Von Simone Schmid und Ole Reißmann
Noch ist das Angebot einigermaßen überschaubar. Den speziellen "Lassie"-Kanal nur mit Folgen der uralten Serie müssen wir natürlich sofort haben, danach fällt uns die Auswahl schon schwerer. Das Angebot ist in der Testphase leider alles andere als glamourös: Schlechte Kochsendungen, Mutproben für harte Jungs, abgelegte Serien und ein paar Independent-Filme versprechen zwar einige Stunden gute Unterhaltung, zur wahren Konkurrenz fürs Fernsehen taugt Joost jedoch noch nicht.
Joost braucht massentaugliche Ware. Ohne die wird das Projekt in netten, aber wenig lukrativen Nischen stecken bleiben und viele winzige Programme für noch kleine Zielgruppen senden. Nötig sind: Schicke Hollywood-Produktionen, die angesagten US-Serien und Nachrichtenprogramme – und Programme der lokalen Sender. Ob das deutsche Fernsehen Joost als neuen Vertriebskanal begreift oder vielmehr die digitale Konkurrenz fürchtet, wird spannend.
Bis zum Sommer, wenn Joost startet, soll das Angebot jedenfalls noch deutlich ausgebaut werden. Bekannt wurde ein Deal mit Viacom, der Joost erlaubt, Sendungen von MTV, VH1 und Comedy Central zu senden. Mit Serien, Dokumentationen und Spielfilmen möchte Joost ein vollwertiges Fernsehprogramm werden. Aus den bisher rund 70 Kanälen können dann leicht einige Tausend werden.
Geniale Funktionen, stabile Technik
Auch wenn manche Sendungen noch eher wie Platzhalter wirken: Die Funktionen sind schlicht genial, die Technik hinterlässt einen soliden Eindruck – auch wenn das Bild ab und zu noch etwas verpixelt ist. Meistens merkt man jedoch nicht, dass direkt aus dem Internet übertragen wird.
Die Benutzeroberfläche von Joost hat es in sich. Halbtransparent legen sich die schlichten Menus über das laufende Programm, flüssig lässt sich in der Auswahl blättern. Das sieht nicht nur unheimlich schick aus, sondern funktioniert auch so einfach und logisch wie bei einem iPod. Nachdem Joost installiert ist, geht es sofort los. Keine lästigen Einstellungen, keine komplizierten Befehle. Wer sich bisher mit knopflastigen Fernbedienungen für TV und ähnliches herumgeschlagen hat, wird die klare Benutzerführung von Joost auf Anhieb ins Herz schließen.
Natürlich kann mit Joost nicht nur ferngesehen werden. Mit einem Klick auf "My Joost" landen wir in einem Menu voller kleiner Zusatzprogramme. Eine Uhr lässt sich genauso ins Programm einblenden wie ein RSS-Newsreader, der etwa die aktuellen Schlagzeilen von Spiegel Online auf den Schirm zaubert oder den Posteingang von Google Mail. Mittels "Channel Chat" kann mit anderen Zuschauern zur laufenden Sendung gechattet werden.
Hinter Joost steckt ein Peer-to-Peer-Netzwerk. Für das Fernsehen auf dem Computer müssen trotz fortgeschrittener Videokompression mittels H.264-Codec riesige Datenmengen verschickt werden – viel zu teuer, wenn jeder Nutzer von einem zentralen Server die Daten bekommen müsste. Stattdessen wird jeder Nutzer von Joost selber zum Server. Dazu sind alle Sendungen in zehn Sekunden lange Schnipsel aufgeteilt. Ruft man eine Sendung ab, sucht sich Joost bei allen anderen Nutzern die entsprechenden Schnipsel zusammen. Nur falls die Schnipsel im gesamten Netzwerk nicht zu finden sind, muss auf den zentralen Joost-Rechner zugegriffen werden.
Fazit
Joost macht eine ganze Menge richtig. Das Programm ist einfach zu bedienen. Es hat den nötigen Sex-Appeal, um auch bei Techniknerds anzukommen. Und es verzichtet auf Vertragslaufzeiten und teure Zusatzgeräte. Toll, wenn erst die richtigen Programme drin sind. Hinter den Kulissen wird da schon eifrig gedealt: Schaun mer mal, demnächst auf unserem Desktop?
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