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26.03.2007
 

Zattoo

Kostenlos-TV kommt ins Netz

Von Christoph Seidler

Zattoo heißt ein preisgekröntes Internetprojekt aus der Schweiz. Der Anbieter aus Zürich will Konkurrenten wie Joost den Rang ablaufen - indem er das ganz normale Fernsehprogramm live ins Netz stellt. Im Sommer soll die eidgenössische Gratis-Glotze auch in Deutschland an den Start gehen.

So richtig kommen Beat Knecht und Sugih Jamin mit dem Zählen nicht nach. Doch so ungefähr 265.000 Schweizer müssen es nach ihrer Rechnung wohl sein, die Zattoo inzwischen auf ihrem Rechner haben. Rund 70 Prozent davon, so sagt Sugih Jamin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, nutzen das Programm regelmäßig – und erleben damit ganz nebenbei die mögliche Zukunft des Fernsehens.

Zattoo: Fernseh-Fensterchen für den Nachrichtenjunkie
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Zattoo: Fernseh-Fensterchen für den Nachrichtenjunkie

Im Prinzip lässt sich Zattoo genauso bedienen wie ein Fernseher mit Kabelanschluss. Die Software transportiert das TV-Programm ohne größere Spielereien ins Netz: Zu sehen gibt's mit einer 20-sekündigen Verspätung, was gerade im TV läuft. Zeitversetztes Fernsehen oder gar das digitale Mitschneiden von Sendungen ist nicht möglich.

Zattoo ist also eine Software-Alternative zum DVB-T-Stick, der digital terrestrisches Fernsehen auf den Laptop holt - und zu den zersplitterten und uneinheitlichen Netz-TV-Angeboten der Fernsehsender selbst. Die aktuelle "Tagesschau" kann man auch auf den Seiten der ARD sehen - über Zattoo kommt sie aber (fast) live. Und wenn darin über ein aktuelles Großereignis berichtet wird, kann man mit einem Klick auf CNN umschalten und sich dort vor-Ort-Berichterstattung ansehen. Für Nachrichtenjunkies, die ohnehin den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen, könnte sich das kleine Fernseh-Fensterchen zum ständigen Begleiter entwickeln.

So ist Zattoo im Schatten des mit viel Medienecho bedachten Konkurrenten Joost (früher bekannt als "The Venice Project") zum wohl interessantesten Internet-TV Europas herangewachsen. Das Technik-Magazin "Red Herring" adelt die Software heute deshalb auch mit dem Red Herring 100 Award, der in früheren Jahren auch an Firmen wie Skype, Ebay oder Google ging.

Es gibt nichts zu konfigurieren

Einmal installiert, bietet Zattoo kostenlosen Zugriff auf derzeit 41 Fernsehstationen, unter ihnen zum Beispiel ARD, ZDF, Pro7, Sat1, RTL und CNN. Weil auch Internationales wie die italienischen Rai-Sender dabei sind, könnte sich das Angebot zum mobilen Heimat-Anker für Laptop-Reisende entwickeln.

Zattoo muss nicht konfiguriert werden, genau genommen kann es noch nicht einmal konfiguriert werden. Das Programm nimmt alle Einstellungen automatisch vor, um es dem Nutzer so einfach wie möglich zu machen.

Zattoo basiert auf der peer-to-peer-Technologie (P2P), die aus Musiktauschbörsen bekannt ist – und die auch bei konkurrierenden Netz-TV-Angeboten wie Joost oder Babelgum zum Einsatz kommt. "Unsere Technologie wurde von Anfang an auf Live-Videostreaming ausgelegt", erklärt Sugih Jamin. Statt von einem Zentralcomputer kommen die Video-Informationen der Zattoo-User also von den Rechnern der anderen Nutzer, die zur selben Zeit dasselbe Programm sehen.

Dabei muss die Weiterverteilung extrem schnell laufen, denn nur zwei bis drei Sekunden des Videosignals werden jeweils gespeichert. Besonders flüssig läuft Zattoo, wenn sich im Netzwerk mehrere Leute aus derselben Umgebung finden: "Wir versuchen, den Content von Nutzern in der unmittelbaren Nähe zu bekommen", erklärt Sugih Jamin. Im Idealfall kommen die "Desperate Housewives" also vom Kollegen am Schreibtisch gegenüber – und nicht über einen langen Weg durch ganz Deutschland.

Expansion in großen Schritten

Die Standard-Downloadgeschwindigkeit bei Zattoo liegt bei 400 KB pro Sekunde. Das heißt, das Programm sollte an normalen DSL-Anschlüssen problemlos laufen. Im Test von SPIEGEL ONLINE kam es allerdings manchmal zu kürzeren Aussetzern bei Bild und Ton. Diese Probleme sollen angeblich verschwinden, sobald genügend User im deutschen Zattoo-Netz sind.

Entwickelt wurde die Technologie hinter Zattoo an der University of Michigan in Ann Arbor. Ursprünglich sollte es als Basis für ein professionelles Videokonferenz-System dienen. Zur Vermarktung des Ganzen tat sich Suigh Jamin, Amerikaner mit indonesischen Wurzeln, vor knapp zwei Jahren mit dem Schweizer Beat Knecht zusammen. Und so hat die Firma hinter Zattoo heute zwei Firmensitze: einen in Michigan und einen im Züricher Vorort Oerlikon. Insgesamt arbeiten derzeit rund 20 Menschen an dem Projekt.

Diese Zahl dürfte schon bald wachsen. Denn Zattoo expandiert mit großen Schritten. In diesen Tagen geht der Dienst, der bisher auf die Schweiz begrenzt war, in Großbritannien an den Start. In den ersten Apriltagen soll dann Dänemark folgen. Auch Frankreich, Spanien und Österreich stehen für die nächste Zeit auf der Agenda.

Deutschland-Start schon in wenigen Monaten?

Für Deutschland verspricht Firmengründer Beat Knecht einen Start zum 1. Juni. Derzeit, so sagt er, handle man die nötigen Verträge mit den Programmanbietern aus. Besonders die Vereinbarung mit den öffentlich rechtlichen Programmen ARD und ZDF werde "bahnbrechend" sein. Die ARD hielt sich auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu einem möglichen Vertrag mit Zattoo allerdings bedeckt.

Die Expansion von Zattoo ist juristisch kompliziert, weil das Netz-Fernsehen für jedes Land gesonderte Lizenzverträge mit den Programmanbietern aushandeln muss. Denn eine Verbreitung der Programme im Netz ist nur mit deren Zustimmung möglich – und die kostet Zattoo außerdem eine Stange Geld. Wie viel genau, das wollen die Firmengründer nicht sagen. Beat Knecht verrät nur so viel: Im Prinzip bewegten sich die Zahlungen im Bereich dessen, was klassische Kabelfernseh-Anbieter für die Verbreitung der Programme zahlten.

Im Moment lebt Zattoo noch vom Geld der ersten Investoren. Doch schon bald soll Werbung Geld in die Kassen bringen. Sie soll immer dann für einige Sekunden eingeblendet werden, wenn der Nutzer die Sender wechselt. In zwei Wochen, so sagt Beat Knecht, sollen die ersten Spots laufen.

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