Von Frank Patalong
Kurz und knapp die Fakten: Die Gates Foundation verfügt über einen Jahresetat, der aktuell zweimal, bald dreimal dem der Uno-Weltgesundheitsorganisation WHO entspricht. Aktuell verfügt sie über ein zum größten Teil aus Bill Gates' Taschen stammendes Gesamtvermögen von rund 38,8 Milliarden Dollar (laut Stiftungs-Jahresbericht 2007), was sich aber in absehbarer Zeit durch eine Spende seines Freundes Warren Buffet auf rund 70 Milliarden Dollar erhöhen wird.
Gates denkt gern groß.
Schon bald, nachdem er Mitte der Neunziger mit einer ersten, durch seinen Vater geleiteten Stiftung begann, sich karitativ zu betätigen, wuchsen seine Pläne. Wohltätigkeit ist beste Tradition unter Amerikas Reichen: Wer hat, der gibt auch. Niemand gab bisher mehr als Gates.
Gates will als Malaria-Killer Geschichte schreiben
Die 1999 initiierte, 2000 offiziell gegründete Stiftung, die er nach seinem Ausstieg aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft zusammen mit seiner Frau Melinda führen wird, ist in manchen Bereichen längst soweit, dem Namen Gates gerecht zu werden. So sehr dominiere die Gates-Stiftung beispielsweise die Malaria-Forschung, klagte unlängst Arata Kochi, Chef des Malariaprogramms der WHO, dass ohne die Stiftung nichts mehr gehe.
Das hat etwas Bittersüßes - denn vorher ging noch weit weniger. Wer allerdings mit wenig auskommen muss wie die WHO, der agiert auch anders: So lautet derzeit eine der meistgeäußerten Kritiken, dass der zu technikgläubige Gates mit seinem Medikamentenprogramm gegen Malaria letztlich scheitern müsse. Die WHO würde vorziehen, der die Keime verbreitenden Mücke den Garaus zu machen, Gates will die Krankheit heilen, am besten per Impfstoff. Die Eindämmung der Krankheit fördert er bis dahin durch die Subventionierung von Medikamenten, was Abhängigkeiten schafft und das Grundproblem nicht löst.
Gates sieht sich so in der überraschenden Position, für ein Zuviel an Hilfe kritisiert zu werden, weil er große Lösungen sucht, die den leidgeprüften Pragmatikern der notorisch unterfinanzierten Hilfsorganisationen vor Ort mitunter wie Science Fiction erscheinen. Aber ohne ihn können sie auch nicht mehr sein: Gates' Stiftung füllt die Lücken, die durch den Rückzug von immer mehr Staaten aus Hilfszahlungen entstehen.
Guter Zweck, schlechte Methoden?
Es stimmt darum, das Gates mit seiner Stiftung Hilfsleistungen, Impfaktionen und die Forschung im Bereich der Armutskrankheiten inzwischen dominiert. Gates selbst wandelte sich - etwa bei seinen jährlichen Auftritten beim Weltwirtschaftsforum - in den vergangenen Jahren vom Industrielobbyisten zum Lobbyisten in Sachen Entwicklungshilfe, medizinische Forschung und Umweltschutz.
Wo jemand etwas mit so viel Macht und Geld tut, weckt selbst das natürlich Kritik. Skeptiker und Gegner bemängeln, dass die Gates Foundation ihre Mittel zu sehr nach dem Gusto des Chefs verteile: Da werde in Forschung investiert, die nicht pragmatisch genug sei. Da würden Institute mit Aufträgen betraut, die sich auf für Gates heimischen Märkten bewegten. Da bestehe die Gefahr, dass die private Stiftung nur da helfe, wo es ihr passe.
Gates kooperiere zudem bedenkenlos mit Unternehmen, die zu den größten Umweltverschmutzern gehörten. Solche Empfindlichkeiten müssen Gates fremd sein: Er kommt aus einer Welt, in der man sich seiner Sünden entledigt, indem man Ablass zahlt. An die Stiftung, zum Beispiel.
