Von Olaf Kanter und Simon Norfolk (Fotos)
Auch die amerikanischen Verwandten von der National Security Agency (NSA) unterhalten einen Posten auf der Insel, was die USA jedoch nie offiziell bestätigen. Die Bewohner von Ascension, die entweder im Dienst des Militärs, der Raumfahrt oder Kommunikationsbranche stehen, sehen die verschiedenen Geheimhaltungsstrategien pragmatisch. Jeder hier, sagen sie, kennt natürlich die 100 Sender und Empfänger auf der Insel und auch ihre offizielle Bestimmung. Aber ob alle wirklich nur das tun, was dran steht?
Besucher möchten Verschwörungstheorien von globalen Spionagesystemen mit Sitz auf Ascension sofort glauben, wenn sie auf der Insel auf eine der vielen Sperrzonen stoßen. "RF hazard. Do not enter without permission" heißt es auf ungezählten Warnschildern. RF steht für "radio frequency", also die elektromagnetische Strahlung, die von Hochfrequenzantennen ausgeht; "hazard" weist auf das nicht unerhebliche Risiko für diejenigen hin, die im Bannkreis dieser Technik wandern, denn sie wirkt auf den menschlichen Körper wie ein Mikrowellengerät: Wer ihr zu nahe kommt, muss mit inneren Verbrennungen und im Extremfall mit dem Tod durch Hitzschlag rechnen.
Bestimmt ist auch die Konzentrierung dieser Technik ein Grund, warum die Briten Ascension nicht in die Unabhängigkeit entlassen wollen – und überhaupt kein reguläres ziviles Leben auf der Insel zulassen. Niemand kann Grund erwerben oder besitzen, niemand erhält ein unbefristetes Aufenthaltsrecht; jeder ist nur so lange auf der Insel geduldet, wie der Vertrag es vorsieht, und das ist ein Umstand, den die Bewohner längst nicht so stoisch ertragen wie Antennen oder Agenten in geheimer Mission. Nach 40 Jahren Dienst auf Ascension hier auch den Ruhestand genießen? Das ist nicht vorgesehen, sorry.
Luftbrücke
Wichtiger als Triebfeder ist die strategische Bedeutung der Insel. Von einem Moment auf den nächsten kann London den Schalter umlegen – von friedlicher Hege des Antennenwalds zur Unterstützung im militärischen Konflikt. Via Ascension kann England jeden Ort am Südatlantik erreichen – was die Argentinier offenbar nicht bedenken, als sie Anfang April 1982 die Falklandinseln in Beschlag nehmen. London ist weit, 13.000 Kilometer; bis die Flotte eine solche Strecke bewältigt hat, glaubt man sich bestens für den Gegenschlag gerüstet. Nur: Mit einem Zwischenstopp schrumpft die Distanz zum machbaren Flug. Am 30. April starten britische Tankflugzeuge und Bomber zur Operation "Black Buck"; die Rückeroberung der Falklands beginnt auf Ascension.
Als João da Nova und Afonso de Albuquerque die Insel vor 500 Jahren entdecken, können sie nicht ahnen, dass Nachrichten einmal durch Drähte surren oder Menschen binnen weniger Stunden über den Atlantik fliegen. Ein Sprungbrett in die Neue Welt? Dazu ist der Anlauf für sie viel zu weit. Erst als Ingenieure und Politiker im Zeitalter von Dampfmaschine und Telegraf beginnen, in transatlantischen Dimensionen zu denken, rückt die Insel ins Licht der Aufmerksamkeit. Heute, da Entfernungen kaum noch eine Rolle spielen, ist den Besitzern und Besatzern der Insel weit hinter unserem Horizont nur recht, dass der Rest der Welt Ascension eigentlich schon wieder vergessen hat.
Olaf Kanter, Jahrgang 1962, ist mare-Redakteur für Wirtschaft und Wissenschaft. Simon Norfolk, 1963 im nigerianischen Lagos geboren, hat in Oxford und Bristol Soziologie und Philosophie studiert, ehe er sich der Fotografie verschrieb. Aus Ascension berichtet er: „Es wimmelt von Spionen. Im Nachttisch meines Hotelzimmers fand ich keine Bibel – sondern die Biografie des britischen Doppelagenten Anthony Blunt.“
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