Von Frank Patalong
Wir wissen heute, dass sich das Marktsegment völlig anders entwickelt hat: Offiziell heißt es von Seiten der Hersteller nun zumeist, Netbooks seien Zweit- oder Drittrechner für unterwegs. In der Realität genügen die Mini-Rechner immer mehr Menschen als handliches Surfbrettchen - und nagen kräftig am bisher hochpreisigen Laptop-Markt und seinen Preisniveaus.
Hier ist das Archos anders
Ein echtes Alleinstellungsmerkmal hat das Archos durch seine "Parental Control"-Software: In Windows Vista ist so etwas eingebaut, XP fehlt es jedoch, hier schließt Software von Drittanbietern die Lücke.
Als Default-Nutzer wird ein Minderjähriger angenommen, der auf dem Rechner nur eingeschränkte Rechte besitzt. Die legen die Eltern als System-Admins fest. Dazu gehört das Zeitbudget, das über eine Wochenkalender-Übersicht festgelegt und verwaltet wird. Daran vorbei kommt der Sprössling nicht: Vor dem Zugriff aufs Betriebssystem liegt das Login ins Kinder-Nutzerkonto.
Das alles ist gut gelöst: Da bekommt der Nachwuchs beispielsweise zwei Stunden täglich, wenn man will innerhalb eines definierten Zeitabschnitts, dazu ein wöchentliches Maximal-Zeitkonto. Wird das eine oder andere überschritten, geht der Rechner einfach aus.
Als Zensor wirkt das Programm zudem in Sachen Internet: Die leicht zu bedienende Kontroll-Software erlaubt, Sperrlisten von Webseiten zu führen oder Seiten gezielt frei zu geben. Hier kann man am Objekt bestaunen, wie dämlich solche Filterlisten, die sich auch so mancher Innenpolitiker sehnlich wünscht, wirklich sind.
Der Gaga-Beweis: Stern.de ist böse, Porno ist gut
Die Vorgaben der Software verhindern zuverlässig, dass etwa die (sicher in gewisser Hinsicht nicht kindgerechten) Nachrichten von Stern.de aufgerufen werden können: Die berüchtigte Webseite überschreitet die "zulässigen Sicherheitsstufen für ... Drogen, Geldspiele, gewaltsame Webseite". Focus.de und Zeit.de sind übrigens okay, SPIEGEL ONLINE nur zeitweise - warum, konnten wir nicht herausfinden. Amüsant ist es allemal: Grüße an die Kollegen vom "Stern", wir Nachrichtenmacher sind offenbar die neuen Schmuddelkinder.
Nicht ganz begriffen haben wir auch, warum man zwar den "Stern" nicht lesen darf, dafür aber die menschliche Anatomie bis hinein in die Details der Kopulation nach Herzenslust studieren: Zwar blockiert die Software bekannte pornografische Seiten, via Google und Co aber kommt man dann doch wieder ran ans Fleisch. Mit Verlaub: So doof ist kein Teenager, dass er sich von solchen Filtern aussperren lässt.
Trotzdem ist der Ansatz nicht grundsätzlich schlecht. Als ängstlicher Elternteil kann man Filterregeln erweitern oder einschränken und dem Nachwuchs auf dessen Anfrage sogar das Lesen von Stern.de erlauben, wenn man will. Dass der Filter in seinem Grundzustand absolut nichts taugt, ist dagegen nur typisch. Wenn man so etwas testweise im Bundestag installierte, wäre die leidige Debatte um Web-Zensur wohl schnell vom Tisch.
Aber will man all das denn nun auf dem Tisch? Durchaus, das Zeitmanagement und die Rechteverwaltung des Rechners sind durchdacht, die Ausstattung ist gut, Design und Wertigkeit auch, der Preis angemessen. Den Filter könnte man deaktivieren und dem Kind besser Medienkompentenz vermitteln: Das ist der beste Filter, denn den hat man immer dabei. Ein echter Minuspunkt ist die Tastatur, die nur nervt - unabhängig davon, ob man kleine oder große Finger hat.
Wenn Archos hier nachbesserte, wäre der erste Netbook-Versuch des Multimedia-Spezialisten durchaus ein respektabler Wurf. Denn Platz für ein Kinder-Netbook hätte der Markt durchaus: Kein Feature des Rechners traf im Rahmen des Tests auf so viel Interesse wie das Zeitmanagement und die Einschränkungsmöglichkeiten für Installationen etc..
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