagwort "Web 2.0" hat die Stimmung im Netz zur alten Hochform zurückgefunden. Von Paradigmenwechsel, Personalisierung und Partizipation ist die Rede, von der "Neuerfindung des Internet" - und von neuen Geschäftsfeldern für Jedermann.
Video-Plattform YouTube: Pannenshows und Colaflaschen
Angesichts der Millionen User, die sich auf Plattformen wie MySpace, FlickR und YouTube tummeln, wo sie ihr Recht auf Selbstdarstellung ausleben und für hohe Klickraten sorgen, kommt Freude auf. Unzählige neue Websites, die sich der kollaborativen Möglichkeiten des Internet bedienen, sind in den letzten Jahren entstanden. Als "Nutzbarmachung der kollektiven Intelligenz", hat Tim O'Reilly, Chef des gleichnamigen Computerbuchverlags, den neuen Spirit beschrieben. Manche sprechen auch vom "Aal-Prinzip": Andere arbeiten lassen.
Seit der ersten, von O'Reilly ins Leben gerufenen Web 2.0-Konferenz 2004 in San Francisco, wird der Marketing-Begriff heftig ventiliert. Dabei steckt hinter "Web 2.0" nichts anderes als die Erkenntnis, dass das Internet schon immer auch ein sozialer Raum gewesen ist und keineswegs bloß ein Marktplatz. Man bloggt, podcastet und postet Fotos und Videos, man knüpft Geschäfts- und Partnerkontakte, tauscht Empfehlungen und gute Ratschläge aus.
Das Aal-Prinzip: Andere arbeiten lassen, selbst kassieren
Und weil die User lieber ihresgleichen vertrauen, als einem anonymen Großunternehmen, setzen diese wiederum alles daran, aus der Glaubwürdigkeit existierender Communitys Profit zu schlagen. Wie das geht, versuchen Fachtagungen wie der Ende Mai stattgefundene "Hamburger Dialog" oder der letztwöchige "
Forward2Business"-Kongress in Halle (Saale) zu vermitteln. Auch der am heutigen Mittwoch in Berlin tagende "Deutsche Multimedia Kongress" tanzt die digitale Wirtschaft und das Web 2.0.
Selten ist auf solchen Veranstaltungen Konkretes zu erfahren. Wer auf welche Weise am Web 2.0 verdienen kann und wie die neuen Erlösmodelle - so es denn welche gibt - aussehen, bleibt im Ungefähren. Entweder regnet es Allgemeinplätze und dann ist diffus von Credibility, Netzwerk-Effekten und einer Tauschkultur die Rede, der sich Unternehmen, um erfolgreich zu sein, sensibel anpassen müssten. Oder jedem wird in Aussicht gestellt, als "Mini-Preneur" von der neuen Mikro-Ökonomie profitieren zu können.
WEB 2.0: MITMACH-PLATTFORMEN UND SOZIALE NETZWERKE
Facebook, Myspace und Co - die bekanntesten sozialen Netzwerke und Mitmach-Plattformen im Überblick.
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach
eigenen Angaben hat Facebook derzeit 175 Millionen aktiver Mitglieder weltweit.
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Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Das Netzwerk hat laut Betreiber knapp 5,8 Millionen Nutzer.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Ende 2008 hatte Xing 6,5 Millionen Mitglieder, etwa eine halbe Millionen Nutzer haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme.
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später finanzierten StudiVZ vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007
übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net
nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer.
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MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über hundert Millionen registrierten Nutzern. Wie auch
Facebook.com,
Xanga.com oder
Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
StudiVZ ist eine deutsche Studenten-Community, die Facebook ähnelt.
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Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten citizen journalism: Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten. Als deutsches Flickr-Pendant versucht sich zum Beispiel
Photocase.
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YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei
Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind
Metacafe.com,
Vimeo.com und
ClipShack.com. Auch
Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio- und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie
Eyespot.com und
Jumpcut.com - dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen. Deutschsprachige Varianten von Youtube sind etwa
MyVideo und
FMarket. Eine Kombination aus Flickr und YouTube bietet
Sevenload.
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Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei
Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Web-Adressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert.
Mr Wong ist eine deutsche del.icio.us-Variante.
Ursprünglich auf Technologie-Nachrichten spezialisiert war
digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite. Eine deutsche Variante von Digg heißt
Yigg.
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Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten eigenen Angaben inzwischen etwa 3,4 Millionen Nutzer.
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Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit - Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (
Google Blog Search) - mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen.
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Mashups sind Multimedia-Collagen wie Video-Zusammenschnitte - oder aber Internetseiten, die durch das vermischen, verknüpfen oder neu konfigurieren vorhandener Inhalte entstehen. Häufig werden beispielsweise
Ortsinformationen aus Google Maps mit anderen Inhalten, etwa Lexikon- oder Branchenbucheinträgen verknüpft. Auch
Flickr und
del.icio.us sind beliebte MashUp-Zutaten. Viele Web-Unternehmen stellen Hobbyentwicklern für solche Projekte sogar ihre
"application programming interfaces" (APIs) zur Verfügung.
