Hamburg - Liest man die vielen Artikel, die zur Frankfurter Buchmesse 2008 erschienen sind, scheint eines fast gewiss: Das Buch, das gute alte Bündel Papier mit Buchstaben und Einband, ist ein Auslaufmodell. Es wird darüber gesprochen und geschrieben wie über einen lieben alten Verwandten, der eine schmerzlose, aber unheilbare Krankheit hat - man wünscht ihm ein möglichst langes Restleben, auf mehr aber hofft man nicht. Die Familie ist traurig, aber gefasst.
Buch am Strand: Unempfindlich gegen Sand, Meerwasser und Eiscreme
Aber: "Den sich abzeichnenden Boom des E-Books, Gesprächsthema Nummer eins der Messe, beobachten die Buchhändler mit Sorge, die Verleger immerhin mit gemischten Gefühlen." So steht es in der über jeden Panikmache-Verdacht erhabenen "Neuen Zürcher Zeitung". Die vermeintliche Bedrohung der guten alten Bücherwelt durch die Digitalisierung beherrscht die Berichterstattung über die Buchmesse - der Leitartikel der "Süddeutschen Zeitung" vom Mittwoch ist überschrieben mit "Leser und Lesegeräte", darunter ist von "Entstofflichung" die Rede. Der Literaturagent Michael Gaeb sagte dem KulturSPIEGEL, das E-Book werde "das gedruckte Buch zwar nicht abschaffen, aber in vielen Teilen ersetzen".
Buchmesse-Direktor Juergen Boos wies bei der Eröffnung der Mammut-Veranstaltung am Mittwoch in Frankfurt am Main eigens darauf hin, dass "30 Prozent der auf der Messe ausgestellten Produkte" bereits jetzt "digital" seien. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, an den Messeständen stünden nun betongraue Ladestationen herum, in die man nur noch ein Lesegerät einzustöpseln braucht, um sich das aktuelle Verlagsprogramm herunterzuladen.
Doch die digitalen Produkte, von denen Boos da sprach, sind mehrheitlich Silberscheiben: CDs mit Vorgelesenem, CDs mit Wörterbüchern, DVDs mit dem Film zum Buch. Allein 2007 wurden in Deutschland 200 Millionen Euro mit Hörbüchern umgesetzt.
Vermutlich sind auf der Messe auch ein paar elektronische Wörterbücher zu finden und Lernsoftware für Kinder. Textdateien dagegen dürften auch 2008 einen verschwindend geringen Teil des Angebots ausmachen. Die machen sich ja auch so schlecht im Regal. Außerdem gibt es noch kaum Lesegeräte dafür - die bislang erhältlichen stammen von Nischenanbietern und sind zudem teuer. Wann Amazons E-Buch namens Kindle in Europa auf den Markt kommt, ist nach wie vor unbekannt, Sonys Lesegerät PRS-505 soll erst Anfang 2009 in den Läden liegen. Trotzdem: Die Angst vor dem Reader geht um.
"Wenn er aber kommt?", scheint derzeit, wie im alten Kinderspiel vom "Schwarzen Mann", das Mantra der Verlage und vor allem der verängstigten Buchhändler zu sein. Begründet wird die Sorge stets nach dem gleichen Muster: Auch in der Musik- und Filmbranche habe der Umbruch von analogen zu digitalen Darreichungsformen katastrophale Auswirkungen gehabt. Der Wandel werde die Buchbranche nun verzögert, aber mit ähnlicher Wucht treffen.
Seine Bibliothek kann man nicht digitalisieren
Genau das aber wird nicht passieren.
Die Menschen werden nicht vor Elektronikmärkten Schlange stehen, um sich für Hunderte von Euro digitale Buch-Anzeiger zu kaufen. Folglich werden sie auch nicht anfangen, in Scharen illegale Digitalkopien von Büchern aus dem Netz herunterzuladen - dieses Schicksal droht höchstens den Hörverlagen. Doch selbst der Umsatz mit Hörbuch-Downloads ist im ersten Halbjahr 2008 um zwölf Prozent gestiegen.
Es gibt ein paar entscheidende Unterschiede zwischen Büchern und Platten, die viele Beobachter aus lauter Angst vor dem Wandel aus dem Blick verloren zu haben scheinen. Der wichtigste ist: Bücher kamen bislang ganz gut ohne Abspielgeräte aus. Im Gegensatz zu Musik und Filmen: Seit diese als Konsumgüter für den Hausgebrauch existieren, sind Menschen auch bereit gewesen, für die entsprechenden Maschinen zu bezahlen. Seit Grammophon und Dampfradio ist anerkannt: Wer zu Hause Musik hören will, muss entweder selbst singen oder Geld für Unterhaltungselektronik ausgeben.
