ThemaIT-Legenden heuteRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
27.06.2008
 

Bill-Gates-Abschied

Der große Wohltäter

Von Frank Patalong

Er war ein jugendliches Idol der IT-Welt, gefürchteter Industrie-Tycoon und wird nun zum Elder Statesman - Bill Gates hat bemerkenswerte Wandlungen durchlaufen. Mit seiner dritten Reinkarnation könnte er es in die Geschichtsbücher schaffen: als Wohltäter und Mäzen.

Für Microsoft markiert der heutige Freitag eine Zäsur in der Firmengeschichte. Bill Gates, der Gründer und langjährige Chef des Unternehmens, zieht sich aus dem Tagesgeschäft zurück. Ein Abschied sei das aber nicht, versichert der Konzern, denn nach wie vor führe er den Aufsichtsrat und werde repräsentative Pflichten wahrnehmen.

Bemerkenswert ist, wie aufgeregt Microsoft versuchte, jede Aufregung über diesen Vorgang zu vermeiden. Gates' Abschied wurde schon vor zwei Jahren angekündigt, um jede Erschütterung zu vermeiden. Seine Aufgaben verteilte Gates schon ab 2000 auf vier Top-Manager des Konzerns. Jetzt werde alles weitergehen wie bisher, wenn nicht sogar noch besser, erfolgreicher, strahlender als je zuvor: So klingt das zumindest in einem firmenintern verbreiteten Memo mit vorbereiteten Antworten auf Fragen, die von Seiten der Presse kommen könnten.

Alles wird gut, business as usual. Noch nicht einmal eine große "Gates geht"-Party werde es geben, Gates habe sich in den vergangenen Monaten schon in angemessener Weise von seinen Mitarbeitern verabschiedet. Die angestrengte Unaufgeregtheit steht in krassem Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung: Kein Medium in der Welt, das heute nicht über Gates' Abschied berichtet.

Und das alles nur wegen des Abgangs des Chefs einer Softwarefirma?

Aber natürlich. An kaum einer prominenten Figur der IT-Industrien scheiden sich die Geister so sehr wie an Bill Gates. Ein Blick in die Forendiskussionen, die diese kurze Bio-Serie in den vergangenen Tagen begleiteten, zeigt, wie tief bei vielen die Antipathien gegen Microsoft tatsächlich gehen, wie hoch manchem der Blutdruck steigt, wenn er den Namen Gates auch nur liest.

Die dunkle Seite

Natürlich gibt es Ursachen dafür. Prägend waren für viele die PC-Erfahrungen der Achtziger und Neunziger, als uns unzuverlässige, unbequeme und instabile Software regelmäßig unsere Arbeits- und Lebenszeit stahl. Dass zugleich andere Firmen angeblich bessere Systeme anboten, die sich am Markt aber nicht durchsetzen konnten, führen die Fans solcher Produkte nicht auf mangelnde Fähigkeiten ihrer bevorzugten Hersteller und Verkäufer zurück, sondern auf Microsofts sinistre Umtriebe.

Denn auch die gab es ja, wenn man so will. Dass der immer so freundlich-jungenhaft erscheinende, hinter den Kulissen als Choleriker berüchtigte Bill Gates ein knallharter Geschäftsmann ist, der auch nicht davor zurückschreckte, seine Marktmacht gegen Herausforderer zu missbrauchen, wurde ihm in mehreren Verfahren richterlich bescheinigt. Auf dem Höhepunkt der Prozesse gegen Microsofts Monopolmissbräuche war sogar die Zerschlagung des Konzerns kurzzeitig beschlossene Sache. Auch dass sie abgewendet wurde, hat wohl etwas mit Macht zu tun.

Ein Verkäufer, kein Messias

Was wirft man ihm noch vor? Dass er stets zu viel versprochen und zu wenig gehalten habe? Auch das stimmt sicher: Die amerikanisch-japanisch geprägte IT-Industrie zelebriert ihre Produkt-Werbeveranstaltungen gern, als ginge es um die Rettung der Welt. Auch Gates stand unzählige Male auf Bühnen und halluzinierte strahlende Tech-Visionen, verkaufte Hightech-Kram, als hinge davon die Verhinderung des Jüngsten Gerichts ab.

Kann man ihm das vorwerfen? Nur in dem Maße, in dem man dem Blumenverkäufer auf dem Volksfest Vorwürfe machen kann: die beiden haben schließlich den gleichen Job. Über den Blumenhändler lacht man, weil man seine steilen Übertreibungen als Teil der Show erkennt. Warum nehmen wir dann die Bill Gates und Steve Jobs dieser Welt ernst, wenn sie davon schwafeln, mit MP3-Playern die Welt zu verändern? Die Dinger wirken nicht wirklich gegen Autobomben, Erdbeben, Kriege oder Epidemien.