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Blogs oder Weblogs sind oft von Privatleuten geführte Internet-Publikationen. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben.
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Erfolgreiche - aber singuläre - Beispiele gibt es ja zuhauf: Eine Leipziger Kleinfamilie setzt mit Handy-Schutzfolien, die sie auf Ebay vertreibt, zwei Hundert Tausend Euro pro Quartal um. Die englische Band "Arctic Monkeys" schaffte es allein durch Mundpropaganda in Blogs auf Platz eins der britischen Charts und stellte Superstar Robbie Williams in den Schatten. Und RTL ließ sicher ein paar hundert Euro für das erste Foto des bayerischen Braunbären Bruno springen, das mit einem Handy aufgenommen wurde.
Ob es allerdings von "
Scoopt" vermittelt wurde, einer neu gegründeten Bildvermarktungsagentur für Amateur-Schnappschüsse, ist nicht überliefert. Derweil Gründungsideen aus dem Boden sprießen wie weiland beim Web 1.0, ist eine Marktbereinigung - auch dies nicht ganz unbekannt - bereits in Sicht.
Geld zahlen für Homevideos vom Nachbarn?
"Alle Geschäftsmodelle betrifft gleichermaßen, dass es zu einer Konsolidierung kommen wird", schätzt Florian Koch, Bereichsleiter Digitale Medien und E-Dienste beim
Branchenverband Bitkom, die gegenwärtige Situation ein. "Zunächst gibt es einen Neuigkeitseffekt. Aber letztlich wird der Kunde zwischen dem Neuen und dem wirklichen Nutzwert, für den er zu zahlen bereit ist, trennen."
Dass User-generated-Content ein profitables Geschäft werden könnte, erscheint dabei wenig aussichtsreich. Wer wollte bei YouTube für ein Video, in dem jemand eine anderthalb Liter Flasche Cola auf ex leert, Geld ausgeben? Sicher wird es ganze Shows aus Zuschauervideos nach dem Muster von "Upps! - Die Pannenshow" beim IPTV mit seinen tausend digitalen Fernsehkanälen geben. Doch eine profitable Einnahmequelle für Amateurfilmer verspricht das kaum.
Als weitere Erlösquelle im Web 2.0 fällt häufig das Stichwort Premium-Content. Dabei sollen User, um an besondere Inhalte zu gelangen, einen Obolus entrichten. Premium-Content setzt ein kostenfreies Grundangebot voraus, von dem sich die Premium-Marke qualitativ abhebt. Superneu will das nicht gerade erscheinen.
Und ob die sprichwörtliche Zurückhaltung der Nutzer bei Bezahlinhalten im Internet nun überwunden wird, kann keineswegs als ausgemacht gelten. Bei der Fotocommunity FlickR, die seit der Übernahme durch Yahoo! einen Premium-Account anbietet, sobald mehr als 20 Megabyte Bilder pro Monat hochgeladen wurden, könnte dies qua Macht der Marke funktionieren. Vielleicht aber wandern die User auch auf andere Plattformen ab, wo es dasselbe für lau gibt.
Der Kampf um Aufmerksamkeit
Der einträglichste Weg im Internet zu Geld zu kommen, ist ebenfalls ein alter Hut: Er besteht aus Werbung. Kontextsensitive Werbung, die via Googles AdSense auf Webseiten platziert wird, soll selbst Bloggern ihre Unkosten refinanzieren. Vorausgesetzt es herrscht ein bisschen Traffic auf den Seiten.
Richtig profitabel wird es allerdings erst für Portale, wo Hunderttausende sich tummeln und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einem Werbelink folgt, schon rechnerisch sehr hoch ist. "Der Kampf um Aufmerksamkeit scheint mir zentral als Bedingung für künftige Geschäftsmodelle", erläutert Willi Schroll, Analyst beim
Essener Zukunftsforschungsinstitut Z_punkt, "die Masse macht's".
Schroll hatte beim forward2business-Kongress die "neuen Märkte im Web 2.0" vorgestellt und wenig Zweifel daran gelassen, dass es auch bei partizipativen Plattformen um Marktführerschaft geht. Ist erst eine kritische Masse erreicht, kann das Geschäft beginnen.
Die Pfründe indessen sind auch im "Web 2.0" längst verteilt. "Die Großen - Ebay, Amazon, Google - mit ihrer Marktmacht und den verästelten Netzwerken fragmentieren Marketing und Shopping in ganz viele atomisierte Microshops", sagt Schroll. "Die Betreiber müssen sich um nichts kümmern, sondern nur noch Umsatz machen. Und die Großen bedienen sich dieser vielen kleinen Ameisen." Und sie verdienen am Aal-Prinzip kräftig mit.
Korrektur: Bei einem FlickR-Gratisaccount können bis zu 20 Megabyte Fotos hochgeladen werden - und zwar jeden Monat neu. Im Text stand, dass es eine absolute Grenze von 25 Megabyte gibt. Dies ist jedoch falsch.