Doch selbst, wenn das alles so ist, schmälert es nicht Gates' Verdienst. Was er mit der Foundation bewegt, ist beachtlich. Jetzt hat sich der Beißer Bill eben in neue Gegner verbissen, sein größter heißt derzeit Malaria: Der Mann hat nicht weniger vor, als diese Geißel der Menschheit auszurotten. Soll man das schlecht finden?
Creative Capitalism: Heilt Geld die Welt?
Natürlich kann man fragen, ob es wirklich uneigennützig war, als Gates begann, Druck auf die One-Laptop-per-Child-Initiative (OLPC) auszuüben, statt Linux doch besser Windows XP auf die Drittwelt-Rechner zu bringen. Aber Gates ist auch nicht auf der Jagd nach einem Heiligenschein: Er verfolgt ein Konzept, das er in einer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang dieses Jahres als "creative capitalism" definierte. Gates glaubt, dass sich die kapitalistischen Marktkräfte so kanalisieren ließen, dass sie nicht nur Profite erbringen, sondern auch die Ungleichheiten und Probleme dieser Welt lösen.
Plakativ gesagt: Geld heilt die Welt. Seine Vision ist nicht nur die eines Drittweltlandes ohne Aids, Malaria, Durchfall, Masern und Hunger, sondern die eines solchen Landes, in dem sich die Menschen deshalb eben auch PCs leisten können. Gates rettet nicht nur Menschen, sondern auch Konsumenten.
Im Programm der Stiftung finden sich zahlreiche Projekte, die zum Ziel haben, sozial Benachteiligten mit Bildung auf die Beine zu helfen. Ein hartnäckiger Kritiker mag darin die Erschließung neuer Zielgruppen für den Konzern entdecken, aber das wäre doch zynisch: Selbst wenn es so wäre, stellte es eine Verbesserung der Lebensumstände dar.
Und natürlich eckt Gates auch mit seinem unbedingten Fortschrittsglauben und dem Vertrauen auf die etablierte Industrie an. Dass er in Landwirtschaftsprojekte im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe investiert, finden alle gut; dass er Bauern in Schwellenländern mittelbar mit gentechnisch veränderten Saaten versorgt, hingegen nicht. Anders als ein NGO oder eine Regierung aber folgt Gates mit seiner Stiftung nun einmal persönlichen Überzeugungen. Die müssen einem nicht gefallen, aber der Mann bewegt zumindest etwas. Dass seine Investments in Medikamente und Forschung dabei denselben Pharmafirmen zugute kommen, die die Freigabe von preiswerten Generika in der Dritten Welt verweigern, ist eine weitere Kritik.
Und was steht auf der Haben-Seite der Stiftung? Da findet sich Unglaubliches: Schätzungen zufolge hat die Gates Foundation mit ihrem Geld in den vergangenen Jahren bereits mehr als 1,7 Millionen Menschen das Leben gerettet. Es scheint plausibel, dass die die Kritik etwas anders lesen. William Henry Gates III hat jedenfalls beste Chancen, damit und nicht nur als Tycoon der IT-Branche in die Geschichte einzugehen. Eine anhaltende Abhängigkeit bedürftiger Nationen und Organisationen von seiner Stiftung hat er nicht im Sinn: 50 Jahre nach dem Tod des Ehepaars Gates soll diese sich selbst auflösen und verteilen.
Seinen drei Kindern vermacht Gates, seit Anfang der Neunziger einer der reichsten Menschen der Welt, jeweils zehn Millionen Dollar. An die Stiftung fließen bis dahin nach aktuellem Stand zwischen 50 und 100 Milliarden Dollar. Aber Gates ist nun 53 Jahre alt. Ein bisschen was wird er wohl noch verdienen.
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