SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht in Wahrheit viel ruhiger geworden in den vergangenen Jahren? Der normale PC-Nutzer jedenfalls findet kaum mehr eine Viren-Mail im Postfach.
Kaspersky: Schon richtig, die Zeit der E-Mail-Viren ist vorbei. Was da im Umlauf ist, bekommt der Nutzer meist gar nicht mehr zu sehen: das filtern schon die Internet-Provider raus, den Rest erledigen Sicherheitsprogramme. Microsoft und andere setzen ja regelrechte Kopfgelder auf Viren-Autoren aus, und auch die Polizeibehörden arbeiten besser zusammen - für die Script-Kiddies ist der Spaß deshalb vorbei. Und die Technik-affinen Jugendlichen haben neue Hobbys gefunden. Die spielen jetzt lieber Online-Spiele.
SPIEGEL ONLINE: Also ist die Gefahr vorbei?
Kaspersky: Von wegen. Heute braucht niemand mehr eine E-Mail, um einen Virus in Umlauf zu bringen. Kriminelle verteilen ihre Viren über gekaperte Web-Seiten: Da reicht schon der Besuch, um den Rechner zu infizieren. Sie verbergen ihre Programme in Multimediadateien und bringen die über Social Networks in Umlauf. Sie hinterlassen Links in Gästebüchern oder bei Wikipedia, und wenn man darauf klickt, fängt man sich etwas.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Apple- oder Linux-Rechner sicherer sind?
Kaspersky: Nur, weil sie von den Cyber-Kriminellen bisher kaum beachtet wurden. Aber das kann sich ändern. Denn wenn sich kriminelle Programmierer erst einmal auf Apple- oder Linux-Nutzer stürzen, könnten die zur leichten Beute werden. Das Internet ist ein gefährlicher Ort, und Windows-Nutzer wissen, dass man eine Rüstung tragen sollte. Apple-Nutzer tragen stattdessen Hawaii-Hemden.
SPIEGEL ONLINE: Ist das Problem der Schadsoftware überhaupt zu lösen?
Kaspersky: Nicht in der näheren Zukunft. Es gibt allerdings eine Menge kreativer Ideen. Wir brauchen zum Beispiel eine Art Internet-Interpol, also eine stärkere Vernetzung der Polizeibehörden. Außerdem glaube ich, dass sich die Struktur des Internet wandelt: Es wird nicht mehr möglich sein, sich anonym einzuloggen. Man wird seinen Ausweis, seinen Internet-Führerschein, am Eingang vorzeigen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Was wäre, wenn die Anwendungen des Internet nicht mehr an den Computer gebunden wären? Wenn wir statt dessen Multimedia-Apparate für Ton und Bild, Post- und Chat-Geräte, reine Surf-Bretter, um im Web zu lesen, nutzen würden?
Kaspersky: Daran glaube ich nicht, weil die Konsumenten flexible Geräte bevorzugen.
SPIEGEL ONLINE: Meine Mutter nicht: Es würde für technisch weniger versierte Menschen doch vieles einfacher machen.
Kaspersky: Trotzdem. Wenn man die Konsumenten vor die Wahl stellt, ein sicheres Gerät zu nutzen, auf das man wenig Einfluss hat, oder aber ein flexibles System, mit dem sich alles mögliche anstellen lässt, dann entscheidet sich die Mehrheit für den flexiblen Ansatz. Stellen Sie sich mal vor, es gäbe ein neues Auto, bei dem sich durch Software-Updates Farbe und Gestalt nach Lust und Laune ändern ließen. Würden Sie das nicht kaufen, selbst wenn es leichter zu manipulieren wäre?
SPIEGEL ONLINE: Wenn ich jetzt ja sage, wäre ich ein Teil des Problems.
Kaspersky: Ja, so ist das wohl.
Die Fragen stellte Frank Patalong
Eine leicht gekürzte Version dieses Interviews erschien in der Ausgabe 15/2008 des SPIEGEL.
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