Von Simone Schmid und Ole Reißmann
Adieu Satellitenschüssel, bye-bye Decoderbox: Das Fernsehen der Zukunft kommt aus dem Internet und sieht verdammt gut aus. So pfeifen das die Spatzen von den Dächern, so geistert es seit Monaten durch die Medien.
Im Sommer 2007 gehen gleich eine ganze Reihe von Internet-TV-Diensten an den Start, angefangen von den eigenen Versuchen zahlreicher Sender (BBC, ARD, ZDF, RTL etc.) über Distributionsdienstleister wie Zattoo (der u.a. das Programm der halben deutschen TV-Landschaft live verstreamt) bis zu einer Unzahl an TV- und Video-on-demand-Diensten (von Amazon über BitTorrent bis Warner Brothers).
Kein Projekt aber erntete soviel Vorschusslorbeeren, weckte und weckt so viel Neugier wie Joost, vormals geheimnistuerisch und dramatisierend als "Venice Project" beworben. Joost verspricht den direkten Zugriff auf unzählige Sendungen und Programme, zu jeder Zeit, wann immer man will – und es ist kostenlos. Noch vor dem Sommer soll es richtig losgehen, bis dahin wird Joost von einer stetig wachsenden Schar Betatester unter die Lupe genommen.
Da wollten wir nicht fehlen: Doppelklick, Username, Passwort und schon startet die erste Sendung. Wir könnten jetzt still sitzen bleiben und einfach fernsehen. Doch die Versuchung mit dem schicken Menu zu spielen, ist größer und wir zappen uns gleich durch die rund 70 in Deutschland verfügbaren Kanäle - von Aliens über Fußball und Kochstudio bis zu Musikvideos. Jede Sendung können wir genau dann starten, wann wir es wollen.
Das Schönste daran: Das Bedienelement mit Funktionen wie bei einem DVD-Player. Es ist eine wahre Freude, die Sendungen anzuhalten, zurückzuspulen, Szenen noch einmal anzusehen und langweilige Passagen zu überspringen.
Die Macher
Joost ist das dritte große gemeinsame Projekt von Janus Friis und Niklas Zenström und soll nichts weiter als das Fernsehen revolutionieren.
Es gibt viele Menschen, die den beiden das durchaus zutrauen. Friis und Zennström sind berüchtigt dafür, mit geschickt ausgewählten Projekten ganze Branchen schlimmstmöglich zu erschüttern. Auf dem ersten Höhepunkt des P2P-Booms hoben sie die auf dem so genannten FastTrack-P2P-Netz basierende Börse KaZaA so rechtzeitig aus der Taufe, dass der Dienst passgenau zum Untergang der ersten von der Musikindustrie in Grund und Boden geklagten P2P-Marken zu deren Erbe avancierte. Bevor sie selbst juristisch völlig unter die Räder gerieten, verkauften sie die Firma.
Ein ähnlich gutes Gespür für Timing bewiesen sie mit Skype. Nachdem die erste Generation der Web-to-Phone- und Internet-Telefoniedienste entweder weitgehend vergessen, pleite oder von herkömmlichen Telekommunikationsfirmen geschluckt worden war, setzten sie Skype auf - und verbanden das Konzept P2P-Börse mit Voice-over-IP-Telefonie. Das gewinnversprechende Konzept brachte ihnen 2,6 Milliarden Dollar ein, als sie Skype an eBay verkauften.
Jetzt haben sie die TV-Landschaft im Visier, mit der dritten, wieder auf dem FastTrack-P2P-Prinzip fußenden Anwendung: Joost.
Lieber einfache Berieselung oder gezielter Abruf?
Bei Joost gibt es jede Menge Kanäle mit jeder Menge Sendungen. Wie praktisch, dass eine Suchfunktion zur Verfügung steht, mit der sich per Stichwort nach Sendungen fahnden lässt. Dreißig Kanäle sind zu Beginn unter "My Channels", unserer persönlichen Auswahl, eingetragen. Weitere Kanäle können über den "Channel Navigator" hinzugefügt werden.
Im Gegensatz zu Seiten wie youtube.com setzen die Joost-Macher dabei nicht auf die Kreativität ihrer Zuschauer und wenige Minuten dauernde Homevideos, sondern auf Qualität. Dazu werden Inhalte lizenziert und Kooperationen mit Medienunternehmen geschlossen. Die Finanzierung läuft über personalisierte Werbeclips. In unserer Testversion flimmert regelmäßig ein Drei-Sekunden-Spot in Magentarot vor den Sendungen.
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