Datenlecks
IT-Schlamperei lockt Computergauner
Die Firewall-Software ist gekauft, aber nicht installiert, die Sicherheitsregeln sind streng, aber noch nicht umgesetzt - die größten Coups gelingen Datenkriminellen mühelos, wenn EDVler so schlampen. Wirklich ausgeklügelte Angriffe sind selten - Schlamper-Coups die Regel.
Für einige war es ein "Lapsus", andere sprachen von skandalöser Ignoranz. Eine IT-Sicherheitspanne hatte dazu geführt, dass die Daten von rund einer halben Million Bürgern über Monate hinweg
für jedermann zugänglich waren. Nach einer Software-Installation war in einigen Gemeinden vergessen worden, die Standardeinstellungen für den Zugang zu ändern, die zudem noch im Internet standen. Für IT-Sicherheitsexperten sind Fälle wie dieser aber nicht die Ausnahme, wie man hoffen möchte, sondern die Regel.
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Computer-Gauner: Kleine Nachlässigkeiten bei der IT-Sicherheit ermöglichen die schwersten Attacken
Ein kürzlich veröffentlichter Bericht von
Verizon Business kommt zu dem Ergebnis, dass neun von zehn Fällen von Datenmissbrauch durch geeignete, oft ganz einfache Sicherheitsvorkehrungen hätten verhindert werden können. Denn meist sind es Nachlässigkeiten, kleine "absolut menschliche Fehler", die wesentlich zum Datendiebstahl beitragen, erklärt der Sicherheitsexperte Matthijs van der Wel von Verizon Business im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP.
Van der Wel und seine Kollegen werden in Unternehmen und Organisationen gerufen, wenn dort Computereinbrüche oder Hackerangriffe vermutet werden. Mehr als 500 konkrete Fälle aus den Jahren 2004 bis 2007 wurden für den jetzt veröffentlichten "2008 Data Breach Investigations Report" (Bericht zu den Ermittlungen zum Datenmissbrauch 2008) ausgewertet.
Der Datendienstahl bei einer Organisation oder einem Unternehmen geschieht demnach nur selten durch einen gezielten Angriff. Meist spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Viren und andere Schadprogramme kamen in 39 Prozent der Fälle zum Einsatz, Hacking in 59 Prozent. Erschreckend aber sei, dass in 62 Prozent der Verstöße irgendeine Art von Fehler im Spiel war, die direkt oder indirekt den Angriff erst ermöglichte, erläutert van der Wel.
Meistens waren es einfache "Nachlässigkeiten". Da wurden Sicherheitsmaßnahmen zwar beschlossen, aber nicht umgesetzt, Standard-Passwörter unverändert gelassen, eine Firewall angeschafft, aber nie installiert.
Gefahr durch Geschäftspartner
Entgegen einer oft geäußerten Vermutung, werden die meisten Sicherheitsverstöße offenbar nicht von Insidern begangen. In 79 Prozent kam der Angriff von außen, nur in 18 Prozent waren Insider tätig. Bedenklicher aber sei, dass in 39 Prozent der Fälle nicht superclevere Hacker am Werk, sondern Geschäftspartner darin verwickelt gewesen seien, sagt van der Wel.
Schad- und Spähsoftware
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Wie das
Trojanische Pferd
in der griechischen Mythologie verbergen
Computer-Trojaner
ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten
Backdoor
, einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere
Schadprogramme
nachgeladen werden.
Computerviren
befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in
Tauschbörsen
einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen:
"Root"
ist bei
Unix-Systemen
der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein
Rootkit
ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte
Shell
auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um
Trojaner
,
Viren
und andere zusätzliche
Schadsoftware
über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren
Kompromittierungen
eines Rechners.
Computerwürmer
sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein
Schadprogramm
, das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats,
AIMs
,
P2P-Börsen
und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Unter einem
Drive-by
versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von
Scripten
nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter
Schadcode
Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnets
sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die
Zombiearmeen
werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen
Web-Seiten in die Knie zu zwingen
oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei
SPIEGEL ONLINE)
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um
"falsche Software"
. Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als
Adware-Programme
belästigen sie den Nutzer mit Werbung.
Die perfideste Form aber ist
Ransomware
: Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Ein
Zero-Day-Exploit
nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von
Schadprogrammen
ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
Sogenannte distribuierte
Denial-of-Service-Attacken
(DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.
Allzuviel Arbeit wollen sich Hacker offenbar auch nicht mehr machen. Sie greifen lieber "nach den niedrig hängenden Früchten", sagt der Sicherheitsexperte. "Aus krimineller Sicht arbeiten sie wirtschaftlich." Vom technischen Niveau her seien die meisten Attacken niedrig oder moderat. Nur 14 Prozent der untersuchten Angriffe richteten sich gegen Finanzinstitutionen, bei denen zwar viele Daten zu holen sind, die aber auch gut gesichert sind. Mehr als die Hälfte der Angriffe betraf die Getränke- und Lebensmittelindustrie.
Viele Daten mit wenig Aufwand
Das scheint nur auf den ersten Blick verwunderlich. Aber hier gibt es einfache Kassensysteme oder ähnliches, die meist "von der Stange gekauft", installiert und nur selten gut geschützt werden. Da sind zwar nur immer einzelne Datensätze zum Beispiel von Kreditkarten zu holen, aber dafür sind bei einem Unternehmen ja oft hunderte oder gar tausende Kassen im Einsatz. Und auf Dauer kommt so mit wenig Aufwand einiges zusammen, erklärt van der Wel.
Hierbei kommt den Angreifern noch ein Umstand zugute, der nichts mit dem Hollywood-Image zu tun hat, wo Hacker in dramatischen Momenten in den Rechner eindringen, die Daten blitzschnell herunterladen und dann verschwinden. Im wirklichen Leben bleiben Sicherheitsverstöße "Stunden, Tage oder Wochen", zum Teil sogar Monate unbemerkt, wie auch im Fall der Datenpanne bei den deutschen Meldebehörden, wo das Passwort monatelang auf einer Website eingesehen werden konnte.
IT-Sicherheit wie den Brandschutz regelmäßig üben
Und wer bemerkt die Panne? Nur in den seltensten Fällen ist es das betroffene Unternehmen oder die Organisation selbst, erklärt van der Wel. In mehr als 70 Prozent der Fälle waren es Dritte, die auf den Angriff aufmerksam machten. Oft auch die Polizei, die sich nach der Festnahme einer Hackergruppe bei den Unternehmen meldete und ihnen mitteilt, dass sie offenbar Ziel eines Angriffs waren.
Aber es sei doch bemerkenswert, dass immerhin zwölf Prozent der Vorfälle von den eigenen Mitarbeitern gemeldet würden, sagt van der Wel. "Das heißt, es ist ein Bewusstsein da, auf Sicherheitsverstöße zu achten." Daran müssten die Unternehmen ansetzen und diesen Anteil weiter ausbauen, das Bewusstsein noch mehr schärfen. Dazu könnten auch regelmäßige Übungen so wie beim Brandschutz gehören, schlägt van der Wel vor, also Scheinangriffe auf die IT-Systeme, um das richtige Vorgehen im Fall eines Angriffs zu schulen.
Klaus Gürtler/AP
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