Sich darüber zu erregen, bedeutet, das Thema zu hoch zu bewerten: Es ist Show, Spaß, Novität. Es hat Erfolg oder floppt, Gates hat beides erlebt. Er hat uns Produkte angeboten, die uns seit Jahren täglich begleiten, und versucht, uns Krimskrams unterzujubeln, den kein Mensch brauchte. Pech für den Verkäufer Gates, dass er in einer Branche arbeitet, in der man ihm seine Marketing-Versprechen noch nach Jahren als Zitat vor die Nase hält.

Ein oft schädliches Monopol mit angenehmen Nebenwirkungen

Gates' größtes Verdienst als Verkäufer ist für viele zugleich der Grund für den größten Vorwurf gegen ihn: die Einführung einer Art Standard-Plattform für PCs.

Wie hätte die IT-Branche ausgesehen, wenn es Gates nicht gelungen wäre, seine Software-Plattform so flächendeckend durchzusetzen? Wie unser Arbeitsleben, unsere Freizeit? Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob das andere dann vielleicht besser hinbekommen hätten: Sie haben es nicht hingekriegt, Gates hingegen schon.

Die Folge: Neunzig Prozent aller PC-Nutzer sind heute prinzipiell in der Lage, nach kürzester Einarbeitungszeit an 90 Prozent aller Rechner zu arbeiten. Oder platt gesagt: kennst du einen, kennst du alle.

Das ist ein Verdienst - auch wenn vor allem Gates daran verdient hat. Es ist fraglich, ob Computertechnik der Allgemeinheit so zugänglich wäre, wie sie es heute ist, wenn stattdessen über Jahre ein Kampf der Plattformen stattgefunden hätte. Gut möglich, dass dann auch der Wirtschaftsmotor IT-Branche heute deutlich schwächer gewesen wäre.

Ohne Frage dominierte Gates seine Branche über die vergangenen 25 Jahre, fraglos auch mit harten Bandagen. Seine Geschäftspraktiken widersprachen dabei oft seiner jugendlich-jovialen Selbstinszenierung. Aber sie hatten Erfolg, und sie haben unsere Arbeits- und Lebenswelt in ganz erheblichem Maße geprägt.

Wäre alles so weitergelaufen wie zur Wende des Jahrzehnts, dann hätte man sich irgendwann genauso an ihn erinnert: An einen freundlich lächelnden, aber knallhart agierenden Tycoon mit Ellbogen wie Rasierklingen.

Heute hat Gates seinen letzten regulären Arbeitstag bei Microsoft, ab Dienstag führt er dort nur noch den Aufsichtsrat. Doch es ist eine andere Tätigkeit, in die er seit 2000 immer mehr Zeit und Geld investierte, die sein Bild in der Geschichte nachhaltig prägen könnte: Gates ist Mitbegründer und Kopf der Bill und Melinda Gates Foundation - der größten privaten Wohltätigkeitsorganisation der Welt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 6 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.06.2008 von el Jens: Korrektur

Meinte oben natürlich 20 000 € und nicht 200 000. @pierre10: Richtig, gute Initiative von Herrn Gates. Und es gibt sicher viele Reiche und Wohlhabende, die sich an ihm ein Beispiel nehmen könnten. Aber: Wenn der Herr Gates all [...] mehr...

28.06.2008 von MonaM: Toller Zeitvertreib

Ist doch toll, wenn man so viel Geld hat, dass man es mit vollen Händen in der Welt verteilen kann. Muss Spaß machen. mehr...

28.06.2008 von pierre10: Mensch bleiben

Dass Gates sich wandelte, vom weltgrößten Gewinner zum weltgrößten Spender sollte man anerkennen und nicht nun irgend etwas Negatives suchen. Er ist ein Mensch, zeigt, wie man viel, viel Geld verdienen kann und wie ein [...] mehr...

28.06.2008 von 3komma14: Stehaufmännchen ...

... Qualitäten brauchte dieser Mensch nicht. Was er einst unverfroren abgekupfert und mit damals leider nicht illegalen Methoden in den Markt gedrückt hatte, wird heute millionenfach, nein milliardenfach praktiziert und in die [...] mehr...

27.06.2008 von DochDannKamAsti: .

Ich halte von seiner Software nicht sehr viel. Warum fällt ihm der Widerspruch nicht auf, der zwischen dem Ideal des frei fliessendem Wissens auf der einen Seite und Patenten, Monopolen, kurz Closed Source auf der anderen Seite [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Tech
alles zum Thema IT-Legenden heute

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP