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15.08.2006
 

Digitalfotografie

Automatisch schön gerechnet

Von Frank Patalong

Es gibt Menschen, die gefallen sich selbst auf keinem Foto. Tommer Leyvands Software könnte das ändern: Der israelische Forscher hat ein Programm entwickelt, das Gesichter optimiert. Was bei Titelbild-Schönheiten der Grafiker erledigt, schafft nun der Rechner ganz automatisch.

Wer kennt das nicht? Da ordnet man seine Haare, zupft die Kleidung zurecht, setzt das schönste Lächeln auf - und was kommt dabei heraus? Eines der üblichen Käse-Fotos, auf denen man aussieht, als hätte man die letzten 19 Tage schlaflos in einem Schlauchboot im Nordatlantik verbracht. Entweder, Kameras sind doch keine geeigneten Werkzeuge zum Festhalten der Wirklichkeit, oder aber die unterscheidet sich deutlich von dem, was wir so wahrnehmen - oder wie wir sie uns wünschen.

Auch Profis können davon ein Lied singen. Seit den Anfangstagen der Fotografie retuschieren sie nach Kräften, um die abgelichteten Gesichter dem erwünschten Ideal ein wenig näher zu bringen. Auch Supermodels, das ist verbrieft, erkennt man auf der Straße selten, wenn ihre Gesichter nicht geschminkt und retuschiert sind: Titelfoto-Schönheiten gibt es nicht, sie entstehen in Maske und Labor.

Wenn es allerdings nach Tommer Leyvand und seinem Team von der Universität Tel Aviv geht, ist das bald nicht mehr nötig. Basierend auf Forschungen über die Kriterien von Schönheit entwickelte die Gruppe einen Algorithmus, mit dessen Hilfe sich Gesichter "optimieren" lassen. Eine kommerzielle Anwendung als Software zur digitalen Bildbearbeitung dürfte kaum lang auf sich warten lassen.

Bemerkenswert ist Leyvands Software vor allem, weil sie die Fotos zwar deutlich, aber nicht zu sehr verändert: Die Eingriffe zielen auf einen Kompromiss zwischen dem gegebenen Gesicht und einer Idealsymmetrie, die zwar als attraktiv, aber auch als unnatürlich wahrgenommen wird. Leyvands Software beschränkt sich darum darauf, hier einen Winkel in Richtung Ideal zu verändern, dort eine Proportion (beispielsweise von Stirn oder Wangenknochen) leicht zu verändern. Anders als bei krassen Retuschen bleibt die fotografierte Person darum erkennbar.

Anfang August stellte Leyvand eine zweite Version seiner Software auf einer Konferenz in Boston vor. Die kommt einer kommerziell verwertbaren Version schon sehr nahe: Sie gibt dem Anwender die Möglichkeit, den Grad der Veränderungen zu bestimmen und zu korrigieren, bestimmte Aspekte im Rahmen der Bearbeitung zu betonen, andere unverändert zu lassen. Denn der reine Automatismus ist mitunter doch nicht sinnvoll: Gerade, wenn es um Menschen geht, die man gut kennt, erklärt Leyvand gegenüber SPIEGEL ONLINE, mag man sich dazu entscheiden, "die Originallippen zu behalten" (siehe Bildergalerie).

Erste Nutzanwendungen sieht Leyvand dort, wo solche Techniken schon seit langem, aber aufwendiger und nicht nach wissenschaftlichen Kriterien optimiert geschehen: In der Werbe- und Modellfotografie. Die Prognose, dass manches Familienalbum bald von Topmodels bevölkert sein dürften, ist aber wohl kaum gewagt.

Interessant sind jedoch die Reaktionen der plötzlich sehr, sehr fotoscheuen Kollegen, als es darum geht, Probanden für eine "Verschönerung" zu finden: Nur mit Mühe finden sich vier Helden der Arbeit, die dazu bereit sind, Fotos beizusteuern, die mit der Software "optimiert" werden sollen. Einen möglichen Grund dafür erfasst meine 14-jährige, MTV-geschulte Tochter sofort: "Cool", sagt sie, "dann kann man ja am Rechner ausprobieren, was man in seinem Gesicht operieren lassen sollte!"

Dass man aber genau daran gar kein Interesse haben könnte, wird die Verwertungsmöglichkeiten der Software auch in dieser Richtung wohl kaum einschränken. Leyvands Software, demnächst auch beim Chirurgen Ihres Vertrauens?

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