Der Plan war riskant: mit dem ICE in Hamburg ankommen, mit der U-Bahn ein paar Haltestellen zum Interview fahren und zwei Stunden später wieder zurück zum Zug.
Die Vorbereitung war perfekt: Am Vortag im Internet recherchiert, dass zwei "Einzelkarten Nahbereich" (Taste 2 am Nahverkehrsautomaten) für die Fahrt genügen und günstiger sind als diverse Tageskarten (Tasten T oder G). Morgens genug Kleingeld für zwei Einzelkarten eingesteckt, um gleich am Bahnhof die U-Bahn-Rückfahrkarte auf Vorrat zu kaufen.
Am erstbesten Hamburger Automaten fand ich die richtige Taste sofort zwischen den gut 20 anderen (T3, TK, Z usw.), bezahlte passend, erhielt zwei Tickets.
Als ich versuchte, die Fahrkarte abzustempeln, ging alles schief. Es war nirgends ein Entwerter zu sehen. Am Automaten nicht, an der Rolltreppe nicht, auf dem U-Bahnsteig nicht und in den einfahrenden U-Bahnen auch nicht.
Panik.
Hoch zum Automaten, Anleitung lesen. Irgendwann fand ich da den schönen Satz, kleingedruckt und gut versteckt zwischen ein paar Quadratmetern Tariferklärungen: "Fahrkarten zum sofortigen Fahrtantritt, ohne Entwertung gültig." Ich rannte zur U-Bahn, kam abgehetzt, aber pünktlich an und fuhr auf dem Rückweg schwarz, um den Zug zu erwischen. Denn das vorher gekaufte Ticket galt nicht mehr, die sorgsam abgezählten Münzen waren weg, die Geldkarte leer. Meine Scheine wollte der Automat nicht.
Experten in der Entwerterfalle
Dämlich, aber normal. In die Entwerterfalle tappen sogar Experten für benutzerfreundliche Gestaltung wie Ronald Hartwig, Berater bei der Firma User Interface Design. Hartwig hat beruflich schon Fahrkartenautomaten getestet. Und er ist aus Versehen schwarzgefahren, weil der Automat beim Ticketkauf nicht klarmachte, dass man die Fahrkarte noch mal abstempeln muss.
Laienfahrern droht das EBE
Hartwig: "Sie gab uns den Tipp, die Schilderung und die Quittung direkt an die Bahn zu schicken. Und tatsächlich erstattete man uns 20 Euro der 60 Euro Strafe zurück. Sozusagen dunkelgrau statt schwarzgefahren." Seine Meinung zur Entwerterfalle: "Trotzdem ärgerlich. Natürlich wäre es sehr hilfreich, wenn man sich bundesweit auf ein Modell einigen könnte." Oder zumindest Münchnern in Hamburg am Automaten auffällig klarmacht, dass hier alles etwas anders funktioniert. Schließlich sind die Automaten vor allem für Gäste und Gelegenheitsfahrer da – die ÖPNV-Profis vor Ort haben ja Monatstickets.
Für Laienfahrer ist es riskant, sich am Automaten ein Ticket zu ziehen. Das kann schon mal mit einem EBE enden.
EBE?
Erhöhtes Beförderungsentgelt. Die Schlichtungsstelle Nahverkehr der Verbraucherzentrale NRW reicht in einem Tätigkeitsbericht schöne EBE-Geschichten wie diese weiter: "Fahrgast kommt aus Niedersachsen. Er wusste nicht, dass in NRW Tickets aus dem Automaten entwertet werden müssen." ( PDF)
"Entwertung mittels Loch"
Die Lehren daraus: Bevor jemand irgendwo in Deutschland eine Fahrkarte zieht, bevor er überhaupt aufbricht, sollte er genau die Entwertungsmodalitäten studieren. Zum Beispiel in jenem Internet-Forum, wo ÖPNV-Fans wochenlang die Frage diskutieren: " Wo verläuft die Entwerter-Grenze?"
Die Antwort: kreuz und quer.
Alles klar? Falls nicht, hilft kaum ein Fahrkartenautomat weiter. Die meisten Geräte der älteren Generationen ohne Touchscreen sind offensichtlich für Ortskundige gebaut. Man hat zu wissen, wie die Fahrkarte zu entwerten und das Tarifsystem aufgebaut ist, in welcher Wabe, Zone oder Stufe denn nun die Zielhaltestelle liegt und ob man auf dem Weg dorthin umsteigen muss.
Ortskundige haben Monatskarten, Besucher keine Chance
Usability-Experte Hartwig: "Sehr oft sind bei der Gestaltung vieler Automaten nicht die Benutzer und ihre Aufgaben, sondern die Denkmuster und Wünsche der Anbieter in den Mittelpunkt gestellt worden. Das führt oft zu Tarifkauderwelsch, Abkürzungswahn und vor allem dazu, dass man ortskundig sein muss, um ein Gerät effektiv zu bedienen." Nur haben Ortskundige oft eine Monatskarte, Besucher nie.
Dieser Aushang ist ein paar Meter neben dem Automaten zu bestaunen: Auf einer Fläche, gut dreimal so groß wie die Automatenfront, sind in einem kleingedruckten Verzeichnis alle Haltestellen samt Preisbereich alphabetisch aufgeführt. Wer sich an die Anleitung des Automaten hält, kommt in Zeitnot: Wenn man in dem riesigen Haltestellenverzeichnis zu lange sein Ziel sucht, vergisst der Automat schon mal die gewählte Fahrkarte - oder ein ungeduldiger Wartender versucht sein Glück an dem verlassenen Automaten.
Nur das Monatsticket schützt vor Automaten
Abgesehen davon: Woher soll man eigentlich wissen, ob nun zwei Einzelkarten oder ein Tagesticket günstiger sind, wenn man die Ticketart vor der Zielauswahl bestimmten muss? Und warum kann man dem Automaten nicht einfach sagen, wohin man will?
Irgendwann einmal ist es bestimmt so weit. Ganz sicher. Wenn man Prognosen vertrauen kann, dann denen des Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV), dessen Tarife ich auch nach fünf Jahren in München nicht kapiert habe. Der MVV verspricht in einem als "Lehrerinformation" bezeichneten Text ( PDF):
"Der Kauf einer Fahrkarte ist heutzutage eine Sache von Sekunden. Konstrukteure haben in jahrzehntelanger Denkarbeit dafür gesorgt, dass dieser Vorgang immer weiter perfektioniert wurde. Eine Denkarbeit, die wahrscheinlich nie vollendet sein wird, da die technischen Möglichkeiten immer weiter fortschreiten!"
Hoffentlich. Bis dahin leiste ich mir eine ÖPNV-Flatrate. Wer genug bezahlt (fürs ganze Stadtgebiet), muss nie mehr über Tarifplänen grübeln, sondern kann einfach einsteigen. Für vielleicht sechs ÖPNV-Trips im Monat zahle ich mehr als für Internet und Unterwegstelefonate. Aber so ist das eben - wie bei Handy-Flatrates zahlen ÖPNV-Gelegenheitsnutzer drauf. Für das Privileg, nie Fahrkartenautomaten nutzen zu müssen.
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