Für MP3-Player gilt dasselbe Prinzip: Mit dem Walkman wurde schon Ende der Siebziger das Konzept eines tragbaren, statussymboltauglichen Musikspielers eingeführt. Dann kam der iPod und bot sogar die Möglichkeit, auf ziemlich einfache Weise sämtliche Musiktitel mitzunehmen, die man bereits gekauft und bezahlt hatte - indem man seine CDs in den Rechner schob und Dateien daraus machte. Digitale Zweitverwertung.
Die wahre Bedrohung für das Buch sind Handys
E-Reader haben den Vorteil einer historisch gewachsenen Gewohnheit nicht. Und man kann auch nicht seine Büchersammlung digitalisieren und dann endlich all die Titel in den Urlaub mitnehmen, die man schon immer mal lesen wollte. Was schade ist, denn das wäre wirklich mal ein Mehrwert.
E-Reader sind für den potentiellen Kunden vor allem eins: eine Investition. Teure Geräte, die eine Funktion erfüllen, ohne die man bislang gut leben konnte. Gefährlich wird es fürs gedruckte Buch erst dann, wenn aus Handys oder Mini-Notebooks wirklich tragbare Multi-Medien-Spieler geworden sind, faltbar, mit wochenlanger Akkulaufzeit und überragenden Displays. Wenn Bücherlesen ein Abfallprodukt wird, bequemer Bonusnutzen eines Gerätes, das man ohnehin besitzt. Erst dann werden auch Raubkopien, Abo-Modelle und Buch-Flatrates ernsthaft diskutiert werden müssen.
Der Nutzen von Kindle und Co. besteht derzeit vor allem darin, dass sie Platz sparen - mit entsprechender Speicherkarte aufgebohrt kann so ein notizblockkleines Gerät ganze Bibliotheken reisefertig machen. Aber wer braucht das? Wer würde dafür zahlen? Zumal auch E-Bücher der Buchpreisbindung unterliegen werden.
Nur echte Bücher überstehen Sand, Meerwasser und Eiscreme
Nur Vielleser - und zwar solche, die viel unterwegs sind. Fahrende Literaturkritiker vielleicht. Mobile Lektoren. Aber ob gerade die aufs Papier verzichten wollen? Studenten unter Umständen - für die Lesegeräte wiederum den Nachteil haben, dass man in elektronischen Büchern weder Passagen anstreichen noch Seiten mit Klebezettelchen markieren kann. Für alle anderen lohnt sich so ein Ding höchstens für den Urlaub - aber am Strand sind E-Reader auch wieder fehl am Platz, während Bücher Sand, Meerwasser und Eiscreme klaglos aushalten. Und selten geklaut werden.
Das Buch hat noch ein langes Leben vor sich. Nicht nur, wie in diesen Tagen vielerorts zu lesen ist, weil Papier so schön raschelt, nicht wegen Goldschnitt, Ledereinbänden, charmanten Buchhändlerinnen und haptischen Qualitäten. Sondern weil es keinen Strom braucht, nicht kaputtgeht, wenig kostet, einfach zu bedienen ist - und ohne Hilfsmittel perfekt funktioniert.
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Ich. Bei einem Buch zählt für mich einzig und allein der Inhalt. Die Darreichungsform ist mir völlig schnuppe. eBook-Reader sind wunderbar klein und leicht. Ich kann in meiner Jacketinnentasche meine gesamte Bibliothek mit [...] mehr...
Ich weiss nicht, nach welchen "Regeln" der Buchmarkt spielt, das Buch darf aber nicht sterben und wird auch nie durch diese Elektrozeugs ersetzt! ...es gibt ja beim Lesem eines Buches nichts besseres, als umzublättern [...] mehr...
Doch, doch... siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_Roche Der Rest der Aussage stimmt natürlich. Sagen wir's mal so: Wären Roches Bücher statt von einer jungen Frau von einem alten Mann geschrieben worden, hätte die [...] mehr...
Ich denke es wird beides bestehen bleiben. Leute wie ich die Papier in der Hand haben wollen aber auch das e-book für unterwegs schätzen. Der digitale Markt wird sicher noch wachsen aber das alte Buch nicht föllig ablösen. [...] mehr...
Ja, die Meinung von Prominenten und "Schönmenschen" ist von allgemeinem Interesse. Immer mehr Menschen interessieren sich nicht für ihren Kontostand, aber fürs Fernsehprogramm. Also, für die wirklich [...] mehr...
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