Von Frank-Oliver Grün
Manchen Entwicklungen folgt eine schwere Geburt. Das hoch auflösende Fernsehen in Deutschland war so eine. Streng genommen gehen Sender und Hersteller seit 20 Jahren schwanger mit dem Gedanken, HDTV einzuführen. Der letzte große Versuch – während der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona – scheiterte, weil es keine Empfangsgeräte für den damaligen Standard HD-MAC gab. Nur wenige Eingeweihte konnten seinerzeit das von video veranstaltete "Public Viewing" im Stuttgarter Redaktionshaus miterleben.
Experten der ersten Stunde wie Eckard Matzel vom ZDF sind mittlerweile froh, dass aus HD-MAC nichts geworden ist: "Das Verfahren basierte auf analoger Technik und würde uns heute viele Probleme bereiten." Denn HDTV ist fest mit dem Digitalfernsehen verknüpft. Erst die datenkomprimierte Übertragung digitaler Programme machte im Kabel und auf dem Satelliten genug Kapazität frei für neue Kanäle mit hoher Auflösung.
Am 26. Oktober 2005 war es soweit: Der bayerische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber, ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch und der Präsident der Bayerischen Landesmedienzentrale, Dr. Wolf-Dieter Ring, drückten gemeinsam den roten Knopf. Auf den Münchener Medientagen starteten ProSieben und Sat.1 die Ausstrahlung ihrer HD-Programme via Satellit.
HDTV im zweiten Anlauf
Doch wieder einmal konnte niemand zusehen.Weil die nötigen Empfangsgeräte fehlten, sendeten die Privaten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch Bezahlsender Premiere, der für den 19. November drei HD-Kanäle angekündigt hatte, musste mangels Set-Top-Boxen den Start auf 3. Dezember 2005 verschieben. Während der ersten Wochen konnte Pace von seinem HD-Empfänger DS 810 KP nur Stückzahlen im "unteren vierstelligen Bereich" liefern.Erst mit Markteintritt des zweiten Herstellers, Humax, entspannte sich ab Februar 2006 die Lage.
Dann kam die Fußball-WM, und mit ihr die echte HDTV-Begeisterung. Zuschauer im ganzen Land ließen sich auf Großleinwänden und in Premiere-Sportsbars vom Spiel der Nationalelf mitreißen. Der Pay-TV-Anbieter übertrug alle Begegnungen der WM in HDTV und gab dem viel zitierten zwölften Mann nicht nur ein Gesicht – sondern gleich tausende: Die Fans auf den Rängen waren keine johlende Masse mehr, sondern plötzlich einzeln auf dem Bildschirm zu erkennen.
HD Ready boomt
Die Vorteile sprachen sich herum. Und wenn schon nicht jeder TV-Käufer gleich hochauflösendes Fernsehen empfangen wollte, so sollte sein neues Gerät zumindest darauf vorbereitet sein. Zwischen Januar und August stieg die Zahl der verkauften HD-ready-Displays in Deutschland von 500.000 auf das Dreifache. Bis Jahresende rechnet die Gesellschaft für Konsumforschung GfK mit mehr als zwei Millionen Geräten im Markt. Deutschland führt im Europavergleich vor Großbritannien, Frankreich und Spanien. Rund 70 Prozent aller Flat-TVs, die neu über den Ladentisch gehen, tragen ein HD-ready-Logo.
Weil HD-taugliche Flachbild-Monitore teurer sind als Röhrenfernseher, profitiert die Geräteindustrie von diesem Boom: "Der Durchschnittspreis aller verkauften Fernsehgeräte in den zehn westeuropäischen Ländern ist um 23,5 Prozent gestiegen", verkündete Hans-Joachim Kamp, Vorsitzender des Fachverbands Consumer Electronics im ZVEI, kürzlich auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin.
Auch die Prognosen sehen gut aus: Marktforschungsinstitute wie Euroconsult in Paris rechnen mit 20 Prozent HD-ready-Haushalten in Europa bis 2010 – die Hälfte davon soll dann bereits HDTV empfangen. Den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten reicht diese Quote nicht. Sie haben errechnet, dass sich ein regelmäßiges HD-Programm für sie erst ab der doppelten Zuschauerzahl lohnt. Kritiker halten diese Schwelle für zu hoch, zumal in Deutschland sieben Jahre nach Einführung des Digitalfernsehens noch nicht einmal 20 Prozent aller Zuschauer ihr Programm auf digitalem Weg empfangen.
Und die Programme?
Angesichts dauernder Gebührendebatten zögern ARD und ZDF jedoch. Niemand soll auf die Idee kommen, sie würden mit der ab Januar 2007 geltenden Computerpauschale ihr HDTV-Engagement finanzieren. Allerdings hat ZDF-Produktionsdirektor Andreas Berecky mehrfach betont, die Olympischen Spiele 2008 in Peking könnten "ein günstiger Termin" für den Einstieg in HDTV-Übertragungen sein. Bis dahin müssen andere für die nötigen Programm-Anreize sorgen.
Leider ist Premiere mit den Bundesligarechten gerade ein Zuschauermagnet abhanden gekommen. Der Bezahlsender kann nur noch über seine Kooperation mit T-Online Konsumenten mit schneller VDSL-Datenleitung einzelne Ligaspiele in HD zeigen. "40 000 unserer 3,5 Millionen Kunden haben Premiere HD abonniert", berichtet Unternehmenssprecher Michael Jachan. Diese Zahl lässt sich nur mit spannenden Inhalten weiter steigern. So präsentiert Premiere an zwei Oktober-Wochenenden alle sechs Filme der "Star Wars"-Serie in extra scharfen Bildern.
Satelliten-Betreiber Astra sieht HDTV vor allem als Chance für Spartensender. Eben erst hat die ProSiebenSat.1-Gruppe von der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) fünf neue Lizenzen für Spartensender erhalten. Ob HD-Kanäle darunter sein werden, muss sich zeigen. Programmkonzepte stehen noch aus."Wir sind gerade damit beschäftigt, eine Infrastruktur aufzubauen", so Konzernsprecherin Katja Pichler.
Branchenkenner erwarten, dass diese Infrastruktur auch zur Verschlüsselung der Kanäle dient. RTL und MTV haben bereits angekündigt, ihr normales Programm ab 2007 über die Abo-Plattform Entavio von Astra auszustrahlen. Satelliten-Zuschauer, die einen der verschlüsselten Sender empfangen wollen, brauchen dann eine spezielle Set-Top-Box und eine Smartcard für 3,50 Euro im Monat.
Neue Fernseh-Welt
Diese Entwicklung dürfte auch Auswirkungen auf HDTV haben – nur welche, darüber streiten sich die Experten. Während manche glauben, dass eine Grundverschlüsselung die Zuschauer zurück in die Arme des frei empfangbaren Analogfernsehens treibt, hoffen andere, dass sich mehr für HDTV entscheiden,wenn schon das normale Privatfernsehen Geld kostet.
Auch die DVD-Nachfolger HD-DVD und Blu-ray könnten zusätzliche Begeisterung für hochauflösende Bilder wecken – falls sie nicht mit ihrem Formatstreit die Käufer verunsichern und genau das Gegenteil bewirken. Denn wenn es stimmt, dass die ersten drei Jahre im Leben eines Kindes über seine Zukunft entscheiden, dann sind jetzt die Erzeuger gefordert. Sie haben die Kinderkrankheiten der vergangenen Monate erfolgreich gemeistert. Die Technik funktioniert, und die ersten Programme sind da. Aber noch ist HDTV nicht aus dem Gröbsten heraus.
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